Politik

Forscher warnen: Atommächte rüsten auf

Neues Atom-Wettrüsten? Forscher warnen: Die Mächte setzen wieder auf Abschreckung – und Europa will vorne mitspielen.

08.06.2026, 04:00 Uhr

Weltweite Kriege, Konflikte und geopolitische Spannungen treiben die neun Atommächte nach Einschätzung des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri zunehmend in ein neues Wettrüsten. Sipri-Experte Matt Korda sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Welt befinde sich bereits mitten in einer neuen nuklearen Aufrüstung. Jeder Staat mit Atomwaffen vergrößere sein Arsenal entweder zahlenmäßig oder verbessere es technologisch – einige täten beides.

Zugleich führe die Modernisierung der Bestände zu einer Kettenreaktion: Was ein Land aufrüste, löse bei anderen ähnliche Schritte aus. Dieser Kreislauf lasse sich nur schwer stoppen, warnte Korda.

Nach dem aktuellen Sipri-Bericht setzen die Atommächte ihre Arsenale wieder stärker als Mittel der Abschreckung ein. Russland habe etwa im Krieg gegen die Ukraine wiederholt auf sein nukleares Potenzial verwiesen, um westliche Staaten von weiterer Unterstützung für Kiew abzuschrecken.

Weniger Transparenz nach dem Aus von New Start

Hinzu kommt, dass der Rüstungskontrollvertrag New Start zwischen den USA und Russland im Februar ausgelaufen ist, ohne dass ein neues Abkommen vereinbart wurde. Dadurch könnten beide Länder theoretisch Hunderte zusätzliche Sprengköpfe auf bereits vorhandene Trägersysteme setzen, ohne neue Raketen oder Bomber bauen zu müssen, so Korda.

Ohne verbindliche Verträge seien Atomstaaten außerdem immer weniger bereit, zentrale Informationen über ihre nuklearen Fähigkeiten offenzulegen. Sipri-Forscher Hans Kristensen erklärte laut Mitteilung, es gebe wachsende Hinweise darauf, dass die Atommächte ihre Abrüstungsverpflichtungen vernachlässigten oder ganz aufgäben und stattdessen ihre nukleare Stärke demonstrierten. Wer auf atomare Lösungen setze, erhöhe die Risiken und befeuere das Wettrüsten zusätzlich.

Demonstration gegen Atomwaffen
Friedensorganisationen demonstrieren im April in Berlin für eine Welt ohne Atomwaffen – und gegen ein Wettrüsten zwischen den USA und Russland. (Archivbild) Quelle: Fabian Sommer/dpa

Europa übernimmt den Forschern zufolge dabei eine aktivere Rolle. Korda verwies darauf, dass sich im vergangenen Jahr erste Ansätze einer breiteren nuklearen Lastenteilung gezeigt hätten, an der Frankreich, Großbritannien und weitere Staaten – darunter Deutschland – beteiligt seien. Ein Grund dafür seien Zweifel an der Verlässlichkeit der USA.

Russland und die Vereinigten Staaten besitzen Sipri zufolge zusammen rund 83 Prozent aller eingelagerten Atomsprengköpfe. Für Russland werden etwa 5420, für die USA rund 5042 Sprengköpfe geschätzt. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten beide Länder viele ausgemusterte Waffen Schritt für Schritt abgebaut, wodurch der weltweite Bestand über Jahre sank.

Dieser Trend dürfte sich laut Sipri in den nächsten Jahren umkehren. Während die Abrüstung an Tempo verliere, nehme die Stationierung neuer Atomwaffen zu. Allerdings stoßen die Modernisierungsprogramme in Russland und den USA den Forschern zufolge auch auf finanzielle und planerische Probleme.

China wiederum baut sein Arsenal nach Sipri-Angaben derzeit schneller aus als jedes andere Land. Bei einer Militärparade im Jahr 2025 präsentierte Peking mehrere neue Nuklearsysteme. Insgesamt verfügt China demnach inzwischen über rund 620 Sprengköpfe.

Mehr Sprengköpfe in höchster Alarmbereitschaft

Die neun Atommächte – USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel – verfügten im Januar 2026 nach Sipri-Schätzungen über insgesamt 12.187 Atomsprengköpfe. Davon gehörten etwa 9745 zu militärischen Beständen, die grundsätzlich einsatzfähig wären.

Mehr als im Jahr zuvor, nämlich schätzungsweise 4012, waren auf Raketen oder Flugzeugen stationiert. Zwischen 2100 und 2200 Sprengköpfe wurden demnach auf ballistischen Raketen in höchster Einsatzbereitschaft gehalten. Der überwiegende Teil davon entfiel auf Russland und die USA, in geringerem Umfang auch auf Großbritannien und Frankreich. Innerhalb der EU ist Frankreich seit dem Austritt Großbritanniens die einzige Atommacht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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