Wirtschaft

Experten: Marode Brücken treiben Kosten massiv hoch

Plötzliche Brückensperrungen, monatelanges Chaos: Experten nennen die wahren Ursachen – und erklären sie mit Zähneputzen.

10.07.2026, 04:01 Uhr

Vernachlässigte Brücken: Experten warnen vor wachsendem Sanierungsstau

Ob in Bonn, Berlin, Bad Schandau oder zuvor im Sauerland: In Deutschland mussten in den vergangenen Jahren immer wieder wichtige Verkehrsbrücken kurzfristig gesperrt werden. Im Fall der Carolabrücke in Dresden kam es sogar zu einem Einsturz im laufenden Betrieb. Nach Einschätzung des Dresdner Bauingenieurs Steffen Marx wurde die Instandhaltung von Brücken hierzulande über Jahrzehnte vernachlässigt.

Marx, der an der Technischen Universität Dresden lehrt, vergleicht die Pflege von Brücken mit täglicher Zahnhygiene: Eine kurze Vernachlässigung sei meist noch unproblematisch. Wenn Instandhaltung aber über viele Jahre ausbleibe, nehme der Verschleiß deutlich schneller zu. Genau das sei in Deutschland passiert.

Ein prominentes Beispiel ist die Ringbahnbrücke auf der Berliner Stadtautobahn. Wegen Schäden an der Tragkonstruktion wurde sie im Frühjahr 2025 überraschend gesperrt und anschließend abgerissen. Der Neubau, der mehrere Millionen Euro kostet, soll im ersten Halbjahr 2027 fertig werden. Derzeit werden dort neue Stahlteile eingesetzt.

Reparaturen kosten deutlich mehr als laufende Pflege

Nach Ansicht von Marx ist rechtzeitige Wartung wesentlich günstiger als spätere Großreparaturen oder ein kompletter Ersatzneubau. Ein beschädigter Ablauf lasse sich etwa mit wenig Aufwand instand setzen. Bleibe das jedoch aus, könne Feuchtigkeit eindringen, Stahl korrodieren und der Schaden erheblich größer und teurer werden.

Vollsperrungen kommen oft sehr plötzlich zustande: Werden bei Untersuchungen schwere Mängel festgestellt und Fachleute sehen die Standsicherheit gefährdet, bleibt meist keine Alternative. So darf die Bonner Nordbrücke seit Anfang Juni weder von Autos noch von Fußgängern oder Radfahrern genutzt werden. Bereits zuvor traf es 2025 die Berliner Ringbahnbrücke, 2024 die Elbbrücke in Bad Schandau und 2021 die Rahmede-Talbrücke.

Experten: Megakosten wegen maroder Brücken vielfach vermeidbar
Die Rahmede-Talbrücke wurde gesprengt und neu gebaut. (Archivbild) Quelle: Christoph Reichwein/dpa

Martin Claßen von der RWTH Aachen spricht deshalb von einer kritischen Lage bei vielen stark belasteten Brücken, besonders im Autobahnnetz. Die Probleme seien nicht plötzlich entstanden, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung.

Viele Bauwerke stammen aus der Nachkriegszeit

Zahlreiche Brücken wurden nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet und ursprünglich für eine Lebensdauer von rund 80 Jahren geplant. Zudem seien viele von ihnen auf deutlich geringere Verkehrsbelastungen ausgelegt worden. Heute gebe es wesentlich mehr Verkehr und vor allem deutlich mehr Schwerlastverkehr als zur Bauzeit.

Marx kritisiert, dass in Deutschland lange nach dem Prinzip "bauen und vergessen" gehandelt worden sei. Nach dem Bau seien viele Brücken kaum systematisch gepflegt worden; oft habe man sich auf die gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungen im Sechsjahresrhythmus beschränkt. Dadurch rolle nun eine große Welle sanierungsbedürftiger Bauwerke auf das Land zu.

Wenn sehr viele Brücken bereits in schlechtem Zustand seien, gebe es zwangsläufig auch einzelne, deren Zustand noch schlechter sei als angenommen. Damit steige langfristig auch das Risiko von Einstürzen. Die Carolabrücke sei allerdings die erste Brücke seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen, die in Deutschland während des laufenden Betriebs einstürzte. Ursache waren laut Marx versteckte Drahtbrüche im Inneren der Konstruktion, die bei Kontrollen nicht sichtbar waren.

Das Bundesverkehrsministerium hatte bereits unter der früheren Ampel-Koalition rund 4.000 besonders wichtige, aber sanierungsbedürftige Autobahnbrücken identifiziert. Diese sollen in den kommenden Jahren erneuert oder instand gesetzt werden. An diesem Ziel hält auch die aktuelle Bundesregierung fest.

Nicht jede Brücke muss neu gebaut werden

Nach Einschätzung von Marx versteht die Politik unter Modernisierung allerdings oft vor allem Abriss und Neubau. Dabei ließe sich etwa die Hälfte der Brücken, die heute ersetzt würden, auch sanieren. Das könnte erhebliche Kosten sparen. Entscheidend sei, die tragenden und geschädigten Bauteile zu reparieren; ein Bauwerk müsse dafür nicht vollständig neu sein.

Auch Claßen betont, dass nicht jede beschädigte Brücke sofort ersetzt werden müsse. Eine kluge Bewertung des tatsächlichen Zustands könne helfen, Maßnahmen gezielt zu priorisieren und wirtschaftlicher umzusetzen.

Bei notwendigen Ersatzneubauten liegen die größten Hürden laut Experten häufig nicht beim Bauen selbst, sondern bei Planung, Genehmigungen und Vergaben. Als wichtigen Ansatz nennt Claßen funktionale Ausschreibungen. Dabei werde nicht jedes Detail vorgegeben, sondern vor allem beschrieben, welche Aufgabe ein Bauwerk erfüllen müsse. Das eröffne Spielräume für innovative und effizientere Lösungen.

Mehr Standardisierung und bessere Überwachung gefordert

Darüber hinaus sehen Fachleute erheblichen Nachholbedarf bei Standardisierung und modularen Bauweisen. Noch immer würden viele Brücken wie Einzelstücke behandelt, obwohl es technisch erprobte Schnellbauverfahren gebe. Damit ließen sich Bauzeiten und auch die Dauer von Sperrungen deutlich verkürzen.

Ebenso wichtig sei es, die Überwachung bestehender Brücken weiterzuentwickeln. Trotz aller Defizite und des großen Sanierungsbedarfs gibt Claßen aber Entwarnung in einem Punkt: Das Risiko eines unerwarteten Brückeneinsturzes sei in Deutschland insgesamt weiterhin gering.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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