Dräger-Chef sieht deutsche Chemieindustrie in ernster Schieflage
Stefan Dräger, Vorstandschef des Lübecker Sicherheitstechnik-Unternehmens Drägerwerk, blickt mit großer Sorge auf die Lage der deutschen Chemiebranche. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte er, die Industrie gehe still und nahezu unbeachtet zurück. Aus seiner Sicht liegt der öffentliche Fokus zu stark auf den Problemen der Autoindustrie.
Drägerwerk ist eng mit der Chemiebranche verbunden: Das Unternehmen liefert unter anderem Messtechnik, Warnsysteme und Atemschutzgeräte. Zudem übernimmt der Konzern Dienstleistungen und stellt Fachkräfte, die etwa Produktionsabläufe in Chemiebetrieben kontrollieren.
Nach Angaben von Stefan Dräger bleiben derzeit zahlreiche Anlagen außer Betrieb und werden nicht wieder hochgefahren. Wer über viele Werksgelände gehe, bekomme ein bedrückendes Bild. Auch bei Drägerwerk macht sich die Schwäche des Sektors bemerkbar, da das Unternehmen in diesem Bereich rückläufige Umsätze verzeichnet. Diese Einbußen würden jedoch durch Zuwächse in anderen Geschäftsfeldern mehr als ausgeglichen.
Als wichtigste Ursachen für die schwierige Situation nennt Dräger vor allem die hohen Energiekosten sowie die aus seiner Sicht übermäßige Bürokratie.
Der 63-Jährige führt das 1889 in Lübeck gegründete Familienunternehmen inzwischen in fünfter Generation. Der börsennotierte Konzern beschäftigte im vergangenen Jahr mehr als 16.000 Menschen und setzte fast 3,5 Milliarden Euro um. Die Mehrheit der Stammaktien befindet sich weiterhin im Besitz der Familie Dräger.
Branche kämpft seit Jahren mit Problemen
Die Chemieindustrie zählt zu den bedeutendsten Industriezweigen in Deutschland, steckt jedoch schon seit längerer Zeit in einer Krise. Der Branchenverband VCI hatte zuletzt mitgeteilt, dass Produktion, Umsatz und Investitionen im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken seien.
Auch bei BASF, dem weltweit größten Chemiekonzern, zeigt sich die Entwicklung deutlich: Am Stammsitz in Ludwigshafen lag die Zahl der Vollzeitbeschäftigten im Mai erstmals seit 1954 unter 30.000.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber