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Liebescoach KI: Was ChatGPT über Beziehungen verrät

Kann KI deine Beziehung retten – oder alles schlimmer machen? Warum Chatbots bei Liebe helfen und mit Schmeicheleien gefährlich sind.

08.07.2026, 05:00 Uhr

Als Isabell den Verdacht bekam, ihr Mann könnte sie betrügen, suchte sie Rat bei ChatGPT. „Es war mir etwas unangenehm, mit einer echten Person darüber zu sprechen“, erzählt die 41-Jährige aus dem Raum Stuttgart, deren Name geändert wurde. Von der KI erhoffte sie sich vor allem Hilfe dabei, ihre Gedanken zu ordnen und ein ruhiges Gespräch mit ihrem Ehemann vorzubereiten, ohne sich in Vorwürfe hineinzusteigern.

Nach ihren Worten half ihr der Chatbot dabei, passende Formulierungen zu finden und die eigenen Gefühle zu sortieren. Irritiert habe sie lediglich, dass die KI immer wieder betonte, wie berechtigt ihre Emotionen seien.

Bots als Ansprechpartner für Beziehungsfragen

Fachleute beobachten, dass KI-Programme wie ChatGPT oder Gemini zunehmend auch bei Partnerschaftsproblemen genutzt werden, besonders von jüngeren Menschen. Eine repräsentative Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK aus dem März kam zu dem Ergebnis, dass 39 Prozent der Menschen in Deutschland bereits Fragen zu Beziehungsthemen an einen KI-Chatbot gestellt haben. Zudem gaben 44 Prozent der Männer und 33 Prozent der Frauen an, mit einem Bot offener über Beziehungsprobleme sprechen zu können als mit dem eigenen Partner oder der eigenen Partnerin.

Damit stellt sich die Frage, welche Chancen solche Systeme bieten – und wo Risiken liegen.

Unterstützung bei heiklen Gesprächen

Dana Mahr vom Karlsruher Institut für Technologie sagt, KI werde immer häufiger als leicht zugänglicher Raum für Austausch und Selbstreflexion genutzt. Das reiche von Formulierungshilfen für schwierige Nachrichten bis hin zu Ratschlägen bei Konflikten. Mahr untersucht, wie Technik gesellschaftliche Prozesse verändert.

Beziehungsberater KI
Die schmeichelnde Eigenschaft der KI kann zum Problem werden. (Symbolbild) Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Als Isabells Mann später zugab, Prostituierte besucht zu haben, wandte sie sich erneut an die KI. Diesmal fragte sie, ob sie selbst eine Affäre beginnen solle. Gerade in dieser Situation habe ihr die Antwort besonders geholfen, berichtet sie. Statt ihr direkt zuzustimmen oder abzuraten, habe die KI die Gegenfrage gestellt, ob eine eigene Affäre wirklich dabei helfen würde, das zu erreichen, was sie sich wünsche. Anschließend habe sie mögliche Ziele benannt – etwa Heilung, mehr Eigenständigkeit oder eine Veränderung der Beziehung.

Verfügbar, geduldig – aber kein Ersatz für Menschen

Nach Isabells Schilderung erinnerte sich die KI auch an ein früheres Gespräch, in dem sie erklärt hatte, ihre Ehe retten zu wollen und sich wieder mehr Nähe von ihrem Mann zu wünschen. Entsprechend habe der Bot geantwortet, dass eine eigene Affäre den Wiederaufbau von Vertrauen deutlich erschweren könnte, wenn Versöhnung tatsächlich das Ziel beider sei.

Mahr sieht darin einen zentralen Vorteil solcher Systeme: Sie seien jederzeit erreichbar, reagierten nicht gekränkt, beschämten niemanden und wirkten oft sehr geduldig. Gleichzeitig fehle ihnen aber das, was enge Bezugspersonen mitbringen. Freundinnen oder Freunde könnten eigene Erfahrungen, gemeinsame Geschichte, soziale Einordnung, Widerspruch und echtes Interesse an den Folgen eines Rates einbringen – etwas, das KI nicht leisten könne.

Bestätigung kann zum Problem werden

Ein weiteres Risiko liegt laut Mahr darin, dass KI häufig zustimmend oder schmeichelnd antworte. Das liege daran, dass solche Systeme darauf ausgelegt seien, hilfreich und angenehm zu wirken. Der Heidelberger Psychologe Bastian Schiller warnt, dass Nutzer dadurch vor allem in ihrer ohnehin vorhandenen Sichtweise bestärkt werden könnten. Wer nur Bestätigung bekomme, lerne womöglich weniger, die Perspektive der anderen Seite einzunehmen.

Mahr sieht deshalb die Gefahr, dass Menschen sich zu stark in dieser Form der Bestätigung einrichten. Problematisch werde es vor allem dann, wenn die KI an die Stelle von Partnern, Therapeuten oder moralischen Ratgebern trete.

Vorurteile aus Trainingsdaten

Der Duisburger Sexual- und Paartherapeut Carsten Müller hält den Einsatz von KI dann für sinnvoll, wenn es etwa um allgemeine Informationen zu intimen Themen geht – beispielsweise um mögliche Ursachen von Erektionsproblemen. Schwieriger werde es aber, wenn es um den persönlichen Umgang damit gehe.

Wie Mahr erklärt, beruhen KI-Antworten auf großen Datenmengen, in denen auch gesellschaftliche Vorurteile und stereotype Vorstellungen enthalten sein können. Weil die Modelle statistische Muster lernen, spiegeln sie oft besonders verbreitete Sichtweisen wider – nicht unbedingt die richtigen.

Müller nennt dafür ein Beispiel aus seiner therapeutischen Praxis: Bei einem Patienten mit Erektionsproblemen würde er fragen, warum überhaupt penetrierender Sex nötig sei und weshalb Sexualität zwingend an eine Erektion gekoppelt werde. Lust und Orgasmus könnten schließlich auch anders erlebt werden. Genau solche Perspektivwechsel erwarte er von einer KI eher nicht, weil dort Sexualität oft sehr normativ gedacht werde.

Kommunikation nur über Text als Grenze

Kritisch sieht Müller außerdem, dass der Austausch mit KI im Regelfall allein über geschriebene Sprache läuft. In einer Therapie spielten jedoch auch Körpersprache, Gestik und Mimik eine wichtige Rolle. Für die Zukunft könne er sich daher vorstellen, dass Anfragen per Video zusätzliche Möglichkeiten schaffen. Spannend fände er zudem, wenn Paare KI gemeinsam in ihrer Beziehungsarbeit einsetzen würden – etwa bei Themen wie Eifersucht.

Mahr betont, dass für einen verantwortungsvollen Einsatz vor allem junge Menschen über Möglichkeiten und Grenzen solcher Systeme aufgeklärt werden müssten. Gleichzeitig seien auch die Anbieter gefragt. KI-Chatbots sollten nicht nur bestätigen oder beruhigen, sondern auch kritisch nachfragen können. Eine verantwortungsvoll gestaltete KI müsse im Zweifel auch irritieren dürfen.

Dazu gehöre, aktiv nach fehlenden Informationen zu fragen oder die Perspektive der anderen beteiligten Person einzubringen. Klare rote Linien seien ebenfalls nötig: Bei Hinweisen auf häusliche Gewalt, Stalking oder Missbrauch müsse ein System unmittelbar auf professionelle Hilfsangebote verweisen.

KI als erste Hilfe – Therapie bleibt wichtig

Isabell sprach nach eigenen Angaben rund zwei Monate lang regelmäßig mit ChatGPT über ihre Eheprobleme. Parallel dazu begann sie mit ihrem Mann eine Paartherapie und startete zusätzlich eine Einzeltherapie. Als ihr Therapeut ihr riet, eine Liste mit Dingen zu erstellen, die sie von ihrem Ehemann brauche, dachte sie sofort wieder an die KI – diesmal als Formulierungshilfe. Ihr erster Gedanke sei gewesen: Dann eben wieder ChatGPT.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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