Wirtschaft

Was deutsche Stellenanzeigen beim Gehalt verschweigen

Bald müssen Jobs in Deutschland das Gehalt nennen – doch bisher hält sich kaum jemand daran. Warum sind andere EU-Länder weiter?

14.05.2026, 04:00 Uhr

Kurz vor Ablauf der EU-Vorgabe zur Lohntransparenz zeigen sich deutsche Unternehmen bei Gehaltsangaben in Stellenanzeigen weiterhin sehr zurückhaltend. Das geht aus einer Auswertung der Jobplattform Indeed hervor. Demnach lag Deutschland im Vergleich mit sieben europäischen Ländern auf dem letzten Platz: Nur 12,5 Prozent der ausgeschriebenen Stellen enthielten hier konkrete Informationen zur Bezahlung.

Arbeitgeber gewinnen bei Verhandlungen wieder an Einfluss

Nach Einschätzung der Indeed-Ökonomin Lisa Feist ist in Deutschland derzeit nicht mehr Transparenz zu beobachten, sondern sogar das Gegenteil. Während sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt spürbar entspanne, verlagere sich die Verhandlungsmacht wieder stärker auf die Seite der Arbeitgeber. Dadurch sinke auch der Druck auf Unternehmen, Gehälter bereits in Anzeigen offenzulegen.

Feist zufolge fallen viele Firmen damit in frühere Verhaltensweisen zurück. Eine verlässliche und von der Konjunktur unabhängige Gehaltsoffenheit werde sich wohl erst dann flächendeckend etablieren, wenn die gesetzlichen Vorgaben vollständig umgesetzt seien.

Andere Länder sind deutlich weiter

In mehreren europäischen Staaten ist die Gehaltstransparenz bei Jobangeboten bereits wesentlich stärker ausgeprägt. In Großbritannien enthalten 56 Prozent der Anzeigen Angaben zum Lohn, in den Niederlanden sind es 48 Prozent, in Frankreich 43 Prozent. Auch Italien legte deutlich zu: Dort stieg der Anteil innerhalb eines Jahres von 22 auf 36 Prozent.

Die EU-Richtlinie zur Lohntransparenz muss bis zum 7. Juni in nationales Recht übertragen werden. Ihr Ziel ist unter anderem, Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen zu verringern. Künftig sollen Arbeitgeber bereits vor einem Bewerbungsgespräch Informationen zur Vergütung bereitstellen.

Gehalt
Die Transparenz der Bezahlung ist in Stellenanzeigen in Deutschland wenig ausgeprägt (Symbolbild). Quelle: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

Besonders wenig Offenheit in gut bezahlten Berufen

In Deutschland zeigt sich bislang vor allem bei besser vergüteten Tätigkeiten große Zurückhaltung. Vergleichsweise häufig wurden Gehälter noch in Anzeigen für Reinigungsdienste genannt, dort in 34,8 Prozent der Fälle. Es folgen die Sicherheitsbranche mit 23,5 Prozent, das Transportwesen mit 22,3 Prozent sowie der Kundenservice mit 21,3 Prozent.

Deutlich niedriger fällt die Quote in anderen Bereichen aus: In der Architektur enthielten nur 6 Prozent der Anzeigen eine Gehaltsangabe. In der wissenschaftlichen Forschung waren es 5,3 Prozent, in der Pharmazie 5,2 Prozent. Auch in der IT lag der Anteil mit 5 Prozent sehr niedrig, im Bereich Daten und Analytics sogar nur bei 4,4 Prozent.

Viele Bewerber wünschen sich klare Gehaltsangaben

Eine Umfrage von Indeed unter Beschäftigten zeigt zugleich, dass der Wunsch nach mehr Offenheit groß ist. Mehr als 60 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer befürworten demnach transparente und verlässliche Angaben zum Gehalt. Zudem steigt die Bereitschaft, sich tatsächlich auf eine Stelle zu bewerben, wenn die Vergütung von Anfang an bekannt ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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