Vom Hoffnungsträger zum Problemquartier? Die wechselvolle Geschichte des Plattenbaus in Deutschland
Der deutsche Plattenbau hat seine Wurzeln nicht erst in den riesigen Hochhaussiedlungen der Nachkriegszeit, sondern bereits im Jahr 1926. In der Splanemann-Siedlung in Berlin-Friedrichsfelde entstand damals die erste Wohnanlage des Landes, die mit vorgefertigten Betonplatten errichtet wurde.
Auf den ersten Blick erinnert dort wenig an die späteren Großsiedlungen: Die Häuser sind nur zweigeschossig, haben spitze Dächer, Sprossenfenster und kleine Vorgärten. Doch hinter den roten Fassaden steckt bereits das Prinzip, das Jahrzehnte später ganze Stadtlandschaften prägen sollte: industriell gefertigte Betonteile, die schnell und vergleichsweise günstig montiert werden konnten.
Besonders ab den 1970er Jahren wurde diese Bauweise in großem Stil genutzt. Vor allem in der DDR entstanden riesige Neubaugebiete wie Berlin-Marzahn, Halle-Neustadt oder Leipzig-Grünau. Aber auch im Westen wurden große Siedlungen in Plattenbauweise errichtet, etwa in München-Neuperlach oder Köln-Chorweiler.
Moderne Wohnungen als begehrtes Ziel
In der DDR galten die neuen Wohnungen lange als Inbegriff modernen Wohnens. Ausgangspunkt war das Wohnungsbauprogramm von 1973, mit dem die Staatsführung versprach, den massiven Wohnungsmangel bis 1990 zu beseitigen. Insgesamt sollten drei Millionen Wohnungen gebaut werden. Die industrielle Bauweise machte das möglich: Sie war billig, standardisiert und schnell. Der Ausbau einer einzelnen Wohnung soll teils nur rund 18 Stunden gedauert haben.

Der Historiker Sören Marotz vom DDR-Museum beschreibt eine Plattenbauwohnung als echten Glücksfall. Für viele Menschen sei sie damals äußerst attraktiv gewesen. Die Mieten waren niedrig, eine Dreiraumwohnung kostete demnach etwa 106 Mark im Monat, Kündigungsschutz inklusive.
Hinzu kamen Ausstattungsmerkmale, die in vielen Altbauten fehlten: Zentralheizung, Warmwasser, ein Bad mit Wanne. Zahlreiche ältere Häuser waren dagegen in schlechtem Zustand, mussten mit Kohle beheizt werden und verfügten teils nur über Toiletten außerhalb der Wohnung.
Der Standardtyp WBS 70
Besonders verbreitet war in der DDR die sogenannte WBS 70, die „Wohnbauserie 70“. Die ersten Wohnungen dieses Typs wurden 1973 in Neubrandenburg gebaut. In Berlin-Marzahn-Hellersdorf ist eine solche Drei-Zimmer-Wohnung bis heute im Originalzustand erhalten und dient als kleines Museum. Mit Velourssofa, Blumentapete und typischem DDR-Geschirr vermittelt sie einen Eindruck davon, wie diese Wohnungen einst erlebt wurden.
Die Bauten selbst prägen ganze Stadtteile bis heute. Marzahn-Hellersdorf gilt nach Angaben des Bezirks als größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Europas. Dort gehören rund 100.000 Wohnungen zum Großsiedlungsgebiet, ein Großteil der Bewohner lebt in solchen Neubauquartieren.
Zwischen günstigen Mieten und viel Grün
Nicht alle, die heute dort wohnen, sehen die Viertel negativ. Michael, 59, lebt in einem zehnstöckigen Haus in Hellersdorf und schätzt vor allem die Ruhe, die gute Verkehrsanbindung und die vergleichsweise niedrigen Mieten. Für seine 80-Quadratmeter-Wohnung zahlt er nach eigenen Angaben 700 Euro. Zwischen den Häusern gebe es viel Freiraum und große Grünflächen, was das Wohnen angenehm mache.
Auch andere Bewohner verweisen auf die Vorzüge der Siedlungen. Viele ziehen wegen der bezahlbaren Mieten dorthin oder weil sie auf dem angespannten Wohnungsmarkt keine Alternative finden. Ein Mieter berichtet von einer kleinen, ansprechenden Wohnung mit Balkon, deren Kosten vom Amt übernommen werden.
Wie aus begehrten Wohnungen benachteiligte Viertel wurden
Nach Einschätzung des Soziologen Matthias Bernt vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung hat sich die soziale Zusammensetzung der Plattenbaugebiete stark verändert. Zu DDR-Zeiten sei die Mischung deutlich breiter gewesen. Damals hätten Menschen aus sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen Tür an Tür gewohnt.
Mit der Wiedervereinigung änderte sich die Lage grundlegend. Viele Bewohner verließen Ostdeutschland, besonders jüngere und gut ausgebildete Familien. Gleichzeitig wurde vielerorts neu gebaut, und Altbauten wurden mit staatlicher Unterstützung saniert. Dadurch wuchs das Wohnungsangebot, obwohl die Bevölkerung in vielen Regionen schrumpfte.
Ende der 1990er Jahre führte das zu hohen Leerständen. Schätzungen zufolge standen in Ostdeutschland damals mehr als eine Million Wohnungen leer. Zahlreiche Plattenbauten wurden in der Folge abgerissen.
Sozialer Abstieg vieler Siedlungen
Während westdeutsche Großsiedlungen von Anfang an stärker dem sozialen Wohnungsbau dienten, setzte eine ähnliche Entwicklung im Osten erst später ein. In den 2000er Jahren verloren viele Quartiere weiter an Status. Wohnungen wurden günstig an Finanzinvestoren verkauft, die sie verstärkt an einkommensschwache Haushalte vermieteten. Hinzu kamen später vielerorts Geflüchtete und andere Zuwanderer. In manchen Siedlungen stieg der Migrantenanteil deutlich.
Das hat auch Spannungen mit sich gebracht. Einige Bewohner klagen über Müll, Anonymität, Alkoholprobleme oder Gewalt im öffentlichen Raum. Ein langjähriger Anwohner aus Marzahn sagt, das Viertel habe sich stark verändert. Er berichtet von Schlägereien am Abend und einem raueren Umfeld als früher.
Andere erleben die Situation aus einer anderen Perspektive. Ein 27-jähriger Afghane erklärt, er habe lange vergeblich nach Wohnraum gesucht und sei letztlich ohne echte Alternative nach Marzahn gezogen. Seitdem habe er mehrfach rassistische Beleidigungen erlebt, auch wenn er seine direkten Nachbarn als freundlich beschreibt.
Mehr als nur Klischees
Stadtforscher Bernt sieht in vielen Plattenbaugebieten heute Orte, in denen zunehmend Menschen landen, die sich kaum andere Wohnformen leisten können. Von den ursprünglichen städtebaulichen Idealen sei man damit weit entfernt.
Gleichzeitig warnt er davor, alle Siedlungen über einen Kamm zu scheren. Nicht jedes Quartier sei gleich, und nicht jede Platte sei automatisch ein sozialer Brennpunkt. Zwischen gepflegten, ruhigen Wohnlagen mit viel Grün und Quartieren mit deutlichen sozialen Problemen gebe es große Unterschiede.
So bleibt der Plattenbau in Deutschland ein widersprüchliches Erbe: einst Symbol für Fortschritt, bezahlbares Wohnen und Moderne, heute oft Projektionsfläche für soziale Debatten, Vorurteile und sehr unterschiedliche Lebensrealitäten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber