VW hält am Umbau fest – trotz Widerstand im Aufsichtsrat
Der Streit über den künftigen Kurs von Volkswagen spitzt sich weiter zu. Medienberichten zufolge scheiterte das Sparprogramm des Vorstands am Donnerstag im Aufsichtsrat. Konzernchef Oliver Blume will den angekündigten Umbau dennoch vorantreiben und spricht von der weitreichendsten Neuausrichtung in der Geschichte des Unternehmens. Neue Verkaufszahlen machen zugleich deutlich, wie groß der Handlungsdruck ist: Für den Konzern und vor allem für die deutschen Marken läuft es derzeit schlecht.
Wie die Süddeutsche Zeitung unter Verweis auf Unternehmenskreise berichtet, lehnten die Vertreter der Beschäftigten und des Landes Niedersachsen das Maßnahmenpaket ab. Weil auf der Kapitalseite aktuell ein Sitz vakant ist, verfügen Arbeitnehmerseite und Niedersachsen gemeinsam über eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen im Kontrollgremium. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte schon vorab erklärt, das Land werde keiner Strategie zustimmen, die Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung vorsehe.
Vorstand will den Konzern dennoch umbauen
Zu einzelnen Abstimmungen im Aufsichtsrat äußerte sich Volkswagen am Freitag nicht. Blume machte jedoch deutlich, dass der Vorstand an der Transformation festhält. Mit dem Zukunftsplan solle der Konzern in einem weltweit äußerst schwierigen Umfeld widerstandsfähiger und konkurrenzfähiger werden.
Blume bezeichnete das Vorhaben als die tiefgreifendste Neuaufstellung in der Unternehmensgeschichte. Der Vorstand übernehme damit Verantwortung für die langfristige Zukunft des Konzerns, gerade in einer Phase, in der die Autoindustrie international stark unter Druck steht. Bereits unmittelbar nach der Aufsichtsratssitzung hatte er angekündigt, Überkapazitäten abbauen zu wollen. So soll unter anderem die Zahl der Modelle etwa halbiert und die Variantenvielfalt sogar um drei Viertel reduziert werden.

Finanzvorstand Arno Antlitz betonte zugleich, VW wolle weiterhin stark in Elektromobilität und Software investieren. Parallel dazu müssten die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor technisch wettbewerbsfähig bleiben und die Position auf den wichtigen Weltmärkten gesichert werden. Dafür seien deutliche Kostensenkungen, mehr Synergien im Konzern, weniger Komplexität und eine nachhaltige Stärkung der Ertragskraft notwendig. Der Zukunftsplan sei dafür ein zentrales Instrument.
Unklare Pläne sorgen für Ärger beim Betriebsrat
Was genau in dem abgelehnten Sparpaket steht, ist bislang offiziell nicht bekannt. Aus Medienberichten geht jedoch hervor, dass massive Einschnitte im Raum stehen. Laut Manager Magazin könnten weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen – doppelt so viele wie bislang erwartet. Die Bild berichtet sogar von bis zu 120.000 Stellen. Zudem sollen vier Standorte in Deutschland von einer Schließung bedroht sein: Hannover, Emden, Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm.
Gerade die fehlende offizielle Klarheit sorgt bei den Arbeitnehmervertretern für großen Unmut. Der Betriebsrat hat der Konzernführung ein Ultimatum gesetzt und verlangt, noch im Laufe des Freitags gegenüber der Belegschaft klar Stellung zu beziehen und die kursierenden Berüchte über die angeblichen Vorstandspläne eindeutig zu kommentieren. Bereits am Donnerstag hatte es zahlreiche Protestaktionen gegeben.
Das Unternehmen ließ sich davon vor dem Wochenende jedoch nicht zu einer unmittelbaren Reaktion drängen. Stattdessen verwies das Management darauf, die Arbeitnehmerseite umfassend einzubinden. Ein Sprecher erklärte, man stehe in regelmäßigem Austausch mit Beschäftigten und Interessenvertretern. Der Vorstand informiere fortlaufend, etwa über das interne Mitarbeiterportal und eine App für die Belegschaft. Das Interesse daran sei groß.
Die Arbeitnehmerseite reagierte auf die Spekulationen dennoch weiterhin verärgert. In einem gemeinsamen Schreiben bezeichneten der Konzernbetriebsrat und die Führungskräftevertretung Volkswagen Management Association (VMA) die Kommunikation des Unternehmens als "beschämend".
Absatzzahlen zeigen die Krise deutlich
Wie angespannt die Lage ist, zeigt auch der Blick auf die jüngsten Verkaufszahlen. Im zweiten Quartal setzte Volkswagen weltweit 2,08 Millionen Fahrzeuge ab. Das entspricht einem Rückgang von fast 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit hat sich der Abwärtstrend sogar verstärkt: Im ersten Quartal hatte das Minus noch bei 4 Prozent gelegen.
Besonders schwach entwickelte sich das Geschäft in China. Dort brachen die Verkäufe um mehr als ein Drittel ein und fielen auf nur noch 424.300 Fahrzeuge.
Vor allem die deutschen Marken im Konzern stehen derzeit unter Druck. Die Kernmarke Volkswagen verzeichnete bei den Auslieferungen einen Rückgang von 14 Prozent auf 1,02 Millionen Fahrzeuge. Bei Porsche fiel das Minus mit 18 Prozent noch stärker aus; ausgeliefert wurden nur noch 61.300 Sportwagen und SUV. Audi kam auf einen Rückgang von gut 8 Prozent auf 367.000 Fahrzeuge. Zum Vergleich: Vor drei Jahren hatte Audi im zweiten Quartal noch knapp eine halbe Million Autos ausgeliefert.
Besser lief es dagegen für Skoda. Die tschechische Tochter steigerte ihren Absatz um fast 5 Prozent auf knapp 284.000 Fahrzeuge.
Auch andere deutsche Hersteller spüren den Druck aus China
Die Schwäche des chinesischen Marktes belastet nicht nur Volkswagen. Auch BMW und Mercedes mussten dort Rückgänge hinnehmen, kamen mit Minuswerten von 5 beziehungsweise 6 Prozent jedoch etwas glimpflicher davon.
Gleichzeitig wächst in der deutschen Autoindustrie die Sorge, dass chinesische Hersteller bald auch in Europa noch stärker für Konkurrenz sorgen könnten. Wegen der aktuell schwachen Nachfrage in ihrem Heimatmarkt versuchen viele Anbieter aus China, ihre Fahrzeuge verstärkt im Ausland zu verkaufen. Zuletzt waren sie etwa in Italien, Spanien und Großbritannien mit Plug-in-Hybriden zunehmend präsenter geworden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber