COP17 zur Biodiversität: Staaten ziehen Zwischenbilanz beim Naturschutz
Vier Jahre nach dem globalen Abkommen zum Schutz der Natur beraten auf der 17. UN-Biodiversitätskonferenz (COP17) in Eriwan fast 200 Staaten über den Stand der Umsetzung. Zwei Wochen lang soll ab Montag in der armenischen Hauptstadt geklärt werden, wie die bis 2030 vereinbarten Ziele trotz zahlreicher Rückschläge noch erreicht werden können.
Was wurde 2022 beschlossen?
Mit dem Weltnaturabkommen verpflichteten sich die Länder unter anderem dazu, mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen weltweit unter Schutz zu stellen. Zur Halbzeit steht nun erstmals eine umfassendere Zwischenbewertung an.
Wie weit ist die Welt beim Schutz von Natur und Arten?
Ein vor Beginn der Konferenz veröffentlichter UN-Bericht zeigt, dass die Staaten beim derzeitigen Tempo ihre Ziele bis 2030 verfehlen dürften. Die Umsetzung verlaufe bislang zu schleppend und nicht in ausreichendem Umfang.
UN-Generalsekretär António Guterres verwies zwar darauf, dass nahezu 90 Prozent der Vertragsstaaten inzwischen nationale Biodiversitätsziele beschlossen haben. Gleichzeitig sei jedoch die Lücke zwischen politischen Versprechen und konkretem Handeln weiterhin groß. Besonders kritisch ist aus Sicht der Vereinten Nationen die Finanzierung. Guterres forderte mehr Geld und technische Unterstützung, vor allem für Entwicklungsländer. Zudem müsse der Schutz der biologischen Vielfalt stärker in politische Entscheidungen und staatliche Haushalte eingebunden werden.
Wie bewerten Umweltverbände die Lage?
Naturschutzorganisationen erkennen durchaus Fortschritte, halten das bisherige Vorgehen aber für deutlich zu langsam. Sie verlangen, dass bestehende Umsetzungslücken geschlossen, Schutzgebiete wirksam gesichert und die finanziellen Mittel erhöht werden. Außerdem müssten Klima- und Biodiversitätspolitik enger miteinander verbunden werden, betont etwa Greenpeace.
Auch der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) drängt auf mehr Einsatz. Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger erklärte, Deutschland und Europa müssten in Eriwan eine Vorreiterrolle übernehmen und zeigen, dass sie den Wiederaufbau geschädigter Ökosysteme ernsthaft vorantreiben. Der WWF fordert ebenfalls, Natur- und Artenschutz stärker in verschiedene Politikfelder einzubeziehen.
Welche Position vertritt die Bundesregierung?
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sieht ebenfalls Fortschritte, verweist aber auf erhebliche Defizite bei der praktischen Umsetzung. Nun komme es darauf an, schneller zu handeln, damit die gemeinsamen Ziele noch erreichbar bleiben. Schneider will in der zweiten Woche der Konferenz nach Eriwan reisen und dort die deutsche Delegation anführen.
Zugleich räumte der Minister ein, dass auch Deutschland im eigenen Land noch viel nachholen müsse. Neben nationalen Anstrengungen sei jedoch auch internationale Zusammenarbeit entscheidend, damit Ökosysteme weltweit erhalten werden können.
Wie steht es um die Natur in Deutschland?
Nach Einschätzung von Fachleuten ist der Zustand vieler Schutzgebiete in Deutschland alarmierend. Eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung zu Gebieten nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie kommt zu dem Ergebnis, dass nur sechs Prozent der Lebensräume und lediglich vier Prozent der erfassten Arten in einem günstigen Zustand sind.
Diese FFH-Gebiete sollen besonders wertvolle oder bedrohte Arten und Lebensräume bewahren. Als Hauptursachen für ihren schlechten Zustand nennen die Autoren intensive Landwirtschaft, Trockenlegung, forstwirtschaftliche Nutzung und andere menschliche Eingriffe. Zusätzlich wirkten Belastungen von außen, etwa durch Pestizide, Nährstoffeinträge, Bebauung und den Klimawandel.
Besonders groß sei der Handlungsbedarf in Wäldern und Meeresschutzgebieten. Fachleute empfehlen, zehn Prozent der Wälder in öffentlicher Hand sowie zehn Prozent der Meeresschutzgebiete als streng geschützte Zonen ohne stoffliche Nutzung auszuweisen – also insbesondere ohne Fischerei und ohne bauliche Eingriffe. Derzeit ist in deutschen Meeresgebieten allerdings nur rund ein Prozent der Fläche vollständig von Nutzung ausgenommen.
Warum ist der Schutz der Artenvielfalt so wichtig?
Die biologische Vielfalt nimmt seit Jahrzehnten stark ab. Der „Living Planet Report 2026“ des WWF zeigt einen deutlichen Rückgang vieler Wildtierbestände. Demnach schrumpften die mehr als 35.000 untersuchten Wirbeltierpopulationen zwischen 1970 und 2022 im Durchschnitt um 73 Prozent.
Für Umweltverbände ist klar: Der Schutz der Natur ist keine Nebensache, sondern eine Voraussetzung für das menschliche Leben. Greenpeace betont, dass funktionierende Ökosysteme die Grundlage für Gesellschaft, Wirtschaft und Versorgungssicherheit bilden. Auch Nabu-Präsident Krüger verweist auf die Folgen im Alltag: Waldbrände, Niedrigwasser und ausgetrocknete Landschaften zeigten auch in Deutschland, wie abhängig das Leben und Wirtschaften von intakter Natur ist.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber