Wirtschaft

Mehr Stahl – doch reicht das schon für die Wende?

Mehr Stahl aus Deutschland – startet jetzt die Wende? Die Branche atmet auf, doch das Produktionsloch bleibt riesig.

21.07.2026, 04:55 Uhr

Stahlproduktion in Deutschland legt zu – Branche bleibt dennoch unter Druck

Die deutsche Stahlindustrie hat im ersten Halbjahr etwas Boden gutgemacht, von einer echten Entspannung kann jedoch keine Rede sein. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl wurden in den ersten sechs Monaten rund 18,6 Millionen Tonnen Rohstahl hergestellt. Das sind neun Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Allerdings reicht das nicht an das Niveau des ersten Halbjahres 2024 heran, als 19,4 Millionen Tonnen produziert wurden. Im ersten Halbjahr 2025 war die Erzeugung noch um fast zwölf Prozent eingebrochen.

Der Branchenverband sieht in den aktuellen Zahlen keine dauerhafte Wende. Auf das Gesamtjahr 2026 hochgerechnet würde die Produktion bei etwa 37 Millionen Tonnen liegen. Damit bliebe die Branche unter der Schwelle von 40 Millionen Tonnen, die als notwendig für eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung gilt.

Sorgen bereitet den Unternehmen weiterhin die schwache Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen wie Bau, Maschinenbau und Automobilindustrie. Hauptgeschäftsführerin Kerstin Maria Rippel betonte, eine echte Erholung könne es erst geben, wenn auch der tatsächliche Bedarf an Stahl wieder anziehe. Der Produktionsanstieg dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Lage der Industrie weiterhin schwierig darstelle. Die Zuwächse seien vor allem als technische Gegenbewegung zu verstehen, etwa durch die Auffüllung von Lagern bei Kunden.

Hoffnung durch neue EU-Zollregeln

Etwas Zuversicht setzt die Branche in neue EU-Zollvorschriften, die seit Juli gelten. Unter bestimmten Bedingungen fallen auf Stahlimporte zusätzliche Abgaben an. Bislang hatten günstige Einfuhren aus Asien den deutschen Produzenten das Geschäft erschwert.

Rippel bezeichnete das europäische Handelsschutzinstrument als unverzichtbar für den Stahlstandort in Deutschland und Europa. Es könne dazu beitragen, dass eine spätere Belebung der Nachfrage tatsächlich zu einer besseren Auslastung der Werke in Deutschland und anderen EU-Staaten führe.

Forderung nach Investitionsschub und EU-Vorrang

Von der Politik verlangt die Wirtschaftsvereinigung Stahl weitere Impulse, um die Erholung der Branche dauerhaft zu stützen. Mit Blick auf die angekündigten staatlichen Infrastrukturinvestitionen in Höhe von 500 Milliarden Euro in den kommenden Jahren fordert Rippel, dass diese Mittel möglichst rasch in der Wirtschaft wirksam werden. Daraus könne ein wichtiger konjunktureller Schub entstehen.

Zudem spricht sich der Verband dafür aus, heimische Produzenten bei öffentlichen Ausschreibungen stärker zu berücksichtigen. Nach seiner Vorstellung sollte in Vergabeverfahren ein verbindliches "Made in EU"-Kriterium verankert werden.

Hoher Druck auf die Unternehmen

Die deutsche Stahlindustrie steht seit längerem unter erheblichem Druck. Überkapazitäten belasten den Markt, und der größte deutsche Hersteller Thyssenkrupp Steel Europe baut deshalb tausende Arbeitsplätze ab. Hinzu kommen hohe Energiekosten, die viele Unternehmen stark treffen.

Trotzdem gibt es vereinzelt auch positive Signale: So hatte der Stahlkonzern Salzgitter zuletzt seine Prognose für das Jahr 2026 angehoben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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