Zverev nach Paris-Triumph befreit
Alexander Zverev wirkt nach seinem ersten Grand-Slam-Titel wie von einer jahrelangen Last erlöst. Der 29 Jahre alte Hamburger sprach nach seinem emotionalen Triumph bei den French Open von einer „Erfüllung“ – und davon, dass sich bei ihm womöglich auch mental etwas gelöst hat. „Ich hoffe, dass auch mental bei mir irgendwas aufgeplatzt ist“, sagte der Olympiasieger von 2021. Für ihn ist aber klar: Bei diesem einen Major-Titel soll es nicht bleiben. „Natürlich möchte ich noch ein paar davon gewinnen.“
Erst neuer Hund, dann Pariser Partynacht
Nach dem Titelgewinn ging es für Zverev nicht sofort nur ins Nachtleben. Zunächst begrüßte er das neue tierische Familienmitglied: Freundin Sophia Thomalla war mit dem neuen Hund Buba zur Feier angereist und bereitete ihm damit eine große Freude. Thomalla erzählte der „Bild“, Zverev habe sich erst einmal rund eineinhalb Stunden mit dem Hund beschäftigt – deshalb sei die ganze Runde viel zu spät zum Essen gekommen.
Danach feierte das Team mit Freunden in einem Club weiter. Laut Thomalla war es „sehr nett“, aber „nicht sooooo wild“ – nur eben sehr lang. Sie selbst sei erst gegen 6.00 Uhr wieder im Hotel gewesen.
Schon zuvor hatte Zverev am Ort seines Triumphs sichtbar gute Laune. Auf der Pressekonferenz grinste er und räumte ein, bereits etwas angetrunken zu sein und sich deshalb womöglich öfter zu wiederholen als sonst. Immer wieder wanderte sein Blick zum Coupe des Mousquetaires, der neben ihm auf dem Tisch stand. Als er die silberne Trophäe kurz vor Mitternacht zurückgeben musste, küsste er sie zum Abschied und sagte: „Mach’s gut, ich sehe dich gleich wieder.“ Am Tag darauf posierte er dann ganz in Weiß bei einem Fotoshooting vor dem Eiffelturm mit dem Pokal.
„Gefühl, dass ich es wieder schaffen kann“
Mit dem dramatischen 6:1, 4:6, 6:4, 6:7 (5:7), 6:1 im Finale gegen den 24 Jahre alten Italiener Flavio Cobolli ist der enorme Druck, endlich ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, von Zverev abgefallen. Er habe nun „das Gefühl, dass ich es wieder schaffen kann“, sagte er. Der Erfolg habe eine große Last von seinen Schultern genommen.
Zverev machte deutlich, dass sich künftige Endspiele für ihn nun anders anfühlen dürften. Selbst wenn er noch einmal ein Grand-Slam-Finale verlieren sollte, weiß er jetzt, dass er auf dieser Bühne schon Champion war. Das gibt ihm spürbar mehr Ruhe und Freiheit. Auch internationale Medien werteten den Triumph als Befreiungsschlag – der „Guardian“ schrieb davon, dass Zverev womöglich „seine eigenen Dämonen besiegt“ habe.
Nach drei verlorenen Major-Finals wäre eine weitere Niederlage mental nur schwer zu verkraften gewesen. Umso größer ist nun der Schub für sein Selbstvertrauen. Auch Thomalla ist überzeugt, dass dieser Titel nur der Anfang sein könnte. Ihrer Einschätzung nach ist „der Knoten geplatzt“ – und Zverev könne nun noch „zwei, drei“ weitere Grand-Slam-Titel holen.
Mehr Freiheit und neues Selbstvertrauen
Dass auf seinem Weg zum Titel kein Top-Ten-Spieler stand, Carlos Alcaraz verletzt fehlte und Jannik Sinner früh ausschied, schmälert den Triumph für Zverev nicht. Auf entsprechende Einwände reagierte er gelassen und mit Humor. „Wenn Sie mich als den schlechtesten Spieler bezeichnen, der je einen Grand Slam gewonnen hat, ist mir das im Moment völlig egal“, sagte er gut gelaunt.
Wimbledon als nächste Chance – Becker sieht Wendepunkt
Schon in drei Wochen bietet sich in Wimbledon die nächste Gelegenheit auf den nächsten Coup. Allerdings ist Rasen nicht Zverevs Lieblingsbelag. Zudem dürfte Weltranglistenerster Jannik Sinner nach seinem frühen Pariser Aus besonders motiviert sein. Alcaraz arbeitet derweil an seinem Comeback und dürfte bei den US Open im September wieder angreifen.
Boris Becker ist überzeugt, dass Zverev den Topstars künftig mit einem anderen Selbstverständnis begegnen wird. Nach den zuvor verlorenen Grand-Slam-Finals habe er sich „als Loser gefühlt“, sagte Becker bei Eurosport. Mit dem Titel habe Zverev nun „eine neue Seite in seinem Lebenswerk gefunden“ und gehöre als Grand-Slam-Sieger zu einem ganz besonderen Kreis.
Glückwünsche bis ins Kanzleramt
Nach dem Triumph erhielt Zverev zahlreiche Glückwünsche aus der Sportwelt, unter anderem von Thomas Müller, Rafael Nadal und Angelique Kerber über soziale Medien. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz meldete sich bei X und schrieb: „Diese starke Leistung begeistert ein ganzes Land.“
Sieg soll Menschen mit Diabetes Mut machen
Für Zverev hat der Titel auch über den Sport hinaus große Bedeutung. Der seit seiner Kindheit an Typ-1-Diabetes erkrankte Profi sagte, es sei wichtig, Eltern und Kindern zu zeigen, „dass man mit dieser Krankheit vieles erreichen kann, alles erreichen kann, seine Träume auch erfüllen kann“. Selbst im Finale musste er sich Insulin spritzen.
Einen Tennisboom wie einst Boris Becker wird Zverev damit wohl kaum auslösen. Als Vorbild für viele Betroffene könnte sein Erfolg aber weit über den Tennisplatz hinaus Wirkung entfalten.
Familie, Freundin und Hunde ganz nah dran
Seine Familie spielte bei diesem Erfolg erneut eine zentrale Rolle. Bei der Siegerrede sprach Zverev bewusst von „wir“ und machte damit deutlich, wie groß der Anteil seines engsten Umfelds ist. Vater, Bruder, Mutter und Großmutter durften die Trophäe ebenfalls in den Händen halten.
Auch Dackel Mishka, um dessen Gesundheit Zverev nach einem Golfcart-Unfall vor einigen Wochen noch gebangt hatte, war auf dem Siegerfoto dabei. Mit Buba gab es bei der Titel-Party nun zusätzlich tierischen Familienzuwachs ganz nah am Champion.
Zverev setzt seit Jahren bewusst auf seine persönliche Wohlfühl-Blase mit Vater Alexander Zverev senior als Trainer und Bruder Mischa Zverev an seiner Seite. Gerade in Paris half ihm dieses enge Umfeld dabei, sich vom gewaltigen Erwartungsdruck abzuschotten. Erst im Finale sei er wirklich nervös geworden, verriet er. Auch die Krämpfe ab dem vierten Satz seien „eher mentale“ Gründe gewesen. Paradoxerweise hätten sie ihm sogar geholfen: „Ich habe danach einfach losgelassen.“
„Endlich“ auf der Ehrentafel – und alte Zweifel verschwunden
Beim Rundgang über die Anlage sah Zverev später seinen Namen auf der Sieger-Ehrentafel eingraviert. Dabei sagte er laut „endlich“ und strich mit der Hand darüber. Jahrelang habe ihn die Frage begleitet, ob und wann dieser Moment einmal kommen würde. Nun, sagte er sinngemäß, habe er die Antwort.
Wie emotional dieser Triumph für ihn ist, zeigt auch der Blick zurück: Vor vier Jahren war Zverev an gleicher Stelle im Halbfinale gegen Rafael Nadal schwer umgeknickt, erlitt einen mehrfachen Bänderriss im Fuß und musste im Rollstuhl vom Platz gebracht werden. Damals zweifelte er daran, ob er jemals wieder auf Top-Niveau spielen und einen Grand-Slam-Titel gewinnen könne. Diese Zweifel sind nun verschwunden. Nach dem Matchball sank er wieder auf den Sand des Court Philippe-Chatrier – diesmal vor Erleichterung und Freude. „Das kann mir keiner mehr nehmen.“
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion