Zehn Jahre nach dem Anschlag von München: Angehörige kämpfen weiter um Anerkennung und Aufklärung
Am 22. Juli 2016 beginnt in München ein sonniger Sommertag. Für Hasan Leyla verwandelt er sich binnen weniger Minuten in einen Albtraum. Während er arbeitet, ruft seine Frau an: Ihr 14-jähriger Sohn Can ist mit Freunden im Olympia-Einkaufszentrum unterwegs, dort sind Schüsse gefallen. Für den Vater zählt von da an nur noch eines: sein Kind zu finden.
Was folgt, prägt die Familie bis heute. Nicht nur die Leylas, sondern auch die Angehörigen der insgesamt neun Todesopfer leiden bis heute unter den Folgen des rassistischen Anschlags. Bis auf eine Person waren alle Getöteten Jugendliche.
Mit dem nahenden zehnten Jahrestag ist der Schmerz ungebrochen. Neben der Trauer empfinden Sibel und Hasan Leyla aber auch tiefe Enttäuschung und Wut – gegenüber Polizei, Behörden und Politik.
Stunden voller Angst und Ungewissheit
Noch immer erinnern sich die Eltern an die quälenden Stunden nach der Tat. Can saß an jenem Nachmittag wie andere Jugendliche mit Freunden in einem Schnellrestaurant gegenüber dem OEZ, als die Schüsse fielen.
Danach beginnt für die Familie eine verzweifelte Suche. Sie fahren zum Einkaufszentrum, werden mit einem Shuttlebus zu einer Sammelstelle für Angehörige gebracht und hängen immer wieder in der Warteschleife der Polizei fest. Hasan Leyla sagt rückblickend, es habe praktisch keinerlei Informationen gegeben.
Als er schließlich jemanden erreicht, bekommt er zunächst eine Nachricht, die Hoffnung macht: Cans Name stehe nicht auf der Liste der Toten. Doch der Junge bleibt verschwunden – und die Familie sucht weiter.

Die Nachricht vom Tod des Sohnes
Erst am frühen Morgen, gegen 3.30 Uhr, kommt die Gewissheit. Ein Polizist überbringt die Todesnachricht. Hasan Leyla erinnert sich an den kurzen Satz, mit dem seine Welt zusammenbricht: Sein Sohn sei tot. Benommen unterschreibt er den Erhalt der Mitteilung, dann fährt der Beamte wieder fort.
Für Sibel Leyla ist bis heute unbegreiflich, warum die Familie so lange ohne Klarheit bleiben musste. Sie ist überzeugt, dass schon früh feststand, dass Can unter den Opfern war. Dass die Angehörigen dennoch bis in die Morgenstunden ohne belastbare Auskunft ausharren mussten, hat sich tief eingebrannt.
Streit um die Einordnung der Tat
Eine weitere Verletzung folgte, als die Behörden den Anschlag zunächst als Amoklauf einstuften. Zum Abschluss der Ermittlungen erklärte die Staatsanwaltschaft im März 2017, der 18 Jahre alte Täter habe psychische Probleme gehabt und sich Opfer ausgesucht, die in sein persönliches Feindbild passten – auch wegen eigener Erfahrungen mit Mobbing. Obwohl er ausgeprägten Hass auf Menschen mit ausländischen Wurzeln gezeigt und teils nationalsozialistische Symbole und Parolen verwendet habe, wurde die Tat damals nicht als politisch motiviert bewertet.
Für die Familie Leyla war diese Sicht von Anfang an falsch. Hasan Leyla verweist darauf, dass alle Getöteten aus Familien mit Einwanderungsgeschichte stammten. Für ihn war das kein Zufall. Besonders schmerzlich sei gewesen, dass durch die Betonung von Mobbing der Täter fast als bemitleidenswerte Figur erscheine, während die ermordeten Kinder in ein falsches Licht gerieten. Die Eltern fragten deshalb immer wieder: Warum wird nicht von rechtem Terror gesprochen?
Anerkennung als rechtsradikaler Anschlag
Erst im Oktober 2019 wurde die Tat offiziell als rechtsradikal motiviert eingestuft. Für die Leylas war das ein wichtiger, aber kein ausreichender Schritt. Gemeinsam mit anderen Betroffenen rechter Gewalt kämpfen sie weiter um Antworten und um Konsequenzen für die Gesellschaft.
Sibel Leyla beschreibt, wie sehr sie die politische Stimmung belastet. Tagtägliche Hetze gegen Migranten und Muslime vermittle das Gefühl, nicht dazuzugehören. Wie solle man sich in einem Land oder einer Stadt sicher fühlen, wenn einem immer wieder abgesprochen werde, Teil davon zu sein? Die Angst, dass der eigenen Familie erneut etwas passieren könnte, sei ständig präsent.
"Nennt mich lieber Mitaufbauer"
Dabei sehen sich die Leylas als selbstverständlichen Teil Münchens und Deutschlands. Dass sie sich immer noch dafür rechtfertigen müssten, dazuzugehören, empfindet Sibel Leyla als schmerzhaft. Ihr Appell ist klar: schweigen dürfe keine Option sein, vielmehr brauche es sichtbaren Widerstand gegen Rassismus.
Hasan Leyla erinnert an seinen Vater, der 1966 aus der Türkei nach Deutschland kam. Menschen wie er hätten dieses Land mit aufgebaut. Deshalb wolle er nicht als Migrant bezeichnet werden. Lieber, sagt er, solle man ihn einen Mitaufbauer nennen.
Kritik am Denkmal
Auch das Mahnmal am Ort des Anschlags ist für die Familie ein wunder Punkt. Das 2017 errichtete Denkmal besteht aus einem großen Metallring, in dessen Innerem Fotos und Namen der Opfer zu sehen sind. Erst 2020 wurde die Inschrift geändert: Aus dem Begriff Amoklauf wurde die Bezeichnung rassistisches Attentat.
Hasan Leyla hält die Gestaltung für überhastet. Damals seien die Angehörigen in ihrer Trauer kaum in der Lage gewesen, eine gute Entscheidung zu treffen. Sibel Leyla wünscht sich mehr Sichtbarkeit und zusätzliche Informationen, etwa auf einer Tafel. Aus ihrer Sicht sollte das Denkmal offener und lebensnäher wirken – auch weil die meisten Opfer noch sehr jung waren. Diesen Punkt will die Familie nun als nächsten Schritt angehen.
Der Schmerz bleibt
Dass die Leylas auch nach all den Jahren so beharrlich für Gerechtigkeit und Aufklärung eintreten, hat für Hasan Leyla auch mit einem Versprechen an seinen Sohn zu tun. Nach dessen Tod habe er ihm geschworen, so lange für ihn zu kämpfen, wie er lebe.
Die Lücke, die Can hinterlassen hat, ist für seine Eltern unverändert spürbar. Er fehle überall, sagen sie. Zehn Jahre seien vergangen – für die Öffentlichkeit. Für sie selbst aber fühle es sich an, als wäre alles erst gestern geschehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber