Die Gewerkschaft IG BCE erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management von Biontech. Nach Angaben der Arbeitnehmervertreter gebe es keine erkennbaren ernsthaften Bemühungen, die von Schließung bedrohten Produktionsstandorte zu veräußern. Christian Trapp, Gewerkschaftssekretär der IG BCE, sagte in Mainz, es fehle an Transparenz und an belastbaren Informationen seitens des Unternehmens. Unter den Beschäftigten wachse deshalb die Unsicherheit.
Auch der Konzernbetriebsrat werde nach Darstellung der Gewerkschaft nicht ausreichend in die Vorgänge eingebunden. Zusätzlich verschärfe ein enger Zeitplan die Lage: Ein möglicher Verkauf der Werke in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie von Standorten des übernommenen Konkurrenten Curevac solle demnach bereits bis Oktober abgeschlossen sein.
Bis zu 1.860 Stellen bedroht
Zwar gebe es Hinweise auf Gespräche mit potenziellen Interessenten. Wegen der aus Sicht der Gewerkschaft mangelnden Offenheit zweifelt Trapp jedoch daran, dass Biontech tatsächlich mit Nachdruck an einer Veräußerung arbeite, um Standorte und Arbeitsplätze zu sichern.
Biontech hatte vor kurzem angekündigt, mehrere Produktionsstätten wegen geringer Auslastung, Überkapazitäten und Sparzwängen schließen zu wollen. Betroffen sind die Werke in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie mehrere Curevac-Standorte. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Arbeitsplätze wegfallen. Allein bei Curevac sind rund 820 Jobs in Gefahr, vor allem am Hauptsitz in Tübingen.
Gewerkschaft kritisiert Profitorientierung
Die IG BCE wirft der Unternehmensführung zudem vor, keine überzeugende Perspektive für die Zeit nach dem angekündigten Rückzug der Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci zu haben. Trapp sagte, viele Beschäftigte seien einst zu Biontech gekommen, weil das Unternehmen den Anspruch vermittelt habe, mit seiner Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Dieser Eindruck habe sich inzwischen verändert. Nach seiner Einschätzung stehe nun vor allem die Gewinnorientierung im Vordergrund.

Biontech war 2008 von Sahin und Türeci gegründet worden. Das Ehepaar plant inzwischen den Aufbau eines neuen Unternehmens, das sich auf die Entwicklung einer nächsten Generation von mRNA-basierten Medikamenten konzentrieren soll. Anteilseigner von Biontech wollen beide dennoch bleiben. Nach ihrem angekündigten Abschied läuft die Suche nach einer neuen Führungsspitze. Der Schwerpunkt dieser Suche liegt auf den USA.
Rückkehr zum Schwerpunkt Onkologie
Nach Unternehmensangaben beschäftigt Biontech weltweit rund 7.200 Menschen, davon etwa 4.000 in Mainz. Bei seinem jüngsten Auftritt als Firmenchef während der virtuellen Hauptversammlung stellte Sahin den von Stellenabbau betroffenen Beschäftigten sozialverträgliche Lösungen in Aussicht.
Die geplanten Schließungen begründete er mit der strategischen Neuausrichtung des Biopharma-Unternehmens. Künftig wolle sich Biontech wieder stärker auf Forschung und Entwicklung in der Onkologie konzentrieren.
International bekannt wurde das Unternehmen während der Corona-Pandemie, als Biontech gemeinsam mit dem US-Konzern Pfizer die erste Zulassung für einen Covid-19-Impfstoff erhielt. Die Produktion dieses Impfstoffs soll künftig vollständig an Pfizer-Standorten in Europa und Amerika erfolgen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion