Lies: VW steht vor langem und schmerzhaftem Umbau
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sieht Volkswagen nach dem Beschluss zu einem deutlich strengeren Sparkurs erst am Beginn eines schwierigen Umbaus. In einer Regierungserklärung im Landtag sagte der SPD-Politiker, die Einigung sei zwar ein wichtiger Erfolg, weil eine weitere Zuspitzung verhindert worden sei. Zugleich warnte er davor, dies als Lösung aller Probleme zu verstehen. VW stehe vor einer der tiefgreifendsten Umbruchphasen seiner Unternehmensgeschichte. Niedersachsen hält 20 Prozent der Anteile an dem Konzern.
Der Aufsichtsrat hatte sich in der vergangenen Woche nach langen Konflikten einstimmig auf einen sogenannten Zukunftsplan verständigt. Danach soll die jährliche Produktion auf neun Millionen Fahrzeuge sinken, während die operative Umsatzrendite auf neun Prozent steigen soll. Der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume erhielt damit den Auftrag, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen. Weltweit könnten in den kommenden Jahren rund 50.000 Stellen wegfallen – zusätzlich zu bereits laufenden Abbauprogrammen.
50.000 Jobs nicht direkt beschlossen
Lies machte deutlich, dass es für VW kein "Weiter so" geben könne. Der Konzern müsse schneller, schlanker und effizienter werden. Entscheidungsprozesse und Entwicklungszeiten müssten verkürzt, technologische Stärken wieder stärker in wettbewerbsfähige Produkte umgesetzt werden. Zudem brauche Volkswagen eine solide Bonität für die Finanzierung, eine attraktive Aktie für Anleger und eine Ertragskraft, die einem globalen Technologiekonzern entspreche. Ein reiner Stellenabbau könne jedoch nicht die einzige Antwort sein.

Nach Darstellung von Lies hat der Aufsichtsrat keinen direkten Beschluss über den Abbau von 50.000 konkreten Arbeitsplätzen gefasst. Vielmehr habe der Vorstand diese Größenordnung rechnerisch aus den geplanten Kosten- und Renditezielen abgeleitet – und zwar konzernweit über alle Tochtergesellschaften hinweg.
Entscheidend sei nun, die Kosten in diesem Umfang strukturell zu senken. Wie groß die Beiträge aus Vertrieb, Verwaltung, Produktivität und Personal am Ende ausfallen und mit welchen Mitteln dies erreicht werden soll, müsse jetzt zwischen den Beteiligten konkret ausgearbeitet werden. Bereits am Freitag hatte Lies erklärt, dass im Fall eines Stellenabbaus etwa die Hälfte auf Deutschland entfallen könnte.
Zukunft mehrerer Werke weiter ungewiss
Besonders unter Druck stehen derzeit die Standorte Emden, Hannover und Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Für diese Werke kann der Vorstand nach jetzigem Stand keine wettbewerbsfähige Anschlussproduktion für die Jahre 2031 bis 2034 zusagen. Der Aufsichtsrat habe dies zur Kenntnis genommen, aber keine Schließung beschlossen. Stattdessen soll bis Mitte 2027 ein Konzept für eine wettbewerbsfähige europäische Produktionsstruktur erarbeitet werden. Parallel dazu werden für die vier Standorte alternative Nutzungsmöglichkeiten geprüft.
Lies betonte, oberstes Ziel müsse es sein, für die Werke eine wettbewerbsfähige industrielle Perspektive zu schaffen. Keiner der Standorte dürfe vorschnell aufgegeben oder aus der automobilen Wertschöpfungskette herausgenommen werden. Für Emden, Hannover und Zwickau bedeute das aus seiner Sicht konkret, dass dort weiterhin das VW-Zeichen hängen solle. Für Neckarsulm gelte dasselbe mit Blick auf Audi.
Harte Debatten in den kommenden Monaten
Dass keine Werksschließungen beschlossen wurden, bedeutet nach den Worten von Lies allerdings nicht, dass alles unverändert bleibt. Jede neue Belegung müsse wirtschaftlich tragfähig sein. Er stellte die Beschäftigten und die Regionen auf schwierige Entscheidungen und intensive Diskussionen in den nächsten Monaten ein.
Die Aufgabe des Vorstands bestehe nun darin, nicht nur auf Defizite und Überkapazitäten hinzuweisen, sondern tragfähige Lösungen vorzulegen. Aus offenen Fragen müssten konkrete Antworten werden. Der Aufsichtsrat werde diesen Prozess weiter eng begleiten, sagte Lies, der selbst dem Gremium angehört. Der jetzige Beschluss sei daher kein Blankoscheck, sondern verschaffe dem Unternehmen Handlungsspielraum und verbinde diesen mit einer klaren Erwartung an den Vorstand, nun Ergebnisse zu liefern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber