Die polnische Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat zuletzt weltweit eine Debatte über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Schreiben ausgelöst. Medienberichten zufolge schilderte sie bei einem Auftritt in Posen, wie intensiv sie KI inzwischen in ihrem Arbeitsalltag nutzt. Mitunter richte sie dabei fast vertrauliche Fragen an das System – etwa: „Liebling, wie können wir das jetzt schön fortentwickeln?“
Daraufhin entbrannte in sozialen Netzwerken und Medien sofort die Diskussion, ob ihre Bücher unter solchen Voraussetzungen noch als eigenständige Kunst gelten könnten. Teilweise wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob ihr unter solchen Umständen der Nobelpreis aberkannt werden müsste.
Tokarczuk reagierte wenig später mit einer Klarstellung und sprach von einem Missverständnis. Keiner ihrer Texte sei mithilfe von KI geschrieben worden, betonte sie. Chatbots nutze sie lediglich zur Recherche – so wie viele andere auch.
Schriftsteller nutzen KI – und neu ist das nicht
Für Julian Schröter, Professor für Digitale Literaturwissenschaften an der LMU München, ist der heftige Aufschrei bemerkenswert. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärte er, dass sich in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Schriftsteller offen zur Nutzung von KI bekannt hätten – nicht nur zur Informationssuche, sondern auch beim Entwerfen von Handlungen und beim Formen von Figuren.
Die Aufregung könne deshalb kaum damit erklärt werden, dass KI im Literaturbetrieb etwas völlig Neues oder Unerhörtes sei. Vielmehr rühre das Unbehagen offenbar daher, dass die Technik das tradierte Bild vom Schriftsteller als schöpferischem Genie infrage stelle.
Dabei arbeiteten auch berühmte Autoren früherer Jahrhunderte nicht im luftleeren Raum. William Shakespeare griff für viele Dramen auf literarische Vorlagen zurück, Goethe tauschte sich fortlaufend mit anderen Intellektuellen aus, und wer im 18. oder 19. Jahrhundert nach passenden Reimen suchte, nahm selbstverständlich ein Reimwörterbuch zur Hand.
Mehr als nur ein Werkzeug
Schröter warnt allerdings davor, KI bloß als ein weiteres Hilfsmittel wie ein Nachschlagewerk zu betrachten. Denn moderne Systeme leisten deutlich mehr: Sie können Ideen weiterentwickeln, Formulierungen vorschlagen und ganze Texte produzieren.
So entstehe in einem Prozess des ständigen Austauschs schnell ein Arbeitsablauf, an dessen Ende ein kaum noch entwirrbares Geflecht aus menschlicher und maschineller Leistung stehe. Genau darin liege aus Sicht des Forschers das Bedrohliche: Es werde immer schwieriger, klar zwischen dem menschlich-kreativen und dem technisch unterstützten Anteil eines literarischen Werks zu unterscheiden.
Bei Gedichten teils stark, beim Plot noch schwach
Lange galt die Annahme, KI könne in der Literatur keine echte Konkurrenz sein, weil ihr das wirklich Neue und Kreative fehle. Doch diese Sicht gerät zunehmend ins Wanken. Eine 2024 im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass viele Leserinnen und Leser KI-generierte Gedichte sogar ansprechender fanden als von Menschen verfasste Lyrik.
Schröter vermutet, dass dies daran liegt, dass KI-Gedichte oft eingängiger und leichter verständlich sind als manche experimentelle Gegenwartslyrik.
Anders sieht es bei längeren Prosatexten aus. Gerade beim Erfinden einer tragfähigen Handlung stoßen Systeme bislang an Grenzen. Laut Schröter ist KI noch nicht gut darin, Spannung aufzubauen und über längere Passagen hinweg aufrechtzuerhalten. Dafür müsse sie einschätzen, was Leserinnen und Leser erwarten, und dann gezielt mit diesen Erwartungen spielen.
Zu überzeugender Prosa gehörten zudem Täuschungsmanöver, doppelte Spiele von Figuren und widersprüchliche Entwicklungen. Genau hier zeigten sich laut Schröter weiterhin Defizite. Seine zugespitzte Diagnose: Für solche erzählerischen Manöver sei KI bislang „zu ehrlich“.
Was der KI noch fehlt
Dass ausgerechnet der spannende Plot oft nicht gelingt, verweist womöglich auf eine zentrale Fähigkeit menschlicher Erzählerinnen und Erzähler – gerade auch im Bereich der Unterhaltungsliteratur. Aus psychologischer Sicht, so Schröter, fehlt der KI noch eine hinreichend komplexe „Theory of Mind“. Gemeint ist die Fähigkeit, Gedanken, Absichten und Erwartungen anderer vorauszuahnen und daraus raffinierte narrative Wendungen zu entwickeln.
Allerdings geht der Wissenschaftler davon aus, dass KI auch in diesem Punkt dazulernen wird. Deshalb verschiebe sich die eigentliche Frage zunehmend: Nicht mehr nur, was KI grundsätzlich leisten kann, sondern wie sich Schriftsteller und Leser künftig dazu verhalten wollen. Also: Wollen wir KI beim Schreiben einsetzen – und wollen wir KI-generierte Inhalte lesen?
Unterhaltungsliteratur: Einsatz vertretbar, wenn alle zustimmen
Schröter hält den Einsatz von KI in der Unterhaltungsliteratur grundsätzlich für unproblematisch – vorausgesetzt, alle Beteiligten sind damit einverstanden. Wenn Autoren, Produzenten und Rezipienten transparent mit dem KI-Anteil umgehen und ihn akzeptieren, spreche aus seiner Sicht wenig dagegen.
Er verweist darauf, dass KI in weit problematischeren Bereichen eingesetzt werde, etwa in Überwachungssystemen oder bei Kampfdrohnen. Im Vergleich dazu sei Literatur – auch Unterhaltungsliteratur – ein kulturell positiver Bereich.
Kunstanspruch und die Sehnsucht nach einer eigenen Stimme
Spannender wird die Frage dort, wo Literatur ausdrücklich als Kunstwerk verstanden werden will. Schröter betont, er hoffe weiterhin auf Autorinnen und Autoren, die unverwechselbar klingen, eine eigene Stimme entwickeln und aus persönlichen Erfahrungen schöpfen. Wer das Besondere suche, wolle keine erwartbare Literatur lesen, sondern das Neue und Außergewöhnliche.
Die Aufregung um Tokarczuks Äußerungen steht damit beispielhaft für eine größere gesellschaftliche Debatte: Was darf KI – und was nicht?
„Symbiotische Autorschaft“ als Zukunftsmodell
Nach Einschätzung des Literaturwissenschaftlers ist die Diskussion in der Literatur kein Sonderfall. Gerade im Feuilleton werde derzeit häufig gefordert, Autorschaft unter den Bedingungen von KI neu zu denken. Schröter hält das zwar oft für abstrakt formuliert – im Kern gehe es aber um sehr konkrete Aushandlungen einer symbiotischen Autorschaft zwischen Mensch und Maschine.
Er rechnet sogar damit, dass die meisten Bücher künftig aus einer Mischung aus menschlicher und maschineller Intelligenz entstehen werden.
Daneben könnte sich ein kleiner, bewusst puristischer Markt etablieren – mit Werken, die ausdrücklich ohne KI entstanden sind. Denkbar wäre dann ein Label wie „garantiert KI-frei“. Offen bleibt allerdings, nach welchen Regeln ein solches Etikett überhaupt vergeben werden könnte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion