VW startet Reihe außerordentlicher Betriebsversammlungen
Volkswagen bleibt im Krisenmodus. Mit einer Betriebsversammlung am Stammsitz in Wolfsburg hat eine Serie besonderer Treffen zwischen Konzernführung und Belegschaft begonnen. Eingeladen hatte die Arbeitnehmervertretung, die vom Vorstand konkrete Antworten zu den angekündigten Sparplänen verlangt. Beim größten europäischen Autobauer geht es inzwischen um Zehntausende Stellen, mögliche Einschnitte an vier Werken und die Frage, wie der Konzern aus Sicht des Vorstands durch die größte Transformation seiner Unternehmensgeschichte kommen soll.
Schon zum Auftakt wurde deutlich, wie tief die Gräben sind. Ruhe hat die Versammlungsreihe in Wolfsburg zunächst nicht gebracht. Betriebsratschefin Daniela Cavallo griff den Vorstand um Konzernchef Oliver Blume laut Teilnehmerkreisen scharf an. Das Vertrauen, insbesondere in Blume, sei beschädigt. „Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten“, kritisierte sie mit Blick auf die bisherige Kommunikation rund um die Sparpläne. Für ihre Rede erhielt sie demnach Applaus von deutlich mehr als 10.000 Beschäftigten.
Blume pocht auf weitere Einschnitte
Blume machte bei der Versammlung zugleich klar, dass Volkswagen aus seiner Sicht weiter sparen muss. Der Konzern müsse Komplexität abbauen, seine Strukturen konsequent verschlanken und die Kosten senken. VW habe nach Darstellung des Vorstandschefs zwar früh gegengesteuert und begonnen, Konzern und Marken neu auszurichten. Aus Sicht der Führung ist der Konzern damit zwar handlungsfähig, zugleich aber weiter unter akutem Veränderungsdruck.
Zur Begründung verwies Blume auf eine operative Rendite von 3,8 Prozent. Das sei in der aktuellen Lage zwar solide, reiche aber nicht aus, um die Zukunft des Unternehmens aus eigener Kraft zu finanzieren. Zusätzlich will der Vorstand auch das breite Modellangebot und die mehr als 2.000 Beteiligungen des Konzerns stärker in den Blick nehmen. Blume stellte dabei die Frage in den Raum, was tatsächlich das Kerngeschäft stärke. Eine gestraffte Modellpalette würde Entwicklung und Produktion vereinfachen und die Komplexität senken.
Nicht nur VW, sondern die gesamte Branche unter Druck
Gleichzeitig betonte Blume erneut, die Probleme beträfen nicht allein Volkswagen. Die gesamte Autoindustrie stehe unter enormem Druck. Als Belastungsfaktoren nannte er unter anderem US-Zölle, die Marktentwicklung in China, politischen Krisen sowie den Wettbewerb, der Hersteller und Zulieferer gleichermaßen treffe.
Nach Darstellung des Konzernchefs schlägt sich Volkswagen im Branchenvergleich zwar ordentlich. Dennoch hält die Führung tiefgreifende Strukturveränderungen für unvermeidbar, um den Autobauer langfristig wettbewerbsfähig und zukunftsfest aufzustellen.
Bereits 50.000 Stellen bis 2030 angekündigt
Bis 2030 hat Volkswagen bereits den Abbau von konzernweit 50.000 Stellen in Deutschland angekündigt. Davon sollen 35.000 Jobs bei der Kernmarke VW wegfallen, der Rest bei Töchtern wie Audi und Porsche. Nach Konzernangaben haben bereits mehr als 37.000 Beschäftigte entsprechende Vereinbarungen unterschrieben.
Für zusätzliche Unruhe sorgt ein weitergehendes Sparszenario, das Blume im Frühjahr mit einem neuen „Zielbild 2030“ verbunden hatte. Seitdem wird bei VW um Zehntausende weitere Stellen und um die Zukunft von vier Standorten gebangt. Eine Zahl von weiteren 50.000 Jobs bezeichnet Blume dabei nicht als feste Zielgröße, sondern als „theoretische Rechengröße“, die aus den Kosten abgeleitet sei. Etwa die Hälfte dieses Bedarfs verortet er in Deutschland, die andere Hälfte weltweit in rund 170 Gesellschaften.
Vier Werke ohne klare Perspektive für die 2030er Jahre
Besonders sensibel ist die Lage an den Standorten Emden, Zwickau, Hannover sowie bei Audi in Neckarsulm. Für diese Werke gebe es nach Blumes Angaben derzeit noch keine „wettbewerbsfähige Belegung“ für die 2030er Jahre. Werksschließungen bezeichnete er erneut als letzte Option, die er möglichst vermeiden wolle. Zugleich formulierte er ein Zeitfenster: In den kommenden sechs bis zwölf Monaten sollen belastbare Perspektiven für alle Standorte geschaffen werden.
Brisant ist das auch deshalb, weil Volkswagen gerade in Emden und Zwickau in den vergangenen Jahren viel Geld in den Umbau zur Elektromobilität investiert hatte. In beiden Werken wollte Blume an diesem Mittwoch selbst vor Ort sein. Den Abschluss der Versammlungsreihe soll Hannover am 31. August bilden.
Kritik an der Kommunikation des Vorstands
Aus Sicht der Arbeitnehmervertretung reichen die bisherigen, als oberflächlich empfundenen Informationen nicht aus. Cavallo warf dem Vorstand vor, mit großen Zahlen zu operieren, ohne offenzulegen, welche Marken, Regionen und Gesellschaften konkret betroffen sein könnten. Gerade die genannte Zahl von 50.000 zusätzlichen Jobs wirke plakativ und komme an der Börse womöglich gut an, beantworte aber nicht die entscheidenden Fragen der Belegschaft.
Die Beschäftigten erwarten nun klare Aussagen dazu, wie der Vorstand Volkswagen unter den schwierigen Marktbedingungen langfristig wettbewerbsfähig machen will. Die Betriebsversammlungen sollen deshalb genutzt werden, um die Konzernführung direkt mit Fragen der Mitarbeiter zu konfrontieren.
Widerstand aus Politik und Gewerkschaft
Der Ärger innerhalb der Belegschaft, in der Gewerkschaft und auch in der Politik ist deutlich spürbar. Cavallo hatte sich bereits entschieden gegen betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen ausgesprochen. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) betonte mehrfach, dass Fabrikschließungen aus seiner Sicht keine Option seien. Die Größe des Konzerns sei vielmehr eine Chance.
Lies, der kraft Amtes im VW-Aufsichtsrat sitzt, verwies zudem auf den Einfluss des Landes Niedersachsen, das 20 Prozent der Stimmrechte an Europas größtem Autobauer hält. Er sprach sich dafür aus, zusätzliche Wachstumschancen vor allem im E-Mobilitätsmarkt zu nutzen. Als weitere Möglichkeit brachte er auch Rüstungsproduktion ins Spiel, um Werke zeitweise besser auszulasten.
Blick richtet sich auf den Aufsichtsrat
Die Versammlungsreihe hat zusätzliches Gewicht, weil im September die nächste Sitzung des Aufsichtsrats ansteht. Dort dürften die strategischen Entscheidungen fallen. Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management erwartet bei Volkswagen einen „heißen Herbst“. Von den Betriebsversammlungen allein sei aus seiner Sicht allerdings noch nicht viel zusätzliche Klarheit zu erwarten.
Blume hatte die Treffen zuvor als wichtige Gelegenheit für einen offenen Austausch bezeichnet – gerade dann, wenn unterschiedliche Sichtweisen und Interessen aufeinandertreffen. Der Auftakt in Wolfsburg hat jedoch gezeigt, dass der Konflikt über den künftigen Kurs des Konzerns vorerst eher schärfer wird als leiser.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber