Familie bangt weiter um in der Türkei inhaftierten Deutschen aus Ulm
Die Familie eines seit Mitte August in der Türkei festgehaltenen Mannes aus Ulm leidet nach eigenen Angaben massiv unter der Ungewissheit. „Wir hoffen, dass er schnell freigelassen wird“, sagte sein Bruder Sebahattin Soylu. Der 46-Jährige sitzt laut seinem Anwalt wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in einem Gefängnis in Ankara. Zuerst hatte die „Südwest Presse“ über den Fall berichtet.
Ferdi Soylu war am 8. August gemeinsam mit seiner Frau und den vier Töchtern auf dem Landweg in die Türkei eingereist. Nach Darstellung seines Bruders wurde ihm schon an der Grenze gesagt, dass er sich innerhalb einer Woche bei der Staatsanwaltschaft in Ankara melden müsse, weil ein Vorwurf gegen ihn bestehe. Dass er zunächst weiterreisen durfte, habe die Familie beruhigt. Man sei davon ausgegangen, dass es sich um eine Befragung handeln werde, bei der er die Sache klären könne.
Am 14. August reiste Soylu dann nach Ankara und erschien dort zusammen mit seinem Anwalt bei der Staatsanwaltschaft. Er machte nach Angaben der Familie eine Aussage. Kurz danach erfuhren die Angehörigen, dass er in Untersuchungshaft genommen worden war. Sein Bruder sprach von dem größten Schock seines Lebens.
Vorwurf bezieht sich auf die Jahre 2012 und 2013
Nach Angaben des Verteidigers geht es um den Verdacht, Soylu sei 2012 und 2013 Mitglied des Ulmer Vereins „Feza“ gewesen. Die türkischen Behörden gehen demnach davon aus, dass der Verein Verbindungen zur Gülen-Bewegung hatte, die in der Türkei als terroristische Organisation eingestuft wird. Die Regierung in Ankara macht Fethullah Gülen und sein Umfeld für den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 verantwortlich.
Die Familie weist die Vorwürfe zurück und nennt sie nicht nachvollziehbar. Nach Angaben des Bruders habe es nur einen Bezug zu dem Verein gegeben, weil eine Tochter dort vor Jahren Nachhilfe bekommen habe. Das sei zudem mehrere Jahre vor der späteren Einstufung gewesen.
Ferdi Soylu lebt den Angaben zufolge seit rund 25 Jahren in Deutschland und besitzt seit mehr als zehn Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit. Er arbeitet als Ingenieur bei einem IT-Unternehmen in Ulm. Laut seinem Bruder ist er weder in Deutschland noch in der Türkei bisher mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Eigentlich war die Reise als Besuch bei den Eltern in Bursa geplant. In den vergangenen drei oder vier Jahren habe Soylu die Türkei mehrfach ohne Probleme besucht, zuletzt im November des vergangenen Jahres. Auch deshalb ist für die Familie unverständlich, warum er nun in Haft sitzt.
Ehefrau und Töchter sind wieder in Deutschland
Nach der Festnahme blieb die Familie zunächst noch etwa eine Woche in der Türkei. Nach Angaben des Bruders herrschte Unsicherheit darüber, ob die Angehörigen das Land problemlos verlassen könnten. Die Situation sei für alle sehr belastend gewesen. Schließlich seien seine Schwägerin und die vier Mädchen nach Deutschland zurückgereist. Die Heimfahrt habe rund 40 Stunden gedauert.
Inzwischen konnte eine in der Türkei lebende Schwester Ferdi Soylu im Gefängnis besuchen. Sein Gesundheitszustand sei den Umständen entsprechend gut. Besonders die ersten Tage der Haft seien aber sehr schwer gewesen. Zunächst habe er drei Tage allein in einer Zelle verbracht, danach sei er mit anderen Gefangenen zusammengelegt worden, gegen die ähnliche Vorwürfe erhoben werden.
Auswärtiges Amt über den Fall informiert
Der Anwalt hat nach eigenen Angaben Einspruch gegen die Inhaftierung eingelegt. Die Familie wartet nun auf eine Entscheidung der zuständigen Justizbehörden. Sebahattin Soylu sagte, er habe Organisationen angeschrieben, Abgeordnete um Hilfe gebeten und versucht, möglichst viel Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken. Alles, was ihm möglich gewesen sei, habe er genutzt.
Auch die deutschen Behörden sind eingeschaltet. Das Auswärtige Amt bestätigte auf Anfrage, dass der Fall bekannt sei und der Mann konsularisch betreut werde. Weitere Angaben machte das Ministerium mit Verweis auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte nicht.
Nach Angaben des Auswärtigen Amts können deutsche Staatsbürger, die im Ausland inhaftiert sind, auf Wunsch Unterstützung durch die zuständige Auslandsvertretung erhalten. Dazu können nach Zustimmung des Haftstaates auch Gefängnisbesuche gehören. Wie schnell und wie oft solche Kontakte stattfinden, hängt vom Einzelfall und den Bedingungen vor Ort ab.
Bislang keine Anklage erhoben
Laut Familie gab es bisher zwei Anrufe von Behörden, bei denen es lediglich um persönliche Daten ging. Die Angehörigen wünschen sich nach eigenen Angaben mehr Unterstützung und auch einen direkten Anruf beim Inhaftierten. Er solle wissen, dass außerhalb des Gefängnisses alles getan werde, um ihm zu helfen.
Nach Angaben des Anwalts liegt bislang noch keine Anklageschrift vor. Auch über den Einspruch gegen den Haftbefehl ist demnach noch nicht entschieden worden. Der Familie und der Verteidigung bleibt damit vorerst vor allem eines: warten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber