Wirtschaft

See-Windparks kassieren fürs Abschalten

Windparks spielten bei der Netzstabilität bisher kaum mit – doch genau das könnte sich jetzt überraschend ändern.

18.10.2026, 04:00 Uhr

Offshore-Windparks entdecken den Markt für Regelreserve

Betreiber von Windparks auf See drängen zunehmend in den Markt für Regelreserve, der Schwankungen zwischen Stromerzeugung und Stromverbrauch ausgleicht. Nach Einschätzung von Netzbetreibern und Energieunternehmen können Offshore-Windparks nach erfolgreicher Qualifizierung einen Beitrag zur Netzstabilität leisten. Bislang übernehmen diese Aufgabe vor allem Pumpspeicherkraftwerke, Gaskraftwerke und Batteriespeicher. Der Anteil der Windenergie ist nach Daten der Bundesnetzagentur bisher allerdings noch sehr klein.

Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, zuständig für das Stromnetz im Nordosten Deutschlands und an der Ostsee, teilte mit, dass sich mehrere Offshore-Windparks derzeit in der sogenannten Präqualifizierungsphase befinden. In diesem Verfahren wird geprüft, ob die Anlagen die technischen Anforderungen für den Regelenergiemarkt erfüllen. Nach Angaben eines Sprechers wächst das Interesse der Betreiber an einer Teilnahme deutlich.

Regelreserve dient als Sammelbegriff. Während Regelleistung die bereitgehaltene Leistung zur Stabilisierung des Stromsystems beschreibt, bezeichnet Regelarbeit die tatsächlich abgerufene Energiemenge.

Auch der für die Nordsee zuständige Netzbetreiber Tennet beobachtet ein wachsendes Interesse von Windparkbetreibern am Markt für Regelreserve. Das gelte ausdrücklich ebenfalls für Offshore-Anlagen.

Vattenfall und Trianel bereits aktiv

Der Energiekonzern Vattenfall vermarktet nach eigenen Angaben erstmals Regelenergie aus einem Offshore-Windpark. Dabei handelt es sich um den Windpark Veja Mate, der im Zuständigkeitsbereich von Tennet präqualifiziert wurde. Der Park liegt rund 95 Kilometer nordwestlich von Borkum und umfasst 67 Windkraftanlagen.

Bereits im August war bekannt geworden, dass auch der Stadtwerke-Verbund Trianel den Windpark Borkum I für den Regelenergiemarkt präqualifizieren ließ. Laut Trianel läuft die Vermarktung seit Juli.

Stillstand kann wirtschaftlich interessant sein

Nach Einschätzung des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) zeigen die aktuellen Präqualifizierungen, dass Offshore-Windparks stärker als flexible Option für den Regelenergiemarkt genutzt werden könnten. Besonders geeignet seien sie für sogenannte negative Regelleistung. Das bedeutet, dass die Einspeisung auf Anforderung kurzfristig verringert wird.

Aus Sicht von 50Hertz kann es für Betreiber an bestimmten Tagen sogar wirtschaftlich sinnvoll sein, auf Stromeinspeisung zu verzichten, statt den Strom nur zu niedrigen Preisen an der Börse zu verkaufen. In solchen Fällen werden die Rotoren aus dem Wind gedreht, und der vorübergehende Stillstand kann als negative Regelleistung vermarktet werden.

Deutlich schwieriger ist es laut Fraunhofer IEE, Offshore-Windparks für positive Regelleistung einzusetzen. Dafür müssten die Anlagen vorsorglich gedrosselt werden, um im Bedarfsfall zusätzliche Leistung abrufen zu können. Das würde jedoch bedeuten, erneuerbaren Strom bewusst nicht zu erzeugen, was meist wirtschaftlich wenig attraktiv ist.

Batteriespeicher bleiben im Vorteil

Das Fraunhofer IEE bewertet die Teilnahme von Offshore-Windparks am Regelreservemarkt grundsätzlich positiv, da sie den Markt stärken könne. Dennoch gelten Batteriespeicher als effizientere Lösung. Deren Nachteil liegt jedoch darin, dass neue Projekte häufig nur schwer einen Netzanschluss erhalten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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