Russland überzieht Ukraine nach Feuerpause mit massivem Luftangriff
Wenige Tage nach einer kurzen Waffenruhe hat Russland die Ukraine mit einem der längsten Luftangriffe in mehr als vier Jahren Krieg attackiert. In der Nacht galt erneut landesweit Luftalarm. Nach Angaben der ukrainischen Flugabwehr setzte Russland bis zum Morgen 56 Raketen und Marschflugkörper sowie 675 Drohnen ein. Der Großteil der Flugkörper sei abgefangen worden.
Aus der Hauptstadt Kiew wurden Explosionen, zahlreiche Verletzte und mindestens ein Todesopfer gemeldet. Mehrere Gebäude wurden beschädigt. Rettungskräfte zogen aus den Trümmern eines teilweise eingestürzten Wohnhauses mehrere verschüttete Menschen. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden 40 Menschen verletzt. Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte, 31 Verletzte, darunter ein Kind, würden stationär im Krankenhaus behandelt. In dem betroffenen Haus seien 18 Wohnungen zerstört worden. Auch im Umland von Kiew gab es nach Angaben der Rettungskräfte Verletzte.
Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von Schäden an 20 Orten in Kiew. Betroffen seien Wohnhäuser, eine Schule und weitere Infrastruktur. Auch aus dem Umland der Hauptstadt und anderen Regionen des Landes wurden Schäden gemeldet. Insgesamt habe es seit Mittwoch 1.560 Drohnenangriffe gegeben.
Bereits im Verlauf des gesamten Mittwochs hatte das russische Militär die Ukraine mit Drohnen angegriffen. Solche Attacken am Tag gelten als ungewöhnlich. Selenskyj sprach von mehr als 800 eingesetzten Drohnen. Nach seinen Angaben wurden dabei mindestens sechs Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Der Präsident verurteilte die Angriffe als „Terror“.
Selenskyj setzt auf Trumps Einfluss in China
Selenskyj brachte den Zeitpunkt der massiven Attacken mit dem Besuch von US-Präsident Donald Trump in China in Verbindung. Es sei sicher kein Zufall, dass einer der längsten massiven russischen Angriffe genau dann stattgefunden habe, als der US-Präsident zu seinem Besuch in China eingetroffen sei, sagte Selenskyj. Von dieser Reise versprächen sich viele viel. Zuvor hatte er die Hoffnung geäußert, Trump könne auf Peking einwirken, damit China seine Unterstützung für Russlands Angriffskrieg beendet.
Die russischen Angriffe am Tag trafen nach ukrainischen Angaben Ziele bis in den äußersten Westen des Landes in den Transkarpaten. Die Slowakei schloss wegen der Gefahr zeitweise Grenzübergänge zur Ukraine, Ungarn äußerte ebenfalls Besorgnis. Am Mittwochabend meldete die ukrainische Luftwaffe zudem die Explosion einer russischen Hyperschallrakete vom Typ Kinschal bei einem Einschlag in Starokostjantyniw im Westen der Ukraine, wo sich eine Luftwaffenbasis befindet.
Gleichzeitig flogen am Abend ukrainische Drohnenschwärme in Richtung russisches Gebiet. Als mögliches Ziel galten erneut russische Erdölanlagen am Finnischen Meerbusen.
Schwere Angriffe nach drei Tagen Waffenruhe
Die heftigen russischen Angriffe folgten auf eine dreitägige Feuerpause von Samstag bis Montag. In dieser Zeit konnte Russlands Präsident Wladimir Putin ungestört eine Parade zum Weltkriegsgedenken abhalten. Nach Darstellung aus Kiew war Moskau dabei aber auch darauf angewiesen, dass die von den USA vermittelte Feuerpause hielt und die Ukraine stillhielt.
Am Dienstag ließ Putin demonstrativ einen erfolgreichen Test der neuen russischen Atomrakete RS-28 Sarmat verkünden. Sie solle Ende des Jahres in den Dauereinsatz gehen. Allerdings hatte Moskau die angebliche Einsatzbereitschaft dieses Raketentyps schon in früheren Jahren angekündigt.
Mit den massiven Angriffen will der Kreml den Druck auf die Ukraine erhöhen, russische Bedingungen für Friedensverhandlungen zu akzeptieren. Kremlsprecher Dmitri Peskow bekräftigte die Forderung, Selenskyj müsse seine Truppen aus dem Gebiet Donezk abziehen. Erst dann könne es einen Waffenstillstand geben. Die Ukraine lehnt es jedoch kategorisch ab, von ihr kontrollierte Gebiete an Russland abzutreten.
Putin schickt neue Gouverneure in Grenzregionen
Unterdessen tauschte Putin die Gouverneure der besonders vom Krieg betroffenen Grenzregionen Belgorod und Brjansk aus. In Belgorod gab Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow den Posten laut Kreml „auf eigenen Wunsch“ ab. Zum kommissarischen Nachfolger wurde General Alexander Schuwajew ernannt. Im Gebiet Brjansk folgt Jegor Kowaltschuk auf Alexander Bogomas.
Belgorod war das erste Gebiet in Russland, auf das der Moskauer Angriffskrieg mit Zerstörungen ähnlich wie in der Ukraine zurückschlug. Die Region dient der russischen Armee als wichtiges Aufmarschgebiet für Angriffe auf Charkiw und als logistischer Knotenpunkt. Deshalb greift die Ukraine dort immer wieder Militärziele und Infrastruktur an.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion