Wirtschaft

Dräger warnt: «Plötzliche Kurswechsel sind fatal»

Dräger rechnet mit der Regierung ab – und überrascht doch mit Lob. Warum ausgerechnet die Rentenreform zur Nagelprobe wird.

22.06.2026, 04:30 Uhr

Dräger fordert verlässliche Reformpolitik und weniger Kurswechsel

Der Lübecker Unternehmer Stefan Dräger verlangt von der Politik eindeutigere und vor allem beständige Signale bei anstehenden Reformen in Deutschland. Unternehmen könnten sich grundsätzlich auf Veränderungen einstellen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Problematisch seien jedoch abrupte Wendungen. Von der früheren Kanzlerin Angela Merkel wisse er, dass ihr politische Kontinuität besonders wichtig gewesen sei und sie sich auch dann an frühere Zusagen gebunden fühlte, wenn sie inhaltlich anderer Meinung war.

Dräger sieht es deshalb kritisch, wenn eine Bundesregierung Vorhaben ihrer Vorgänger wieder kassieren will. Schon der Eindruck eines solchen Rückwärtsgangs sei psychologisch ungünstig. Ständiges Hin und Her schade, sagte er mit Blick auf die Debatte um das Verbrenner-Aus. Dadurch habe Deutschland in Brüssel an Glaubwürdigkeit eingebüßt, zugleich leide aus seiner Sicht die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Autoindustrie.

Regierung aus Drägers Sicht besser als ihr Ruf

Trotz seiner Kritik verteidigt Dräger die Arbeit der Bundesregierung insgesamt. Er würde ihr kein derart schlechtes Zeugnis ausstellen, wie es häufig geschehe. Das liege aus seiner Sicht eher an einem misslungenen Erwartungsmanagement der Regierung von Kanzler Friedrich Merz. Tatsächlich gebe es bereits Fortschritte, etwa in der Migrationspolitik und auch in anderen Bereichen.

Auch über die Behörden äußert sich der Unternehmer differenziert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort seien meist engagiert, wohlwollend und bemüht, Dinge zu verbessern.

Als gelungenes Beispiel nennt Dräger die Möglichkeit für Rentnerinnen und Rentner, zusätzlich bis zu 2.000 Euro zu verdienen. Diese Regelung sei für sein Unternehmen hilfreich, weil der Bedarf steige. Inzwischen arbeiteten dort mehr Ruheständler nebenher weiter.

Die Diskussion über längere Arbeitszeiten und das Renteneintrittsalter hält Dräger für sinnvoll. Sein Modell: Menschen könnten in ihren Fünfzigern bewusst kürzertreten oder eine Pause einlegen und dafür nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters bis 70 weiterarbeiten. Davon würden nach seiner Auffassung alle profitieren: Rentner hätten netto mehr, weil keine Sozialabgaben mehr anfielen, und auch Arbeitgeber würden entlastet.

Kritik an deutscher Bürokratie und Verhalten in Brüssel

Der 63-Jährige führt das Familienunternehmen Dräger in sechster Generation. Am Stammsitz in Lübeck arbeiten mehr als 5.000 der weltweit rund 17.000 Beschäftigten.

Mit Blick auf EU-Regeln schilderte Dräger einen bemerkenswerten Eindruck aus Brüssel. In Berlin werde häufig über Brüssel geklagt, sagte er. Bei eigenen Gesprächen in der EU-Hauptstadt habe er jedoch erlebt, dass dort eher über Berlin geschimpft werde. Nach Aussage seiner Gesprächspartner wolle man in Brüssel Bürokratie abbauen und habe erkannt, an einigen Stellen zu weit gegangen zu sein. Gleichzeitig würden aus Berliner Ministerien Vertreter nach Brüssel geschickt, die entsprechende Entlastungen behinderten. Dräger bezeichnete das als Schikane auf Kosten der deutschen Steuerzahler.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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