Wirtschaft

DIW warnt: Wie Technologieoffenheit der Industrie schadet

China setzt Europas Industrie bei E-Autos, Batterien und KI massiv unter Druck. Kann Deutschland zurückschlagen? Ein Ökonom warnt.

11.07.2026, 04:45 Uhr

Ökonom sieht Chancen für Deutschland mit Spezialtechnologien

Deutschland und Europa können der wachsenden Dominanz Chinas in der Industrie nach Einschätzung des Berliner Ökonomen Martin Gornig vor allem mit hochspezialisierten Technologien begegnen. Der Forschungsdirektor für Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte, Europa habe in der Vergangenheit bereits mehrfach Wege gefunden, auf technologische Rückstände gegenüber anderen Ländern zu reagieren.

Erfolg verspricht die Konzentration auf Nischen

Gornig betonte, dass die Lösung nicht in der klassischen Massenproduktion liege. Wer glaube, Deutschland könne große Stückzahlen grundsätzlich besser herstellen, liege falsch. Stattdessen gebe es zahlreiche Felder, etwa bei Robotik-Anwendungen im Bauwesen, in denen spezialisierte Technik gefragt sei. In solchen Bereichen könne Deutschland wieder eine Spitzenrolle einnehmen.

Voraussetzung dafür sei allerdings eine entschlossene Industriepolitik. Der Staat müsse bereit sein, gezielt einzelne Zukunftstechnologien auszuwählen und zu fördern, auch wenn das mit Risiken verbunden sei. Mit dem häufig beschworenen Prinzip der Technologieoffenheit sei dagegen wenig gewonnen.

Kritik an der Technologieoffenheit

Nach Ansicht des DIW-Ökonomen schadet eine falsch verstandene Technologieoffenheit der deutschen Industrie eher, wenn sie dazu führt, dass in keine Richtung ausreichend investiert wird. Der Begriff werde oft genutzt, um Innovationen auszubremsen und bestehende Strukturen zu schützen.

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DIW-Ökonom Martin Gornig hat noch Hoffnung für die deutsche Industrie. (Archivbild) Quelle: Fabian Sommer/dpa

Gerade in der Automobilbranche habe Deutschland dadurch den Wandel in China unterschätzt. Dort setze der Markt viel konsequenter auf Elektromobilität. Früher seien deutsche Autos in China gefragt gewesen, weil sie als qualitativ überlegen galten. Heute stellten sich viele Käufer die Frage, warum sie für Fahrzeuge aus Deutschland mehr bezahlen sollten, wenn diese aus ihrer Sicht technologisch nicht mehr führend seien.

Wettbewerbsdruck statt Abschottung

Auch Strafzölle auf chinesische Elektroautos hält Gornig nicht für eine tragfähige Rettung der europäischen und deutschen Autoindustrie. Solche Maßnahmen würden aus seiner Sicht eher dazu führen, dass Hersteller notwendige Anpassungen verschleppen und weiterhin schwache Elektroautos anbieten könnten.

Für echten technologischen Fortschritt brauche es Wettbewerbsdruck, sagte Gornig. Deshalb sei eine handelspolitische Strategie nötig, die auf Wettbewerb setze – auch im Verhältnis zu China.

Schutz vor Dumping nur gezielt und befristet

Europa müsse dennoch Instrumente entwickeln, um gegen Dumping und aggressive Markteroberungsstrategien aus China vorzugehen. Denkbar seien zeitlich begrenzte Sonderzölle. Solche Maßnahmen seien innerhalb der OECD, dem Zusammenschluss führender Industrieländer, als legitime Praxis anerkannt.

DIW-Ökonom Martin Gornig sieht trotz der aktuellen Probleme weiterhin Perspektiven für die deutsche Industrie.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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