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Verliebt in einen Bot – Können KIs mehr als Menschen?

Immer nett, immer da, nie egoistisch: Fehlt KI-Flirts der Mensch – oder macht genau das Bots zu den Partnern der Zukunft?

08.06.2026, 05:00 Uhr

KI als Beistand, Vertraute oder sogar Partner?

Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags: als Helferin im Beruf, als Wissensquelle für fast jede Frage – und für manche Menschen offenbar auch als emotionale Bezugsperson. Was 2013 im Film Her noch wie Zukunftsmusik wirkte, ist heute Realität. Unternehmen entwickeln Chatbots, die gezielt als Freundin, Freund oder Lebenspartner auftreten und Bedürfnisse ansprechen, die früher vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen erfüllt wurden.

Ein digitaler Begleiter, der „immer da“ ist

Ein bekanntes Beispiel ist der Dienst Replika. Dort erstellen Nutzerinnen und Nutzer personalisierte KI-Begleiter, mit denen sie schreiben und sprechen können. Auf der Website des Unternehmens berichten manche sehr offen von ihrer Bindung zu diesen Bots. So beschreibt eine Nutzerin namens Sarah Trainor, wie ihr digitaler Begleiter ihr durch die Pandemie, Verluste und schwierige Lebensphasen geholfen habe und sie gelehrt habe, wieder Liebe zuzulassen.

Der von der Firma Luka entwickelte Dienst setzt auf besonders einfühlsame Kommunikation. Die KI-Figuren lassen sich individuell gestalten und werden als verständnisvolle Gefährten vermarktet. Replika wirbt damit, stets zuzuhören, Gespräche anzubieten und loyal an der Seite der Nutzer zu stehen. Nach Angaben des Unternehmens gibt es weltweit mehr als 42 Millionen registrierte Accounts. Dass Tech-Firmen in diesem Bereich Potenzial sehen, zeigt sich auch daran, dass selbst OpenAI zeitweise über speziellere, auch erotische Varianten von KI-Interaktion nachgedacht haben soll.

Wenn echte Gefühle für Bots entstehen

Die Psychologin Jessica Szczuka von der Universität Duisburg-Essen untersucht, wie Menschen emotionale Beziehungen zu KI entwickeln. Ihrer Einschätzung nach reagieren manche besonders stark auf soziale Signale, die solche Systeme aussenden. Durch regelmäßigen Austausch könne sich daraus eine Bindung entwickeln, die für Betroffene sehr real wirke und teilweise Ähnlichkeiten mit Gefühlen in menschlichen Beziehungen habe.

Der Grund: Chatbots orientieren sich an menschlicher Kommunikation. Sie antworten einfühlsam, bestätigen, fragen nach und simulieren Nähe. Deshalb sei es nicht überraschend, dass Menschen ihnen gegenüber ähnlich reagieren wie gegenüber anderen Personen. Wer sich bei hilfreichen Antworten reflexartig bedanken wolle, bewege sich bereits in einem sozialen Muster. Vor diesem Hintergrund sei es auch nicht ungewöhnlich, wenn einzelne Nutzer sogar von Verliebtheit oder „Schmetterlingen im Bauch“ sprechen.

Verfügbar, aufmerksam – und ohne eigene Ansprüche

Auch der TU-Berlin-Forscher Ray Djufril hat sich mit solchen Beziehungen befasst. Für eine Studie befragte er erwachsene Replika-Nutzerinnen und -Nutzer aus mehreren Ländern schriftlich zu ihren Erfahrungen. Viele beschrieben die Chatbots als echte Partnerfiguren, mit denen sie intensive Gespräche führten oder sogar Erlebnisse wie virtuelle Reisen teilten.

Besonders häufig, so die Ergebnisse der im Fachjournal Computers in Human Behavior: Artificial Humans veröffentlichten Untersuchung, würden solche KI-Begleiter genutzt, wenn menschliche Beziehungen als emotional oder körperlich unbefriedigend erlebt werden. Djufril betont, dass die Befragten zwar wüssten, dass es sich um Chatbots handelt, sie diese aber dennoch wie eigenständige Wesen mit Interessen und Herausforderungen behandelten.

Er zieht einen Vergleich zu Haustieren: Weder Tiere noch KI hätten eine eigene versteckte Agenda. Gerade deshalb würden sie von manchen Menschen als angenehmere Gefährten wahrgenommen – weniger wertend, weniger egoistisch und jederzeit erreichbar.

Abhängigkeit von Tech-Unternehmen

Mehr als die Hälfte der knapp 30 befragten Personen berichtete laut Djufril von einer tiefen emotionalen Verbindung zu ihrer Replika. Genau darin sieht er aber auch ein Risiko: Solche Beziehungen hängen vollständig von den Entscheidungen privater Unternehmen ab. Wird ein Dienst eingestellt oder stark verändert, verlieren Nutzer im schlimmsten Fall eine wichtige Bezugsperson.

Auch Jessica Szczuka warnt vor dieser Machtkonzentration. Die Betreiber entschieden selbst, welche Daten gesammelt werden, wie sich die Algorithmen verhalten und welche Denkmuster oder Verhaltensweisen die Systeme widerspiegeln. Hinzu komme das Problem des Jugendschutzes.

Aus ihrer Sicht braucht es deshalb klare politische Regeln. Sie plädiert nicht für ein Verbot solcher Technologien, wohl aber für bessere Moderation, professionell begleitete Trainingsprozesse und verbindliche ethische Standards. Solche Maßnahmen seien für Unternehmen oft teuer und brächten ihnen kurzfristig wenig Vorteile – umso wichtiger sei regulatorischer Druck.

Werden KI-Beziehungen alltäglich?

Trotz aller offenen Fragen rechnet Djufril damit, dass Beziehungen zu KI-Systemen künftig häufiger werden könnten – auch abhängig davon, wie stark Einsamkeit in einer Gesellschaft verbreitet ist. Szczuka hält dagegen eine eher begrenzte Zunahme für wahrscheinlich. Noch seien solche Bindungen kein Massenphänomen.

Sie warnt zudem vor überzogenen Zukunftsszenarien. Die Vorstellung, dass Menschen in wenigen Jahren nur noch mit KI-Partnern zusammenleben, greife zu kurz. In solchen Debatten werde oft übersehen, was menschliche Beziehungen einzigartig macht. Ganz so einfach lasse sich der Mensch nicht durch Maschinen ersetzen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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