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40 Jahre Historikerstreit: Die Frage, die heute alles ändert

War Auschwitz wirklich beispiellos? Ein Streit von 1986 prägt bis heute das Gedenken – und jetzt flammt die Debatte neu auf.

05.06.2026, 06:56 Uhr

40 Jahre Historikerstreit: Warum die Debatte bis heute nachwirkt

Am 6. Juni 1986 veröffentlichte der Historiker Ernst Nolte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinen viel diskutierten Beitrag „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Darin beschrieb er die NS-Zeit als eine Last, die weiterhin über Deutschland liege. Zugleich stellte er die Einzigartigkeit des Holocaust infrage und argumentierte, mit Ausnahme der technischen Form der Tötung durch Vergasung sei der Mord an den europäischen Juden nicht ohne historische Parallelen. Er verwies dabei auf die stalinistischen Verbrechen in der Sowjetunion.

Noch weiter ging Nolte mit der These, der nationalsozialistische Massenmord könne womöglich als Reaktion auf den Bolschewismus verstanden werden. Aus heutiger Sicht gilt diese Deutung als unhaltbar.

Nur wenige Wochen später antwortete der Sozialphilosoph Jürgen Habermas in der Wochenzeitung Die Zeit mit dem Text „Eine Art Schadensabwicklung“. Er warf Nolte vor, die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen zu relativieren. Wenn Auschwitz auf eine bloße technische Besonderheit reduziert werde, verliere das Verbrechen seinen historischen Rang, so Habermas.

Habermas setzte auf Verfassungspatriotismus

Habermas warnte davor, eine nationale Identität wiederzubeleben, die sich ungebrochen auf traditionelle Formen des Nationalbewusstseins stützt. Für die Bundesrepublik komme nur noch ein Verfassungspatriotismus infrage – also die Bindung an Demokratie, Rechtsstaat und die freiheitliche Ordnung.

40 Jahre Historikerstreit: Heute stellt sich eine neue Frage
Stolpersteine erinnern in vielen deutschen Städten an individuelle Opfer des Nationalsozialismus. (Archivbild) Quelle: Swen Pförtner/dpa

Auf diese Intervention reagierten wiederum zahlreiche Historiker, Publizisten und Intellektuelle. Daraus entstand der sogenannte Historikerstreit, eine der prägendsten intellektuellen Auseinandersetzungen der Bundesrepublik.

Die Heftigkeit der Debatte hatte auch mit dem politischen Klima jener Zeit zu tun. Viele linksliberale Stimmen befürchteten damals einen konservativen Rechtsruck, nicht zuletzt wegen Helmut Kohls Ankündigung einer „geistig-moralischen Wende“. Rückblickend erwies sich diese Sorge jedoch als überzogen: Kohl gilt heute eher als überzeugter Europäer denn als nationalistischer Politiker.

Im Rückblick setzte sich die Sicht von Habermas durch

Wer den Historikerstreit gewann, war 1986 noch offen. Mit größerem historischen Abstand ist jedoch weitgehend Konsens, dass sich die Position von Habermas durchgesetzt hat.

Entscheidend waren auch weitere Debatten in den 1990er Jahren. Dazu zählte die Kontroverse um Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, das den gewöhnlichen Deutschen eine tief verwurzelte antisemitische Mordbereitschaft zuschrieb – eine These, die in der Fachwissenschaft überwiegend zurückgewiesen wurde.

Große Wirkung entfaltete außerdem die Wehrmachtsausstellung, die die Beteiligung regulärer deutscher Soldaten an den Verbrechen im Osten dokumentierte. In der Folge verfestigte sich in Deutschland die Überzeugung: Es gab in der Geschichte viele furchtbare Genozide, doch die systematische, industriell organisierte Ermordung von sechs Millionen Juden allein wegen ihrer Herkunft bleibt singulär.

Diese Sichtweise wurde zu einem zentralen Bestandteil des demokratischen Selbstverständnisses in Deutschland. Sichtbar ist das in der Erinnerungskultur – vom Holocaust-Mahnmal in Berlin über mehr als 100.000 Stolpersteine bis hin zu zahlreichen schulischen und zivilgesellschaftlichen Projekten.

Kritik kommt heute von rechts und links

Mittlerweile wird die Einzigartigkeit von Auschwitz sowohl von rechts als auch von links infrage gestellt.

Von rechts geschieht dies vor allem durch Rechtspopulisten und Rechtsextreme. Beispielhaft steht dafür die Aussage des früheren AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, Hitler und die Nazis seien nur ein „Vogelschiss“ in über tausend Jahren deutscher Geschichte gewesen. In diesem Milieu ist oft von einem angeblichen „Schuldkult“ die Rede, der Deutschland dauerhaft kleinhalte.

Die Kritik von links fällt vielschichtiger aus und ist stärker international geprägt. Dort wird der Holocaust häufig in einen größeren Zusammenhang mit Kolonialismus, Sklaverei und anderen Menschheitsverbrechen gestellt. In vielen Ländern prägen gerade diese Themen das historische Bewusstsein stärker als die NS-Vergangenheit. So stuften die Vereinten Nationen den Sklavenhandel in diesem Jahr als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ein.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt 2021 eine Debatte, die teils schon als „zweiter Historikerstreit“ bezeichnet wurde. Auslöser war der australische Genozidforscher Anthony Dirk Moses mit seinem Essay „Der Katechismus der Deutschen“. Darin kritisierte er, die Vorstellung von der Singularität des Holocaust sei in Deutschland zu einem Dogma geworden, das offene Diskussionen erschwere. Aus seiner Sicht diene dies auch dem Wunsch, international als moralisch geläuterte Nation zu erscheinen. Zugleich verband er diese Haltung mit einer seiner Meinung nach zu unkritischen Solidarität mit Israel.

Moses schrieb, deutsche Nichtjuden belehrten mitunter sogar amerikanische und israelische Juden über die „richtige“ Form des Gedenkens und über Loyalität zu Israel. Tatsächlich kam es während des Gaza-Krieges wiederholt zu Konflikten darüber, wie weit Kritik an der israelischen Regierung gehen darf. Aus dem Ausland wurde Deutschland zudem vorgeworfen, zu streng gegen propalästinensische Proteste vorzugehen. In diesem Zusammenhang tauchte auch die Parole auf: „Free Palestine from German guilt“.

Meron Mendel plädiert für eine breitere Erinnerungskultur

Wie sollte sich die deutsche Erinnerungskultur weiterentwickeln? Dass der Holocaust als beispielloses Verbrechen erinnert werden muss, steht für viele außer Frage. Doch manche halten das allein nicht mehr für ausreichend.

Der Historiker Meron Mendel, in Israel geboren und heute auch deutscher Staatsbürger, wirbt für eine Erweiterung. Als Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt erlebt er im Austausch mit jungen Menschen, dass diese nicht nur mit Schuldgeschichte konfrontiert werden wollen, sondern auch nach positiven Bezugspunkten für ihre Identifikation mit Deutschland suchen.

Nach Mendels Ansicht reicht der von Habermas betonte Verfassungspatriotismus dafür nur begrenzt aus. Mit einer Verfassung allein, also mit einem Dokument, lasse sich emotionale Bindung nur schwer herstellen.

Er schlägt deshalb vor, die deutsche Erinnerungskultur um zwei Dimensionen zu ergänzen: erstens um die Geschichte der deutschen Demokratie, zweitens um die Migrationsgeschichte der Bundesrepublik. Diese Themen könnten über prägende Ereignisse und persönliche Lebensgeschichten vermittelt werden.

Mendel betont, dass dies den Holocaust keineswegs relativiere. Im Gegenteil: Wer sich mit der Demokratie identifiziere und auf sie auch stolz sein könne, sei eher bereit, sich den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte zu stellen. Gerade daraus wachse die Entschlossenheit, die demokratische Ordnung zu verteidigen – damit sich ein Verbrechen wie der Holocaust niemals wiederholen kann.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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