Seit Ende Juni gilt in Deutschland ein neuer vorläufiger Hitzerekord: In Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt wurden nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) 41,8 Grad gemessen. Auch in den nächsten Tagen dürfte vor allem im Südwesten erneut extreme Wärme bevorstehen. Viele Menschen haben dann den Eindruck, dass es in Städten noch heißer ist. Ganz falsch ist das nicht – allerdings werden Messwerte aus Innenstädten nicht zur offiziellen Bewertung von Hitze-Rekorden für Deutschland oder einzelne Bundesländer herangezogen. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied zwischen Stadt und Umland in der Nacht.
Sind Rekordorte automatisch die heißesten Plätze des Tages?
Nein. Nach Einschätzung von Fachleuten gibt es praktisch immer noch einen Ort, an dem es an diesem Tag sogar etwas wärmer war. Schließlich lässt sich nicht jeder Punkt in Deutschland messen. Die rund 200 DWD-Temperaturstationen stehen deshalb an Orten, die möglichst typisch für ihre Umgebung sind – meist über kurzem Rasen und mit Abstand zu Bäumen, Häusern und anderen Einflüssen. Damit sollen Verfälschungen, etwa durch städtische Wärmeinseln, vermieden werden.
Was bedeutet Wärmeinsel-Effekt?
Städte sind im Durchschnitt deutlich wärmer als ihr Umland. Tagsüber beträgt der Unterschied meist nur ein bis zwei Grad. Nachts kann er jedoch auf bis zu zehn Grad anwachsen. Um diese Entwicklung zu beobachten, betreibt der DWD ein spezielles Messnetz mit Paaren aus innerstädtischen und umliegenden Stationen.
Ein Beispiel aus München: Am 28. Juni wurden um 14 Uhr in der Innenstadt 35,1 Grad gemessen, am Flughafen 34,5 Grad. In der Nacht war der Unterschied viel größer: Um 3 Uhr lagen die Werte bei 25,2 Grad in der Innenstadt und nur 16,8 Grad am Flughafen.

Auch Freiburg zeigt das Problem deutlich. Dort wurden bis zum 29. Juni 13 Tropennächte in Folge registriert – also Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sank. Nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt waren es im selben Zeitraum deutlich weniger. Forschende sehen darin einen Vorgeschmack auf Bedingungen, die in ländlichen Regionen des Oberrheingrabens erst in einigen Jahrzehnten erwartet werden.
Warum bleiben Städte nachts so warm?
Der Hauptgrund liegt in der Bauweise. Städte bestehen aus großen Mengen Beton, Stein und Asphalt. Gebäude, Straßen und Plätze speichern tagsüber viel Sonnenenergie und geben diese Wärme nachts wieder an die Luft ab. Dadurch kühlt sich die Stadt wesentlich langsamer ab als das Land.
Hinzu kommt: Tagsüber ist die bodennahe Luftschicht meist deutlich höher und besser durchmischt als nachts. Die vom Boden und von Gebäuden abgestrahlte Wärme verteilt sich dann auf einen größeren Raum. Außerdem ist der Wind tagsüber oft stärker und kann Wärme eher aus der Stadt abtransportieren. Nachts nimmt dieser Effekt meist ab.
Welche Folgen hat das für die Gesundheit?
Hohe Temperaturen in der Nacht gelten als besonders belastend. Der Körper kann sich dann nicht ausreichend von der Hitze des Tages erholen. Schlaf wird schlechter, Herz und Kreislauf geraten stärker unter Druck, und das Risiko für Erschöpfung, Flüssigkeitsmangel oder Kreislaufprobleme steigt. Halten Tropennächte länger an, wächst auch die Gefahr schwerer gesundheitlicher Folgen bis hin zu mehr Todesfällen.
Fachleute weisen darauf hin, dass Hitze schon heute zu den bedeutendsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland zählt.
Kann man den Wärmeinsel-Effekt durch Stadtumbau beseitigen?
Nein. Anpassungsmaßnahmen können helfen, die Belastung zu mindern, aber sie können den Effekt nicht vollständig stoppen. Nach Einschätzung von Experten werden Städte in Zukunft weiter heißer werden.
Ein entscheidender Faktor ist die Größe und Dichte einer Stadt. Sinnvoll sind Luftschneisen, die vom Stadtrand bis ins Zentrum reichen, sowie eine aufgelockerte Bebauung. In der Praxis ist das jedoch schwer umzusetzen – auch weil Städte in Zeiten von Wohnraummangel eher noch dichter bebaut werden.
Gewöhnt sich der Mensch nicht einfach an Hitze?
Nur teilweise. Zwar passt sich der Körper im Verlauf des Sommers etwas an, weshalb die ersten Hitzetage oft als besonders unangenehm empfunden werden. In südlichen Ländern spielt jedoch weniger die körperliche Anpassung eine Rolle als vielmehr das Verhalten: Ruhezeiten am Mittag, Aktivitäten bis in die Abend- und Nachtstunden und oft auch das Verlassen der Städte im Sommer.
Wie stark Menschen unter Hitze leiden, hängt zudem stark von ihrer Lebenssituation ab. Wer in einem klimatisierten Büro arbeitet, ist anders betroffen als jemand, der draußen körperlich arbeitet. Auch Wohnverhältnisse, Mobilität und finanzielle Möglichkeiten machen einen großen Unterschied.
Wären mehr Klimaanlagen die Lösung?
Eher nicht. Klimaanlagen kühlen Innenräume, geben die entzogene Wärme aber nach draußen ab. Dadurch kann sich die Umgebung zusätzlich aufheizen. Studien deuten darauf hin, dass bei flächendeckendem Einsatz während starker Hitzewellen die Außentemperatur in Städten noch merklich steigen könnte.
In sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Kitas gelten Klimaanlagen allerdings als notwendig. Diskutiert wird dagegen, ob wirklich jedes Büro und jede Wohnung stark heruntergekühlt werden sollten. Auch im öffentlichen Nahverkehr und in öffentlichen Gebäuden dürfte Kühlung künftig häufiger nötig werden, um Gesundheitsgefahren zu vermeiden.
Hilft gute Dämmung gegen Hitze?
Teilweise. Gedämmte Gebäude heizen sich langsamer auf als ungedämmte. Allerdings geben sie Wärme später auch langsamer wieder ab. Bei kürzeren Hitzewellen von einigen Tagen kann Dämmung trotzdem ein Vorteil sein, weil sie Zeit verschafft: Oft ist die schlimmste Phase draußen schon vorbei, bevor sich das Gebäude stark aufgeheizt hat.
Wären mehr Bäume in Parks die Antwort?
Nicht uneingeschränkt. Tagsüber spenden Bäume Schatten und kühlen durch Verdunstung. Nachts können dichte Baumkronen jedoch ähnlich wie eine Wolkendecke wirken und verhindern, dass Wärme gut entweicht. Deshalb gilt ein ausgewogener Mix aus Bäumen und offenen Flächen als besonders günstig.
Das betrifft auch Straßenräume: In engen Straßenschluchten kann es besser sein, nur auf einer Seite Bäume zu pflanzen, damit die Luft weiterhin zirkulieren kann. Große offene Grünflächen verbessern das Stadtklima ebenfalls, vor allem nachts – ihr kühlender Einfluss reicht aber meist nur einige Hundert Meter weit in angrenzende Straßen hinein.
Langfristig kommt ein weiteres Problem hinzu: Viele Grünflächen und Bäume leiden unter zunehmender Hitze und Trockenheit. Wenn Wasser knapp wird, können sie oft nicht ausreichend bewässert werden. Vertrocknete Wiesen verlieren ihren Kühleffekt nahezu vollständig und verhalten sich thermisch ähnlich wie versiegelte Flächen. Auch deshalb sind in manchen südeuropäischen Städten Parks eher gepflastert und nur spärlich begrünt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber