Fußball

Neuer Premier und Blatter schießen gegen FIFA-Pläne

FIFA will die WM auslagern – jetzt laufen Europas Spitzen Sturm. Selbst Blatter und der britische Premier gehen auf die Barrikaden.

29.07.2026, 05:49 Uhr

Neue Kritik an FIFA-Investorenplänen: Max Eberl bringt Europa-Boykott ins Spiel, UEFA verschärft Widerstand

Die Empörung über die Investorenpläne der FIFA wächst weiter. Nun hat auch Bayern Münchens Sportvorstand Max Eberl den Vorstoß von FIFA-Präsident Gianni Infantino scharf angegriffen und im Extremfall sogar einen Boykott des europäischen Fußballs gegen FIFA-Wettbewerbe nicht ausgeschlossen.

Nicht einmal zwei Wochen nach dem WM-Finale in den USA hatte der Weltverband mitgeteilt, mit dem möglichen Verkauf eines Teils seiner kommerziellen Rechte an FIFA-Wettbewerben Milliarden erlösen zu wollen. Geplant ist weiterhin eine neue Gesellschaft, über die künftige Weltmeisterschaften und weitere Turniere wirtschaftlich gebündelt werden sollen. Private Investoren könnten dabei laut FIFA rund 20 Prozent an der Tochtergesellschaft FFE erwerben, in der unter anderem die Vermarktungsrechte an den FIFA-Wettbewerben liegen. Der Unternehmenswert soll zunächst bei 20 Milliarden US-Dollar liegen.

Eberl attackiert die FIFA ungewöhnlich deutlich

Im Trainingslager des FC Bayern in Rottach-Egern fand Max Eberl besonders scharfe Worte. Er nannte die Debatte um den Einstieg von Investoren „beschämend“ und sagte, er schäme sich dafür, dass im Fußball überhaupt über solche Gedanken gesprochen werde. Der Fußball gehöre niemandem, sondern sei ein Spiel.

Eberl warf der FIFA vor, sich von ihrer eigentlichen Aufgabe entfernt zu haben. Der Weltverband müsse das Spiel begleiten, Regeln setzen und Weltmeisterschaften ausrichten. Stattdessen entstehe bei ihm der Eindruck, dass es der FIFA inzwischen vor allem um Profit gehe. Selbst ihn, der seit Jahrzehnten im Fußball zu Hause sei, ekelten diese Überlegungen an, sagte der 52-Jährige.

Boykott? Eberl stärkt der UEFA den Rücken

Besonders brisant: Eberl begrüßte die harte Haltung der UEFA ausdrücklich und brachte für den Fall einer Eskalation auch einen Boykott Europas ins Gespräch. Zwar sei er grundsätzlich ein Freund des Dialogs und nicht des Boykotts. Wenn es aber so weit komme, müsse Europa Haltung zeigen und klar sagen, dass man diesen Weg nicht mitgehe, weil er nicht zum Sport passe.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Bayern als Teilnehmer der Club-WM von deutlich steigenden Einnahmen aus dem FIFA-Modell profitieren könnte. Trotzdem stellte sich Eberl klar gegen den geplanten Deal.

Schon zuvor scharfe Kritik aus Politik und Fußball

Bereits zuvor hatten der britische Politiker Andy Burnham und Ex-FIFA-Präsident Joseph Blatter die Überlegungen deutlich verurteilt. Burnham erklärte, Fußball dürfe nicht Investoren gehören. Der Sport gehöre den Menschen auf den Tribünen und an den Spielfeldrändern, die Woche für Woche mitfieberten. Die WM sei kein Produkt, sondern der größte Wettbewerb der Welt.

Auch Blatter meldete sich auf X kritisch zu Wort und griff dabei erneut Infantino sowie dessen Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump an. Die enge Verbindung habe inzwischen eine finanzielle Dimension erreicht, die dem Fußball schade. Niemand habe das Recht, den Sport zu verkaufen, schrieb der Schweizer. Britische Medien spitzten die Debatte mit Schlagzeilen wie „WM zum Verkauf“ und „Rote Karte für den FIFA-Plan, die WM zu verkaufen“ weiter zu.

Neuer Streit um das Verfahren und die Ausschüttungen

Zusätzlichen Zündstoff liefert das Vorgehen der FIFA. Nach einem Bericht der Times setzt der Weltverband in einem Brief ausdrücklich auf eine Zustimmung binnen 53 Tagen. Im Fall eines Ja soll jeder Verband 40 Millionen US-Dollar abrufen können, bei einer Ablehnung dagegen nur 10 Millionen US-Dollar.

Diese Konstruktion löste besonders scharfe Kritik aus. Eine nicht namentlich genannte Person nannte das gegenüber der Zeitung „reine Bestechung“. Auch die UEFA wertete den Vorgang als weiteren Beleg dafür, wie problematisch der gesamte Plan sei. Von der FIFA gab es dazu zunächst keine näheren Angaben.

Neue Turbulenzen um Infantino

Der Zeitpunkt des Vorstoßes ist auch deshalb heikel, weil Infantino zuletzt schon während der WM in die Kritik geraten war. Auslöser war die nach einem Anruf von Donald Trump zurückgezogene Sperre gegen US-Stürmer Folarin Balogun. Nun verteidigt Infantino offensiv den nächsten umstrittenen Schritt.

Hinzu kommt politischer Druck aus den USA. Anfang der Woche wurde bekannt, dass ein Abgeordneter Infantino zu einer Befragung im Justizausschuss des Repräsentantenhauses laden will, sobald er sich in den Vereinigten Staaten aufhält. Mit der Debatte über die Investorenpläne ist dieses Thema vorerst etwas in den Hintergrund gerückt.

UEFA bleibt beim klaren Veto

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Überlegungen hatte die UEFA bereits Widerspruch eingelegt. In ihrer Stellungnahme machte die Europäische Fußball-Union deutlich, dass hier eine Grenze überschritten werde, die die für den Fußball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften. Seele und Führung des Fußballs seien keine Ware.

Bemerkenswert ist dabei auch der Zeitpunkt: Die UEFA veröffentlichte ihre Ablehnung bereits auf Grundlage eines Medienberichts und noch bevor die FIFA die Pläne offiziell mitgeteilt hatte. Damit wollte der Kontinentalverband früh klar machen, dass Europa den Vorstoß sehr ernst nimmt.

UEFA-Vizepräsident Gabriele Gravina sagte, mit solchen Schritten gehe man zu weit. Das über Jahre gewachsene Gleichgewicht zwischen Fußball als Unterhaltung und als Volksleidenschaft könne durch reines Gewinnstreben zerstört werden. Er forderte die Kontinentalverbände auf, entsprechend zu reagieren.

Auch Hans-Joachim Watzke unterstrich als UEFA-Vizepräsident das Gewicht Europas. Mit Blick auf das jüngste WM-Turnier verwies er darauf, dass sechs europäische Mannschaften das Viertelfinale und drei das Halbfinale erreicht hätten. Wenn sich der europäische Fußball geschlossen gegen die Pläne stelle, habe das erhebliches Gewicht, sagte Watzke.

Ein Bericht, wonach innerhalb der UEFA sogar ein Boykott von FIFA-Wettbewerben erwogen werde, wurde vom Verband zunächst nicht kommentiert. Im Raum steht zudem eine kurzfristige Dringlichkeitssitzung der europäischen Verbände. Durch Eberls Aussagen hat diese Debatte nun neue Nahrung erhalten.

Auch FA und DFB monieren das Verfahren

Der englische Fußballverband FA erklärte, er habe vor der Veröffentlichung keine Kenntnis von den FIFA-Plänen gehabt. Man sei tief besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens und angemessener Governance.

Auch von anderer Seite wurde kritisiert, dass zentrale Verbände und Konföderationen nach eigener Darstellung zunächst nur aus den Medien von dem Projekt erfahren hätten.

Asien und Concacaf inhaltlich offen, aber irritiert

Während Europa den Vorstoß früh und deutlich ablehnte, äußerten sich die Kontinentalverbände aus Asien sowie aus Nord- und Mittelamerika weniger konfrontativ. Sowohl der asiatische Verband AFC als auch Concacaf sollen dem Modell inhaltlich offen gegenüberstehen.

Beide Verbände kritisierten allerdings ebenfalls das Vorgehen der FIFA-Spitze und beklagten, im Vorfeld nicht informiert worden zu sein. Concacaf erklärte laut Berichten, man sei über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens tief besorgt. Damit wächst der Unmut über das Verfahren auch außerhalb Europas – selbst dort, wo es keine grundsätzliche Ablehnung des Deals gibt.

Milliardenmodell mit alter Vorgeschichte

Nach FIFA-Angaben soll das neue Modell diesmal etwas mehr als vier Milliarden US-Dollar einbringen, umgerechnet gut 3,5 Milliarden Euro. Es ist nicht der erste Anlauf dieser Art. Bereits 2018 hatte Infantino einen milliardenschweren Deal für Vermarktungsrechte an einer erweiterten Club-WM und einer globalen Nations League vorangetrieben. Damals ging es um 25 Milliarden US-Dollar. Am Ende scheiterte das Vorhaben am Widerstand – auch aus Europa.

Die FIFA betont, sie wolle auch in der neuen Struktur die ausschließliche Zuständigkeit für die Führung des Fußballs, die Wettbewerbe, den internationalen Spielkalender sowie alle regulatorischen und sportlichen Entscheidungen behalten. In Kürze soll ein derzeit geprüfter Vorschlag den 211 Mitgliedsverbänden und dem FIFA-Rat vorgelegt werden.

Was sich für Fans ändern könnte

Konkrete Folgen für Fans hat die FIFA bislang nicht genannt. Nach einem Bericht der Times könnte ein Einstieg externer Investoren jedoch den Druck erhöhen, Weltmeisterschaften weiter zu vergrößern oder künftig häufiger auszutragen. Finanzinvestoren setzen in der Regel auf steigende Erlöse und einen wachsenden Unternehmenswert.

Wachsen Umsatz und Wert der neuen Gesellschaft, steigt auch der Wert ihrer Beteiligung. Mehr Spiele oder zusätzliche Turniere könnten also die Einnahmen weiter erhöhen. Infantino hatte ohnehin bereits das Ziel ausgegeben, die Erlöse im laufenden WM-Zyklus auf 15 Milliarden US-Dollar steigern zu wollen.

Mehrheit weiterhin möglich

Trotz des heftigen Widerstands aus Europa gilt eine Zustimmung innerhalb der FIFA weiter als möglich. Gerade kleinere Mitgliedsverbände dürften das Modell unterstützen, weil sie von deutlich höheren Ausschüttungen profitieren könnten.

Infantino sprach in diesem Zusammenhang von einer „Demokratisierung des Fußballs weltweit“. Zudem kündigte er an, massiv auch in die kleinsten und entlegensten Teile der Fußballwelt investieren zu wollen. Nach FIFA-Angaben könnten sich die jährlichen Einnahmen der Mitgliedsverbände bis 2038 im Schnitt auf mehr als sieben Millionen US-Dollar pro Jahr mehr als verdreifachen. Gerade für kleine Verbände wäre das finanziell hochattraktiv.

Welche Rolle Infantino später spielen könnte

Brisant ist auch eine mögliche personelle Folge des Deals. Nach einer weiteren Amtszeit als FIFA-Präsident könnte Infantino ab 2031 an die Spitze der neuen Tochtergesellschaft rücken und dort als Geschäftsführer oder Commissioner weiter großen Einfluss ausüben.

Ein FIFA-Sprecher betonte zwar, über ein solches Szenario sei bisher nie konkret gesprochen worden. Zugleich hieß es aber, Präsident und Verwaltung müssten bei einer Genehmigung führende Rollen in der neuen Struktur einnehmen, damit die Kontrolle der FIFA über ihre Tochtergesellschaft gemäß den Statuten gewahrt bleibe.

Erinnerungen an frühere Widerstände

Die Diskussion erinnert nicht nur an frühere FIFA-Pläne aus dem Jahr 2018, sondern auch an andere Grundsatzkonflikte im Fußballgeschäft. Schon damals stellte sich die UEFA mit Aleksander Ceferin in Frontalopposition zu Infantinos Milliardenmodell – und setzte sich durch.

Auch bei den Super-League-Plänen europäischer Clubs im Jahr 2021 gehörte Ceferin zu den lautesten Gegnern. Diesmal ist die Lage jedoch komplizierter, weil die FIFA mit höheren Ausschüttungen vor allem kleinere Verbände auf ihre Seite ziehen könnte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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