Wirtschaft

Wende beim Verbrenner-Aus: Kommt jetzt E20?

Nach dem E10-Ärger droht jetzt der nächste Sprit-Hammer: Kommt bald E20 an die Zapfsäule? Erste Tests laufen schon.

17.10.2026, 15:22 Uhr

Diskussion um E20: Verkehrsminister Bilger bringt höheren Bioethanol-Anteil ins Spiel

Gut 15 Jahre nach der bundesweiten Einführung von E10 könnte an deutschen Tankstellen bald der nächste Kraftstoffschritt folgen: E20. Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) wirbt gemeinsam mit Frankreich dafür, den Anteil von Biokraftstoffen im Benzin anzuheben. Der "Augsburger Allgemeinen" sagte er, er setze sich mit seinem französischen Kollegen dafür ein, die Beimischung zu erhöhen. Als mögliches Beispiel nannte er E20. Während E5 und E10 den maximalen Bioethanol-Anteil im Benzin bezeichnen, würde E20 eine Beimischung von bis zu 20 Prozent bedeuten.

Der Vorstoß steht im Zusammenhang mit den jüngsten deutsch-französischen Bemühungen, das geplante vollständige Aus für neue Verbrenner ab 2035 in der EU abzuschwächen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte die Einigung mit Paris sinngemäß so beschrieben, dass das Verbrenner-Aus damit vom Tisch sei.

E20 ist kein völlig neues Konzept

Ganz neu ist der Kraftstoff nicht. Nach Angaben des ADAC läuft bereits ein Test in Mannheim. Dort werde E20 bislang allerdings nur innerhalb eines geschlossenen Flottenversuchs eingesetzt. Damit Super E20 regulär an Tankstellen angeboten werden kann, müsste zunächst die Qualitätsnorm für Ottokraftstoffe, die DIN EN 228, angepasst werden. Sie erlaubt derzeit lediglich einen Ethanol-Anteil von bis zu zehn Prozent.

Auch aus technischer Sicht sieht der Automobilclub AvD grundsätzlich keine großen Probleme. Fahrzeuge, die vom Hersteller ohne Einschränkungen für E10 freigegeben sind und über moderne Kraftstoffsysteme verfügen, könnten demnach in der Regel auch E20 sicher nutzen.

Steffen Bilger
Aus für Verbrenner-Aus könnte E20 an die Tankstelle bringen Quelle: Celine Frohnapfel/dpa

Streit um das Verbrenner-Aus in der EU

EU-Staaten und Europaparlament hatten sich 2022 darauf verständigt, dass Neuwagen in der Europäischen Union ab 2035 im Betrieb kein klimaschädliches CO2 mehr ausstoßen dürfen. Bei Verstößen wären Strafzahlungen vorgesehen. Im Dezember legte die EU-Kommission jedoch einen Vorschlag vor, der weiterhin die Neuzulassung von Autos mit Verbrennungsmotor ermöglichen würde. Darüber beraten derzeit sowohl die Mitgliedstaaten als auch das Europaparlament. Ohne deren Zustimmung kann der Plan nicht umgesetzt werden.

Deutschland und die Autoindustrie hatten sich schon seit längerem für eine Lockerung der bisherigen Regeln eingesetzt. Die nun abgestimmten Vorschläge aus Berlin und Paris zur Zukunft von Verbrennern und Elektroautos würden es ermöglichen, dass Hersteller auch nach 2035 neue Verbrenner und Hybridmodelle verkaufen können, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen. Die Einigung könnte im Rat der EU-Staaten eine Mehrheit finden.

Bilger bezeichnete das bisher geplante Verbrennerverbot als Fehlentscheidung. Nach seinen Worten stehe die Bundesregierung für einen Kurswechsel und mehr Technologieoffenheit. Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor könnten auch nach 2035 zugelassen und genutzt werden, wenn sie mit erneuerbaren Kraftstoffen betrieben würden. Solche Kraftstoffe könnten weiterhin einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Unterschiedliche Reaktionen aus der Autobranche

Volkswagen bewertete die gemeinsame Linie von Deutschland und Frankreich positiv. Ein Sprecher des Konzerns sprach von einem starken Signal für Europa und nannte den Vorstoß einen bedeutenden Schritt. Aus Sicht des Unternehmens enthält der Vorschlag sinnvolle flexiblere Regeln bei der CO2-Flottenregulierung.

Kritischer äußerte sich dagegen VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Sie erklärte, die deutsch-französische Einigung gehe in wichtigen Punkten noch nicht weit genug. Deshalb bestehe in den anstehenden Beratungen im EU-Rat und im Parlament weiterhin Gesprächs- und Änderungsbedarf. Als Beispiel nannte sie die besonderen Anforderungen des Nutzfahrzeugbereichs, die weder im Vorschlag der EU-Kommission noch im Papier aus Berlin und Paris ausreichend berücksichtigt würden.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), der dem VW-Aufsichtsrat angehört, machte deutlich, dass der langfristige Weg zur Elektromobilität aus seiner Sicht feststehe. Zugleich betonte er, die Automobilindustrie müsse wirtschaftlich erfolgreich bleiben, um den Wandel finanzieren zu können. Außerdem sei die Sicherung von Arbeitsplätzen wichtig.

Bilger sieht Defizite bei der Ladeinfrastruktur in Europa

Mit Blick auf die Elektromobilität verwies Bilger darauf, dass die Ladeinfrastruktur in Europa sehr unterschiedlich ausgebaut sei. Nicht überall hätten Menschen die Möglichkeit, zu Hause oder am Arbeitsplatz zu laden. Deutschland sei beim öffentlichen Ladenetz zwar gut aufgestellt, in vielen anderen europäischen Ländern gebe es jedoch noch erheblichen Nachholbedarf. Das sei besonders relevant, wenn dort ebenfalls die Regeln zum Verbrenner-Aus gelten sollen. Zudem werde der Umstieg auf E-Autos in vielen Regionen der Welt langsamer verlaufen. Trotzdem blieben diese Märkte für deutsche Hersteller wichtig.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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