Öffentliche Obduktion von Buckelwal „Timmy“ auf Anholt abgeschlossen
Dem als „Timmy“ bekannten Buckelwal ist auf der dänischen Insel Anholt nun tatsächlich die letzte große Untersuchung zuteilgeworden: Die öffentliche Obduktion am Strand ist in den späten Abendstunden beendet worden. Über mehrere Stunden hinweg untersuchten Tierärzte und Wal-Experten den Kadaver akribisch und zerlegten ihn Stück für Stück. In der Dunkelheit wurden anschließend noch die letzten Überreste weggeräumt.
Zuschauer durften das Geschehen nur aus sicherer Entfernung verfolgen. Solche Tierobduktionen unter freiem Himmel kommen in Dänemark zwar vor, dieser Fall sorgte wegen der Vorgeschichte des Wals aber für besondere Aufmerksamkeit.
Mit Schutzanzügen und Notizbrettern ausgerüstet traf das Team am späten Nachmittag am Strand ein und begann zunächst mit einer genauen Begutachtung des gelblich-braunen Kadavers. Kisten mit Ausrüstung wurden an den Fundort gebracht, anschließend wurde das Tier sorgfältig vermessen.
Danach schnitten die Fachleute den stark aufgeblähten Kadaver mit einem länglichen Messer an, damit Luft aus dem Körper entweichen konnte. Im Anschluss wurde der Wal weiter geöffnet und über Stunden zerteilt. Zeitweise lagen rund um das Tier Organe und Eingeweide.
Auch Schaulustige und Medienvertreter versammelten sich hinter den Absperrungen. Die Untersuchung galt als heikel: Der mehrere Tonnen schwere Kadaver lag seit Wochen vor der beliebten Ferieninsel, war durch Verwesungsgase stark aufgebläht, gelb-braun verfärbt und zudem von Möwen bearbeitet worden. Entsprechend streng waren die Sicherheitsvorkehrungen.
Das Expertenteam arbeitete dennoch ohne Masken. Die an der Obduktion beteiligte dänische Forscherin Charlotte Bie Thøstesen erklärte, man habe in Dänemark schon bei vielen gestrandeten Walen zusammengearbeitet und sei an den Geruch gewöhnt.
Was die Experten klären konnten – und was offen bleibt
Im Mittelpunkt stand die Frage, woran „Timmy“ gestorben ist. Eine eindeutige Todesursache konnten die Fachleute zunächst jedoch nicht feststellen. Nach Angaben von Thøstesen war etwa keine erkennbare Verletzung festzustellen. Dass trotzdem keine sichere Aussage möglich ist, könnte auch mit der starken Verwesung des seit Wochen toten Tieres zusammenhängen.
Zwar wurden bei der Untersuchung Parasiten entdeckt, sie gelten nach Einschätzung des Teams aber nicht als Todesursache. Auch im Maul und im Magen des Wals fanden die Fachleute nach Angaben des Veterinärmediziners Tim Jensen von der Universität Kopenhagen keine Netze oder andere Fremdkörper.
Geklärt wurde dafür eine andere offene Frage: Das Tier mit dem Jungennamen „Timmy“ war tatsächlich weiblich. Zudem hieß es, der Wal sei in den vergangenen Monaten nicht trächtig gewesen.
Wie geplant entnahm das Team außerdem Proben, darunter Material für weitere Analysen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden allerdings erst in einigen Monaten erwartet. Wissenschaftlich gelten solche Obduktionen als besonders wertvoll, weil Buckelwale in ihrem natürlichen Lebensraum nur schwer zu erforschen sind.
Fall bewegt Menschen seit Ende März
Das Schicksal des Tieres beschäftigt seit Wochen viele Menschen in Deutschland. Ende März war der Buckelwal mehrfach an der deutschen Ostseeküste gestrandet. Später brachte eine private Gruppe das Tier entgegen dem Rat von Experten in einer Metallkiste per Schiff Richtung Nordsee und setzte es dort aus. Kurz darauf wurde der Wal tot auf Anholt angespült. Am Wochenende zog ein Bergungsteam den Kadaver schließlich an den Strand.
Die Obduktion wurde nicht nur vor Ort verfolgt. Nach Angaben einer Sprecherin beobachtet auch das Umweltministerium von Mecklenburg-Vorpommern die Untersuchung aus der Ferne und steht mit den Behörden vor Ort in Kontakt. Ebenso wollten Greenpeace und das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund den Eingriff per Stream verfolgen und auf die Ergebnisse drängen.
MV-Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte erklärt, er begrüße ausdrücklich, dass weitere Erkenntnisse zum Zustand des Tieres gewonnen werden könnten. Die Untersuchung könne helfen, offene Fragen zum Gesundheitszustand, zu möglichen Vorerkrankungen und zu den Ursachen des Verendens zu beantworten. Die Resultate wolle er sorgfältig prüfen. Es gehe nicht darum, frühere Entscheidungen zu rechtfertigen, sondern die Abläufe kritisch zu analysieren und für künftige Fälle besser vorbereitet zu sein.
Was nach der Obduktion mit dem Kadaver passiert
Während der Untersuchung hob ein Bagger nach und nach die Teile des Kadavers in bereits vorbereitete Container. Gegen Ende der Arbeiten war von dem Tier, das seit Wochen Schlagzeilen machte, nur noch wenig übrig. Bilder vom Strand zeigten teils nur noch Knochen und Hautreste.
Für das Expertenteam ist die Arbeit auf Anholt damit abgeschlossen, die Fachleute wollen die Insel am Freitagmorgen wieder verlassen. Die Container mit den Überresten sollen nach Angaben von Morten Abildstrøm vom dänischen Amt für Naturverwaltung voraussichtlich Anfang kommender Woche von der Insel abtransportiert werden. Ein Transport am Wochenende sei wenig sinnvoll, weil die zuständigen Unternehmen dann nur eingeschränkt geöffnet hätten.
Viele Bewohner der Insel wünschen sich dennoch eine schnelle Lösung. Sie befürchten, dass der tote Wal wegen des starken Geruchs Besucher vom beliebten Badestrand fernhalten könnte.
Wie Walkadaver in Dänemark verwertet werden
Für die Entsorgung von Walkadavern ist in Dänemark üblicherweise ein Unternehmen wie Daka zuständig. Ein Sprecher hatte erklärt, dass Überreste von Walen in einer Fabrik in ihre Bestandteile getrennt würden. Einen konkreten Auftrag zur Verwertung von „Timmy“ hatte das Unternehmen zuletzt jedoch noch nicht erhalten.
Wann genau und wohin die Überreste nach dem Abtransport gebracht werden, ist damit weiter offen. Klar ist aber: Die Obduktion ist abgeschlossen, die Reste lagern nun in Containern und werden voraussichtlich erst Anfang der kommenden Woche von Anholt weggebracht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber