Wirtschaft

Weg mit Tarifchaos: Nur noch 15- oder 60-Minuten-Tickets?

Schluss mit dem Ticketchaos? Verbraucherschützer fordern ein verblüffend simples Bus-und-Bahn-System für ganz Deutschland.

27.09.2026, 07:00 Uhr

Wer nur gelegentlich mit Bus und Bahn unterwegs ist, steht im Nahverkehr oft vor einem schwer durchschaubaren Tarifsystem: Welche Zonen gelten, ob ein Ticket bis zum Flughafen reicht oder wie weit eine Kurzstrecke noch zählt, ist vielerorts alles andere als klar. Nach Ansicht der Verbraucherzentralen schreckt diese Komplexität nicht nur Touristinnen und Touristen ab. Sie fordern deshalb ein bundesweit einheitliches und leicht verständliches Preismodell auch für Gelegenheitsfahrgäste.

Ramona Pop, Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, sagte der dpa, Deutschland brauche im öffentlichen Nahverkehr ein Tarifsystem, das überall nach denselben Regeln funktioniert. Das Deutschlandticket sei bereits ein wichtiger Schritt gegen den Tarifdschungel. Für Menschen, die nur hin und wieder fahren, gebe es aber weiterhin ein unübersichtliches Nebeneinander aus Tarifgrenzen, Zonen und unterschiedlichen Ticketvarianten.

Fünf Tickets nach Zeit statt nach Zonen

Der Vorschlag der Verbraucherschützer: Künftig soll sich der Preis allein nach der im Fahrplan vorgesehenen Nutzungsdauer richten. Vorgesehen sind nur noch fünf Ticketkategorien: 15 Minuten, 30 Minuten, 60 Minuten, 120 Minuten und 24 Stunden. In einem Positionspapier heißt es, ein solches Modell sei einfach, intuitiv und überall einheitlich einsetzbar. Wer das Prinzip einmal verstanden habe, könne es bundesweit anwenden.

Pop betonte, gerade bei steigenden Spritkosten seien attraktive Alternativen zum Auto nötig. Das System solle digital nutzbar sein, aber ebenso klassisch etwa über Automaten. Damit würde der Nahverkehr auch für Menschen einfacher, die kein Abo wollen und nur ab und zu Bus oder Bahn fahren.

Ramona Pop
Verbraucherschützerin Pop fordert ein Tarifsystem, «das überall gleich funktioniert». Quelle: Britta Pedersen/dpa

Deutschlandticket vor allem für Vielfahrer attraktiv

Das Deutschlandticket, das 2023 eingeführt wurde, richtet sich vor allem an Pendlerinnen, Pendler und andere regelmäßige Nutzer. Inzwischen zählt es rund 14,5 Millionen Kundinnen und Kunden. Es gilt bundesweit in Bussen und Bahnen des Regional- und Nahverkehrs, unabhängig von Tarifzonen oder Verbundgrenzen. Angeboten wird es als monatlich kündbares Abo und kostet seit Jahresbeginn 63 Euro pro Monat.

Preis für 2027 steht noch aus

Für das kommende Jahr soll der Preis des Deutschlandtickets erstmals nach einem neuen Index berechnet werden, in den unter anderem Personal- und Energiekosten einfließen. Die Bekanntgabe des Preises für 2027 wird in Kürze erwartet. Verbraucherschützer haben bereits mehrfach vor deutlichen weiteren Erhöhungen gewarnt. Das Ticket war ursprünglich für 49 Euro gestartet, wurde später auf 58 Euro angehoben und kostet inzwischen 63 Euro.

Gleichzeitig belasten höhere Energiepreise infolge des Irankriegs auch die Verkehrsunternehmen. Da das Deutschlandticket trotz der Anhebungen weiterhin günstiger ist als viele klassische Pendler-Abos, gleichen Bund und Länder Einnahmeausfälle der Unternehmen mit jeweils 1,5 Milliarden Euro pro Jahr aus.

Vorbild Deutschlandticket, aber ohne Monatsbindung

Nach Auffassung der Verbraucherzentralen zeigt das Deutschlandticket, wie einfach ein Flatrate-Prinzip ohne komplizierte Tarifzonen sein kann. Dieses Prinzip solle nun auf Einzelfahrten und kurze Nutzungszeiträume übertragen werden. Die fünf vorgeschlagenen Zeitstufen von 15 Minuten bis 24 Stunden böten genügend Spielraum für unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse. Anders als Entfernungen oder durchquerte Tarifräume sei die Fahrtdauer für Fahrgäste meist leichter nachvollziehbar.

Konkrete Preise nennen die Verbraucherzentralen selbst nicht. Sie betonen jedoch, das Modell könne insgesamt so gestaltet werden, dass die Einnahmen in etwa auf dem bisherigen Niveau bleiben.

Modellrechnung nennt mögliche Preise

Ein begleitendes Gutachten zum Konzept enthält allerdings eine Beispielrechnung auf Grundlage der Preise des Jahres 2026. Demnach könnte ein 15-Minuten-Ticket 2,50 Euro kosten, 30 Minuten 3,50 Euro, 60 Minuten 5,00 Euro, 120 Minuten 6,50 Euro und ein 24-Stunden-Ticket 14,50 Euro. Bei einer späteren Einführung müssten diese Werte laut Gutachten entsprechend angepasst werden.

Für ermäßigte Tickets wäre dem Modell zufolge auch ein Preis von jeweils 50 Prozent denkbar. Die Fahrzeit würde sich immer am Fahrplan orientieren. Dadurch müssten Fahrgäste bei Verspätungen oder Ausfällen nicht nachzahlen. Zudem ließe sich das Modell mit flexiblen digitalen Bezahlsystemen verbinden, wie sie in manchen Regionen bereits existieren — etwa per App mit Ein- und Auschecken, wobei anschließend automatisch der günstigste Preis berechnet wird.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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