Der frühere Wirecard-Vorstandschef Markus Braun, der sich wegen des Vorwurfs des Milliardenbetrugs vor Gericht verantworten muss, beschreibt die inzwischen sechs Jahre andauernde Untersuchungshaft als belastend. Am 270. Verhandlungstag im Münchner Wirecard-Prozess sagte der Österreicher, er fühle sich zwar einsam, sei aber weiterhin nicht gebrochen. Er sei nach wie vor „sehr energetisch“, zugleich seien vor allem „Einsamkeit und Isolation“ schwer zu ertragen. Die größte Herausforderung sei, vollständig aus dem Familienleben herausgerissen zu sein.
Braun will nach der Haft wieder arbeiten
Seit Juli 2020 sitzt Braun ohne Unterbrechung in U-Haft. Sein Alltag wird vor allem durch den Strafprozess bestimmt, der inzwischen seit dreieinhalb Jahren vor dem Landgericht München I läuft. Der 1969 geborene Ex-Manager erklärte bei Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen, dass er nach einer Entlassung wieder arbeiten wolle. Er habe „überhaupt keine Zweifel“, in kürzester Zeit wieder etwas Konstruktives tun zu können.
Braun ist in dem umfangreichen Verfahren der Hauptangeklagte. Inzwischen ist er geschieden. Als Grund nannte er jedoch keine Entfremdung, sondern „andere Gründe“ – ein Hinweis auf die strafrechtlichen und zivilrechtlichen Folgen des Wirecard-Skandals. Das Verhältnis zu seiner Frau und seiner Familie sei dennoch unverändert stark.
Familienbesuche nur einmal im Monat
Nach eigenen Angaben sitzt Braun in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim ein. Dort bekomme er einmal im Monat Besuch von seiner achtjährigen Tochter und seiner Frau. Auch der monotone Gefängnisalltag setze ihm zu. Es sei jeden Tag eine Herausforderung, sich emotional nicht überwältigen zu lassen und immer wieder in einen rationalen, konstruktiven Zustand zurückzufinden.
Die Staatsanwaltschaft betrachtet Braun als Haupttäter im Wirecard-Skandal, der als mutmaßlich größter Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt. Nach Auffassung der Anklage sollen Braun und seine Komplizen über Jahre hinweg Umsätze in Milliardenhöhe erfunden und die Konzernbilanzen manipuliert haben. Ziel sei gewesen, den tatsächlich defizitären Konzern mithilfe hoher Bankkredite über Wasser zu halten. Den entstandenen Schaden beziffert die Anklage auf gut drei Milliarden Euro.
Richter steuert auf die Schlussphase des Verfahrens zu
Braun weist die Vorwürfe zurück. Er sieht sich selbst als Opfer einer Gruppe von Betrügern rund um den untergetauchten früheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek. Gemeinsam mit zwei weiteren ehemaligen Wirecard-Managern sitzt er auf der Anklagebank. Einer der beiden Mitangeklagten belastet Braun allerdings und wirft ihm Mitwisserschaft und Beteiligung vor.
Konkrete Termine für Plädoyers und Urteil gibt es weiterhin nicht. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch forderte die Verteidiger jedoch auf, sich mit der Kammer über die Planung der Schlussphase des Verfahrens abzustimmen und den Zeitbedarf für die Plädoyers zu klären. Das Gericht hatte ursprünglich gehofft, den Prozess bereits Ende vergangenen Jahres abschließen zu können.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber