Wirtschaft

Unicredit greift nach Commerzbank-Mehrheit – Bund blockt

Showdown um die Commerzbank: Unicredit baut ihren Anteil aus – rückt die Übernahme jetzt plötzlich zum Greifen nah?

08.07.2026, 13:28 Uhr

Die italienische Großbank Unicredit ist ihrem Ziel einer Übernahme der Commerzbank ein gutes Stück näher gekommen. Nach Ablauf ihres Übernahmeangebots kommt das Institut aus Mailand nach eigenen Angaben auf mehr als 44 Prozent an Deutschlands zweitgrößter Privatbank. Die Commerzbank signalisiert zwar Gesprächsbereitschaft, stellt die Darstellung der Italiener aber erneut infrage. Aus Berlin kommt weiter deutliche Kritik: Die Bundesregierung nennt das Vorgehen von Unicredit inakzeptabel.

Unicredit verfehlt die Mehrheit nur knapp

Nach Angaben von Unicredit wurden bis zum Ende der Frist am 3. Juli Aktien im Umfang von 17,6 Prozent angedient. Zusammen mit dem bereits gehaltenen Anteil von 26,77 Prozent ergibt sich damit rechnerisch eine Beteiligung von 44,37 Prozent.

Damit liegt Unicredit deutlich über den ursprünglichen Erwartungen. Zusätzlich verfügt die Bank über Kaufoptionen auf weitere 3,22 Prozent der Commerzbank-Aktien und könnte ihren Anteil damit auf 47,59 Prozent erhöhen. Die Mailänder sprechen von einem weiteren Schritt bei der Umsetzung ihrer strategischen Beteiligung an der Commerzbank. Für den Vollzug des Aktientauschs fehlen allerdings noch behördliche Genehmigungen.

Commerzbank offen für konstruktiven Dialog

Im immer schärfer geführten Übernahmestreit schließt die Commerzbank Gespräche mit Unicredit nicht aus. Das Institut betont, realistische Synergien aus einem möglichen Zusammenschluss seien aus seiner Sicht nur mit einer einvernehmlichen Lösung erreichbar – und nur dann, wenn Unternehmensführung, Beschäftigte, Arbeitnehmervertreter und die Bundesregierung als zweitgrößter Aktionär eingebunden werden.

Unicredit war im September 2024 bei der Commerzbank eingestiegen und hatte im Mai ihr Angebot für den Dax-Konzern vorgelegt. Angeboten wurden 0,485 Unicredit-Aktien je Commerzbank-Aktie. Mit dieser Konstruktion vermied Unicredit-Chef Andrea Orcel ein gesetzlich vorgeschriebenes Pflichtangebot, das beim Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle fällig und teurer geworden wäre.

Lange Zeit lag die Offerte gemessen am Börsenkurs unter dem Wert der Commerzbank-Aktie. Erst mit dem deutlichen Kursanstieg der Unicredit-Aktie gewann das Angebot zuletzt an Attraktivität.

Commerzbank erneuert Zweifel an der Annahmequote

Die Commerzbank unter Vorstandschefin Bettina Orlopp weist eine feindliche Übernahme weiter zurück und erhält dabei Rückendeckung vom Bund. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums erklärte, das aggressive und feindliche Vorgehen der Unicredit bleibe aus Sicht der Bundesregierung nicht akzeptabel. Der Staat wolle seinen Anteil von rund 12 Prozent nicht veräußern.

Zugleich äußerte die Commerzbank erneut Zweifel an der von Unicredit gemeldeten hohen Zustimmung. Nach ihren Informationen liege das Volumen der von institutionellen und privaten Investoren angedienten Aktien bei weniger als zwei Prozent. Der Großteil der angedienten Papiere stamme überwiegend von mit Unicredit verbundenen Banken und Parteien. Zudem sei weiter nicht transparent, in welchem Umfang geliehene Aktien angedient wurden und welche Absicherungsvereinbarungen dabei eine Rolle spielten.

Weitere Hürden bis zu einer Übernahme

Mit dem gewachsenen Anteil steigt zwar die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme der 1870 gegründeten Commerzbank. Unicredit könnte an der Börse weitere Aktien zukaufen, stünde dabei aber unter besonderer Beobachtung der Finanzaufsicht.

Für eine vollständige Übernahme wäre dennoch mehr nötig: Weitere Aktionäre müssten ihre Anteile verkaufen, außerdem müssten die zuständigen Behörden zustimmen. Entscheidend wären vor allem die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank und die Wettbewerbshüter der EU-Kommission.

Der Druck auf die Commerzbank hat dennoch weiter zugenommen. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein forderte beide Seiten auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Nun gehe es darum, einen gemeinsamen Weg zu suchen und auf höchster Managementebene konstruktiv zu sprechen. Weder der Finanzplatz Frankfurt noch die Commerzbank als wichtiger Finanzierer des Mittelstands dürften geschwächt werden.

Sorge vor tiefen Einschnitten

Andrea Orcel verfolgt mit einer Übernahme das Ziel, eine große europäische Bankengruppe zu formen, die auch als Gegengewicht zu US-Instituten dienen soll. Er sieht Milliardenpotenzial bei den Einsparungen, darunter den Abbau von 7.000 Arbeitsplätzen bei der Commerzbank. Zudem soll das Auslandsnetz des Instituts verkleinert werden. In Deutschland ist Unicredit bereits über die Hypovereinsbank präsent.

Arbeitnehmervertreter der Commerzbank warnen vor einem massiven Kahlschlag. Allerdings hat auch die Commerzbank selbst bereits den Abbau von Tausenden Stellen eingeleitet, um ihre Profitabilität zu steigern.

Wachsende Macht auf der Hauptversammlung

Mit ihrem Anteil könnte Unicredit nach Umsetzung des Angebots auf der Hauptversammlung der Commerzbank voraussichtlich eine Mehrheit organisieren, da erfahrungsgemäß nicht alle Aktionäre anwesend sind. Weil die von der Commerzbank selbst gehaltenen Aktien kein Stimmrecht haben, könnte Unicredit sogar bis zu 49,65 Prozent der Stimmrechte ausüben.

Brisant ist das auch mit Blick auf das Aktionärstreffen im Frühjahr 2027: Dann werden acht der zehn Aufsichtsratsmitglieder neu gewählt. Zuletzt hatte Unicredit sogar mit einer Absetzung des Commerzbank-Managements gedroht.

Experten erwarten Bewegung im Machtkampf

Analysten der BNP Paribas rechnen damit, dass in den kommenden Monaten Bewegung in den Übernahmekampf kommt. Sie gehen davon aus, dass Unicredit mit der Bundesregierung über einen Kompromiss verhandeln wird, um sich politische Unterstützung zu sichern.

Der Bund kann eine Übernahme zwar nicht verhindern, hat aber Einfluss: Als Aktionär kann der Staat zwei Kandidaten für den Commerzbank-Aufsichtsrat vorschlagen.

Die Commerzbank kritisiert seit Längerem, dass sowohl eine angemessene Übernahmeprämie als auch ein überzeugendes Konzept für ein gemeinsames Geschäftsmodell fehlten. Deshalb hatte sie ihren Aktionären empfohlen, das Angebot nicht anzunehmen.

Zuletzt ist der Streit weiter eskaliert. Die Commerzbank warf Unicredit vor, ihre Aktienposition künstlich aufzublähen. Die Italiener wiesen das zurück. Die Commerzbank schaltete zur Klärung die Finanzaufsicht ein, der Gesamtbetriebsrat stellte darüber hinaus Strafanzeige wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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