Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist in der Nacht erneut angegriffen worden. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko und Militärgouverneur Tymur Tkatschenko auf Telegram setzte Russland dabei ballistische Raketen ein. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Schutzräume aufzusuchen.
Ein dpa-Reporter vor Ort berichtete von mehreren Angriffswellen. Nach Behördenangaben wurden bei den Attacken in Kiew mindestens zehn Menschen verletzt. Unter den Betroffenen ist laut Katastrophenschutz auch ein Kind.
In mehreren Stadtbezirken brachen durch die nächtlichen Angriffe Brände aus. Tkatschenko zufolge wurden erste Schäden in einem östlichen Bezirk festgestellt. Im Westen Kiews geriet demnach ein Bürogebäude in Brand. Außerdem wurde ein unbewohntes Gebäude beschädigt.
Auch die nordostukrainische Stadt Sumy war erneut Ziel russischer Angriffe. Nach Angaben der örtlichen Behörden wurden dort beim Abwurf von Gleitbomben mindestens fünf Menschen getötet. Eine Bushaltestelle wurde getroffen, teilte der Chef der Militärverwaltung von Sumy, Oleh Hryhorow, mit. Die Zahl der Verletzten stieg demnach auf 30, darunter fünf Schwerverletzte. Bürgermeister Artem Kobsar erklärte, unter den Toten sei auch ein 13-jähriges Mädchen. Auf einem von Kobsar veröffentlichten Video waren ein Bombenkrater im Asphalt und ein schwer beschädigter Kleinbus in einem Wohngebiet zu sehen. Die örtlichen Behörden warnten vor weiteren Angriffen.
Russland setzt in seinem inzwischen mehr als vier Jahre dauernden Krieg gegen die Ukraine immer wieder Gleitbomben ein. Diese Waffen werden von Flugzeugen noch in größerer Entfernung zur Front abgeworfen und gleiten dann über mehrere Kilometer ins Zielgebiet. Zwar sind sie lenkbar, gelten aber als vergleichsweise ungenau und treffen immer wieder zivile Objekte.
Russland beansprucht die ukrainischen Regionen Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja für sich. Russische Truppen halten zudem Gebiete in den an Russland grenzenden Regionen Sumy und Charkiw besetzt. Kremlchef Wladimir Putin hatte im vergangenen Jahr erklärt, dort eine Pufferzone schaffen zu wollen, um die russische Zivilbevölkerung vor ukrainischen Angriffen zu schützen. Der militärische Geländegewinn ist dort bislang gering, das Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung hat nach Darstellung Kiews jedoch weiter zugenommen.
Parallel dazu meldete die Ukraine in derselben Nacht neue eigene Angriffe auf russische Schiffe im Asowschen Meer. Der Generalstab in Kiew erklärte bei Telegram, Drohnen hätten 21 russische Öltanker attackiert. Zudem seien vier Schlepper, zwei Trockenfrachter und ein Schwimmbagger getroffen worden. Wie schwer die Schäden sind, werde noch geprüft.
Sollten sich diese Angaben bestätigen, wäre es gemessen an der Zahl der betroffenen Schiffe die bislang größte Attacke einer bereits seit Tagen laufenden ukrainischen Angriffswelle in diesem Seegebiet.
Russland stellte den Vorfall deutlich kleiner dar. Der Gouverneur der Region Rostow, Juri Sljussar, schrieb auf Telegram, in der Nacht seien vier Schiffe auf See angegriffen worden. Dabei sei ein Mensch getötet worden – ein Matrose auf einem technischen Schiff. Die Schäden an Bord seien seinen Angaben zufolge gering, auch bei einem Tanker mit hochentzündlichem Methanol. Eine Gefahr durch auslaufende Ladung bestehe nicht.
Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben beider Kriegsparteien derzeit nicht.
In den vergangenen Tagen hatte die Ukraine nach eigenen Angaben wiederholt Schiffe im Asowschen Meer sowie Umschlaganlagen an Land, darunter den Hafen von Taganrog, angegriffen. Kiew verfolgt damit nach eigener Darstellung das Ziel, die Treibstoffversorgung russischer Truppen im Süden und Osten der Ukraine sowie den russischen Ölexport zu stören.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren gegen den russischen Angriffskrieg.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber