Die Bereitschaft, mit unbekannten Menschen zusammenzuarbeiten, ist nach einer internationalen Studie deutlich größer als viele annehmen. Zugleich zeigt die im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung eines Forschungsteams aus Bonn und Frankfurt, dass Menschen den Gemeinsinn ihrer Mitmenschen fast überall auf der Welt zu niedrig einschätzen. In Deutschland fällt diese Fehleinschätzung besonders stark aus.
Kooperation gilt den Forschern zufolge als zentral für das Funktionieren von Gesellschaften. Große Aufgaben ließen sich oft nur lösen, wenn Menschen nicht allein auf den eigenen Vorteil blickten, sondern auch zum Gemeinwohl beitrügen.
Grundlage der Studie waren nach Angaben der Universität Bonn verhaltensökonomische Experimente mit mehr als 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 125 repräsentativen Länderstichproben. Nach Darstellung der Forscher handelt es sich um die erste global repräsentative Untersuchung zur menschlichen Kooperationsbereitschaft.
Verzicht auf eigenen Vorteil zugunsten des Gemeinwohls
Im Zentrum stand ein weltweit identisch angelegter Test: Jede Person wurde mit einer unbekannten Person aus demselben Land gepaart und musste zwischen zwei Möglichkeiten wählen. Wer sich gegen Kooperation entschied, erhielt sicher 100 Dollar. Wer kooperierte, bekam nur 70 Dollar. Trafen jedoch beide unabhängig voneinander diese kooperative Wahl, wurden zusätzlich 400 Dollar für Klimaschutzmaßnahmen gespendet.
Damit standen die Teilnehmer vor einer klaren Entscheidung: höherer persönlicher Gewinn oder ein Beitrag für ein gemeinsames Ziel. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Im Schnitt entschieden sich 69 Prozent für die kooperative Variante und nahmen dafür weniger Geld für sich selbst in Kauf.
Allerdings unterschätzten die Befragten die Bereitschaft anderer systematisch. Obwohl weltweit tatsächlich 69 Prozent kooperierten, gingen die Teilnehmer im Durchschnitt nur von 47 Prozent aus. Diese pessimistische Sicht fand sich in 124 von 125 untersuchten Ländern. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass Menschen insgesamt kooperativer seien, als sie selbst glaubten.
In Deutschland ist die Unterschätzung besonders groß
Auffällig ist der Befund für Deutschland. Hier lag die tatsächliche Kooperationsquote bei 86 Prozent und damit besonders hoch. Erwartet wurde von den Teilnehmern jedoch lediglich eine Quote von 47,6 Prozent. Die Bereitschaft der anderen wurde also um fast 40 Prozentpunkte zu niedrig eingeschätzt.
Studienautor Armin Falk von der Universität Bonn vermutet dahinter eine besondere Neigung zum Pessimismus. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, in Deutschland gebe es womöglich eine Tendenz, eher das Negative zu sehen.
Für Falk liegt darin auch die wichtigste Lehre der Untersuchung: Würden Menschen weniger pessimistisch und damit realistischer auf andere blicken, könnte das das Zusammenleben verbessern. Wer die Mitmenschen schlechter einschätze, als sie tatsächlich seien, schade am Ende auch sich selbst.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion