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Helmut Lethen ist tot – was er hinterlässt

Seine ungewöhnliche Beziehung wurde Bühnenstoff, sein Kälte-Buch Kult: Nun ist Helmut Lethen mit 87 gestorben.

14.08.2026, 18:24 Uhr

Der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Wie sein Verlag Rowohlt Berlin mitteilte, starb er am Donnerstag, 13. August, in Wien. Bekannt wurde Lethen vor allem mit seiner Epochenstudie „Verhaltenslehren der Kälte“ aus dem Jahr 1994 sowie mit dem Gottfried-Benn-Buch „Der Sound der Väter“ von 2006.

Für sein autobiografisch geprägtes Werk „Der Schatten des Fotografen“, in dem er sich unter anderem mit den Kriegsfotografien von Robert Capa auseinandersetzte, erhielt Lethen 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.

Lethen wurde 1939 in Mönchengladbach geboren. Von 1977 bis 1996 lehrte er an der Universität Utrecht. Anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Zwischen 2007 und 2016 stand er zudem dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien vor.

Bedeutendes Werk: „Verhaltenslehren der Kälte“

Sein Verlag würdigte Lethen als einen der prägenden Gegenwartsdenker und als besonders charismatischen Vertreter der Kulturwissenschaften in Deutschland. Mit ihm verliere man einen außergewöhnlich großzügigen Menschen, dessen Heiterkeit und intellektuelle Neugier bis zuletzt ansteckend gewesen seien.

Als Lethens wichtigstes Buch gilt „Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Darin untersuchte er anhand von Autoren wie Bertolt Brecht, Ernst Jünger und Helmuth Plessner, wie in der Weimarer Republik und der Zeit zwischen den Weltkriegen neue Verhaltensmuster propagiert wurden. Nach dem Zusammenbruch von Moralvorstellungen und Traditionen nach dem Ersten Weltkrieg sei ein Habitus der Härte zum Leitbild geworden.

Auch sein Privatleben wurde künstlerisch aufgegriffen

2020 veröffentlichte Lethen seine Erinnerungen unter dem Titel „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Beim Berliner Theatertreffen 2026 war zudem die Produktion „Three Times Left is Right“ von Studio Julian Hetzel eingeladen, eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Schauspiel Leipzig.

Die bereits 2025 uraufgeführte Performance mit Josse De Pauw und Kristien De Proost kreist um eine stark politisierte Paarbeziehung: Er ist alt und links, sie deutlich jünger und rechts – und dennoch bleibt die Verbindung bestehen.

Regisseur Julian Hetzel hatte in Interviews erklärt, die Inspiration für das Stück sei Helmut Lethens Partnerschaft gewesen. Seine Partnerin sei ebenfalls Schriftstellerin und Intellektuelle, vertrete jedoch eine radikal andere politische Haltung. Laut Hetzel habe sie sich von einer linken Position zur extremen Rechten bewegt. Er nannte Caroline Sommerfeld als eine der führenden intellektuellen Stimmen der Neuen Rechten in Deutschland und Österreich. Gemeinsam habe das Paar drei Kinder.

Hetzel bezeichnete diese Konstellation als eine Art Metapher für Europa: Menschen mit gegensätzlichen Überzeugungen säßen an einem Tisch und rängen um eine gemeinsame Zukunft – sei es die ihres Landes oder die ihrer Kinder. Gerade diese Frage habe das Produktionsteam besonders interessiert: Wie gelingt ein solches Zusammenleben trotz politischer Gegensätze?

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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