Sara (Gio Yoo) treibt sich jeden Tag mit einem klaren Mantra durchs harte Balletttraining: Sie will stark bleiben und ihre Eltern stolz machen. Die setzen große Hoffnungen in die talentierte Schülerin. Doch insgeheim wünscht sich Sara ein anderes Leben: Sie möchte als K-Pop-Tänzerin Karriere machen und nach Seoul.
Kompliziert wird es, als sie sich in den musikalisch begabten Daniel (Alexander Schmidt) verliebt. Plötzlich scheinen ihre Träume zum Greifen nah — gäbe es da nicht den erbitterten Konflikt zwischen ihren Familien.
Teenie-Soap in ultrakurzem Format
Die Handlung der neuen ARD-Serie „Between the Beats“ wird in den ersten beiden Folgen in gerade einmal dreieinhalb Minuten angerissen. Im klassischen Fernsehen läuft die 26-teilige Produktion allerdings nicht. Stattdessen ist sie kostenlos auf TikTok sowie auf einer Landingpage von Radio Bremen zu sehen.
Mit dem Start am 25. Juni betritt die ARD in Deutschland Neuland und setzt auf das Genre Vertical Drama, auch Micro-Drama genannt.
Weniger als drei Minuten pro Folge — gedreht fürs Smartphone
Diese Formate bestehen aus Episoden von meist nur ein bis drei Minuten Länge und werden im Hochkantformat produziert. Damit orientieren sie sich klar an der Nutzung über soziale Netzwerke und sind vor allem für das Smartphone gemacht.
In den USA und besonders in Asien sind solche Mini-Serien bereits ein Massenphänomen. Vor allem ein junges, häufig weibliches Publikum schaut sie in großer Zahl. Nicht selten sorgen kostenlose Einstiegsfolgen dafür, dass Zuschauerinnen und Zuschauer später auch Geld für die stark verdichteten Dramastoffe ausgeben.
Titel wie „If Loving You Is a Sin“, „I Married a Mafioso“, „My Secret Lover Is His Brother“ oder „Oh No I Slept With My Boss“ zeigen, nach welchen Mustern viele dieser meist günstig in China produzierten Serien funktionieren. Marktbeobachter gehen davon aus, dass der weltweite Umsatz in diesem Bereich bis 2026 auf rund 14 Milliarden US-Dollar steigen könnte.
Die ARD will jüngere Zielgruppen erreichen
Dass ausgerechnet die ARD in Deutschland jetzt auf ein Vertical-Format setzt, ist kein Zufall. Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen damit gezielt jüngere Menschen ansprechen, denn ihr bisheriges Publikum ist im Schnitt deutlich älter.
Annette Strelow, Leiterin Fiktion und Unterhaltung bei Radio Bremen, sagt, man sehe in „Between the Beats“ eine gute Chance, die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen zu erreichen — also genau jene, die das lineare Angebot seltener nutzen. Gleichzeitig wolle man inhaltlich mehr bieten als viele andere Produktionen dieses Genres.
Unterstützung bekommt die Serie auch von den Influencern Blond Minh und Feng Yi Lu. Entscheidend für die Reichweite dürfte jedoch vor allem TikTok selbst sein. Die Plattform sorgt mit ihrem Algorithmus dafür, dass Inhalte anhand vorhandener Nutzerdaten ausgewertet, eingeordnet und passend ausgespielt werden.
Algorithmen prägen Inhalt und Verbreitung
Gerade bei solchen Kurzformaten spielen Daten, Algorithmen und Künstliche Intelligenz eine besonders wichtige Rolle — nicht nur bei der Ausspielung, sondern auch bei der Herstellung. Das betrifft etwa Synchronisation, Zuspitzung der Handlung oder die Wahl von Schlagworten.
Begriffe wie „Milliardär“, „Boss“, „Heirat“, „Geheimnisse“ oder „Betrug“ tauchen in vielen Titeln nicht zufällig auf: Solche Themen erzeugen nach bisherigen Erfahrungen besonders viel Aufmerksamkeit.
Neue Plattform-Logik statt klassischer TV-Strategie
Für Gregor Sauter, Chef der Produktionsfirma Red Pony, bei der auch „Between the Beats“ entstand, treffen in diesem Genre Technologie und Fiktion direkt aufeinander. Entscheidend seien dabei vor allem die Daten, die vom Publikum kommen.
Nach seiner Einschätzung funktionieren Verticals nach einer völlig anderen Plattform-Logik als klassische Medienmodelle. Während große Medienhäuser bislang zuerst starke Marken aufbauen und diese dann über verschiedene Kanäle verbreiten, entstehen solche Formate viel unmittelbarer aus dem digitalen Nutzungsverhalten.
Auch große Unternehmen wie Disney nutzen das Konzept inzwischen, um Kurzversionen bekannter Serien in sozialen Netzwerken zu verbreiten.
Sauter ist überzeugt, dass Streaming und Social Media das traditionelle Fernsehen zunehmend ablösen. Zugleich erwartet er Unterschiede zwischen den Märkten: In Europa könnten eher anspruchsvollere Stoffe erfolgreich sein als in Asien oder den USA. Doch auch hier gelte: Wer das Publikum erreichen will, muss die Daten verstehen.
Fest steht: Viele Sender und Streaminganbieter in Deutschland prüfen derzeit, ob und wie sich Kurzformate in ihre Programme integrieren lassen. Vertical Dramas könnten damit zu einem wichtigen Baustein des Fernsehens für eine neue Generation werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber