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Hantavirus an Bord: Droht auf Kreuzfahrten echte Gefahr?

Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff entdeckt: Droht Passagieren jetzt Gefahr? Wie Experten das Infektionsrisiko wirklich einschätzen.

06.05.2026, 13:45 Uhr

Hantavirus-Fall auf Kreuzfahrtschiff: Was über das Andesvirus bekannt ist und was jetzt für Passagiere gilt

Auf dem kleinen niederländischen Kreuzfahrtschiff „Hondius“ ist ein Fall von Hantavirus bekannt geworden. Die Passagiere sollen nun von Teneriffa aus in ihre Heimatländer ausgeflogen werden. Der Vorfall wirft Fragen auf: Wie gefährlich ist der Erreger, wie wahrscheinlich sind weitere Ansteckungen und was müssen Betroffene jetzt beachten?

Was ist das Besondere am Andesvirus?

Hantaviren gibt es in verschiedenen Varianten, auch in Deutschland. Hierzulande erfolgt die Ansteckung meist über Staub, der mit Ausscheidungen von Nagetieren verunreinigt ist. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) verlaufen viele Infektionen ohne erkennbare Beschwerden oder nur mit unspezifischen Symptomen. Möglich sind aber auch Fieber mit Blutungen und Nierenschäden.

Bei dem in Deutschland häufigsten Hantavirus-Typ sterben laut RKI deutlich unter 0,1 Prozent der Erkrankten, bei einer selteneren Variante liege die Sterblichkeit bei 0,3 bis 0,9 Prozent. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch spielt bei den in Deutschland vorkommenden Typen keine Rolle.

Auf der „Hondius“ wurde jedoch das in Südamerika vorkommende Andesvirus nachgewiesen. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin betont, dass es sich um das einzige Hantavirus handelt, bei dem eine begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung überzeugend beschrieben wurde. Entscheidend scheint dabei vor allem enger und längerer Kontakt zu Erkrankten zu sein – etwa im häuslichen Umfeld, bei Paaren, unter Familienangehörigen oder in der Pflege und medizinischen Versorgung.

Das Andesvirus gehört zu jener Gruppe von Hantaviren, die unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Husten, schwere Lungenerkrankungen und auch tödliche Verläufe auslösen können. Nach Angaben des RKI gibt es weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie gegen Hantaviren; behandelt werden können bislang nur die Symptome.

Wie häufig Hantavirus-Erkrankungen in Deutschland auftreten, schwankt stark. Nach RKI-Daten lag der durchschnittliche jährliche Wert zwischen 2010 und 2019 bei 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Wie hoch ist die Gefahr einer Ausbreitung in Europa?

Nach Einschätzung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC ist das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU sehr gering, selbst wenn infizierte Passagiere nach der Ausschiffung weiterreisen. Das Virus gilt nicht als leicht übertragbar, sodass ein größerer Ausbruch in der Bevölkerung als unwahrscheinlich angesehen wird.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Das natürliche Reservoir des Andesvirus – eine südamerikanische Reisratte – kommt in Europa nicht vor. Deshalb wird nicht erwartet, dass sich das Virus hier in Nagetierpopulationen festsetzt und dadurch neue Übertragungswege von Tieren auf Menschen entstehen.

Der Mikrobiologe Roman Wölfel von der Universität der Bundeswehr in München hält die Lage deshalb bei konsequentem Vorgehen für vergleichsweise gut kontrollierbar. Isolation, Kontaktverfolgung und medizinische Überwachung seien die zentralen Maßnahmen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums befindet sich an Bord eine mittlere einstellige Zahl deutscher Staatsangehöriger.

Auch die Weltgesundheitsorganisation stuft das Risiko für die öffentliche Gesundheit als gering ein. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sprach zwar von einer ernsten Lage, betonte aber ebenso wie WHO-Vertreterin Maria van Kerkhove, dass es sich nicht um den Beginn einer Pandemie handele. Ein Vergleich mit dem Start der Corona-Pandemie sei nicht angebracht.

Was ist jetzt zu tun?

Um mögliche Übertragungen zu verhindern, empfehlen Fachbehörden eine enge medizinische Beobachtung der Betroffenen und Kontaktpersonen. Menschen mit möglichen Symptomen sollten sich nach ECDC-Angaben Bluttests oder PCR-Tests unterziehen. Dabei gilt jedoch: Ein negatives Testergebnis schließt eine Infektion oder spätere Virusausscheidung nicht sicher aus.

Auch bei der Inkubationszeit ist Vorsicht geboten. Laut ECDC beträgt sie in der Regel zwei Wochen, kann aber zwischen sieben Tagen und sechs Wochen liegen. Deshalb reicht es nicht, nur einen kurzen Zeitraum ohne Beschwerden abzuwarten.

Das RKI empfiehlt in einer Handreichung für deutsche Gesundheitsbehörden, dass Passagiere nach einer letzten möglichen Exposition sechs Wochen in Quarantäne bleiben sollten. In ihrer Unterkunft sollten sie möglichst einen eigenen Raum und ein eigenes Bad nutzen. Wichtig ist außerdem, auf Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen sowie weitere Krankheitszeichen zu achten und in diesem Fall umgehend das zuständige Gesundheitsamt zu informieren.

Wie wahrscheinlich sind weitere Infektionen?

Nach Angaben der spanischen Gesundheitsministerin Mónica García zeigte derzeit niemand auf der „Hondius“ Symptome. Dennoch halten Fachleute weitere Fälle für möglich.

Schmidt-Chanasit verweist darauf, dass Hantavirus-Erkrankungen je nach Virusvariante und Exposition erst nach mehreren Tagen oder sogar Wochen sichtbar werden können. Neue Erkrankungen könnten deshalb zeitlich verzögert auftreten.

Der Experte nennt zwei denkbare Infektionswege. Zum einen könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder einem anderen südamerikanischen Risikogebiet angesteckt und das Virus an Bord gebracht haben. Zum anderen sei auch eine Exposition auf dem Schiff selbst denkbar – etwa durch Nagetiere oder durch kontaminierte Lebensmittel, Vorratsräume, Kabinen, Oberflächen oder Staub, falls Mäuse oder Ratten Zugang zu Lagerbereichen hatten.

Ist ein solcher Fall ungewöhnlich?

Nach Einschätzung von Fachleuten handelt es sich um ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das auf einem Kreuzfahrtschiff in dieser Form nicht zu erwarten ist.

Auch Fachnetzwerke wie das Global Virus Network sehen darin kein generelles Kreuzfahrtrisiko. Der Ausbruch spricht eher für ein lokal begrenztes und situationsabhängiges Expositionsereignis als für ein grundsätzlich erhöhtes Risiko auf Kreuzfahrten.

Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch betont zudem, dass Hantaviren in erster Linie mit Umweltkontakten zusammenhängen. Selbst in den seltenen Fällen einer Übertragung von Mensch zu Mensch verhalte sich das Virus nicht wie ein hoch ansteckender Atemwegserreger.

Sind Kreuzfahrten generell anfällig für Infektionsketten?

Die US-Gesundheitsbehörde CDC nennt als häufigste Gesundheitsprobleme auf Kreuzfahrtschiffen Magen-Darm-Infektionen mit einem Anteil von etwa 30 bis 40 Prozent, darunter insbesondere das Norovirus. Hinzu kommen Verletzungen durch Ausrutschen, Stolpern oder Stürze mit 12 bis 18 Prozent sowie Atemwegsinfektionen wie Grippe oder Covid-19 mit rund 10 Prozent.

Christian Ottomann, Gründer der Schiffsarztbörse, sieht bei Infektionen an Bord vor allem das Norovirus als Hauptproblem. Dieses Magen-Darm-Virus wird über Schmierinfektionen übertragen. Häufig stecken sich Passagiere während eines Landgangs an und bringen den Erreger anschließend mit auf das Schiff.

Laut CDC sind die gemeldeten Raten von Magen-Darm-Erkrankungen bei Kreuzfahrtpassagieren zwischen 2006 und 2019 pro 100.000 Reisetage um etwa die Hälfte zurückgegangen. In den ersten Monaten des Jahres 2025 wurden weltweit allerdings ungewöhnlich viele Norovirus-Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen registriert.

Nach Angaben des Vessel Sanitation Program der CDC waren bis Mitte Mai 2025 bereits 12 Ausbrüche erfasst worden – fast so viele wie im gesamten Jahr 2024 mit 15 Fällen. Als möglicher Grund gilt, dass gegen eine vergleichsweise neue Norovirus-Variante in der Bevölkerung noch keine breite Grundimmunität besteht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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