Wirtschaft

Busse und Bahnen fehlen Zehntausende Fahrer – was jetzt droht

Riesige Rentenwelle im Nahverkehr: Wer fährt bald noch Bus und Bahn – und sollen autonome Busse die Lücke schließen?

06.07.2026, 04:30 Uhr

ÖPNV-Branche verschafft sich beim Fahrpersonal nur eine kurze Verschnaufpause

Die Verkehrsunternehmen in Deutschland können den akuten Mangel an Fahrerinnen und Fahrern derzeit etwas besser abfedern. Nach Einschätzung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ist das jedoch kein dauerhafter Trend. VDV-Präsident Ingo Wortmann sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass viele Betriebe aktuell verstärkt Quereinsteiger einstellen können, weil in anderen Branchen konjunkturbedingt Stellen wegfallen.

Damit lasse sich der Personalbedarf momentan in vielen Fällen decken. Wortmann betont jedoch, dass dies lediglich eine vorübergehende Entlastung sei. Der demografische Wandel werde die Branche weiter stark belasten.

Viele Beschäftigte stehen kurz vor dem Ruhestand

Eine Untersuchung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) am Institut der deutschen Wirtschaft zeigt, dass 40 Prozent der Bus- und Straßenbahnfahrerinnen und -fahrer mindestens 55 Jahre alt sind. Bis 2041 werden demnach mehr als 60.000 Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden.

Hintergrund ist, dass die geburtenstarken Jahrgänge, die nun schrittweise in Rente gehen, deutlich größer sind als die Generationen, die nachrücken. Laut Studie ist der Jahrgang 1964 etwa doppelt so stark besetzt wie der Jahrgang 2024.

Schon heute kommt es im öffentlichen Nahverkehr wegen fehlenden Personals zu Ausfällen und geänderten Fahrplänen, erklärte Kofa-Experte Jurek Tiedemann. Wenn in den kommenden Jahren viele Fahrerinnen und Fahrer in den Ruhestand gingen und nicht genug Nachwuchs vorhanden sei, könnten solche Einschränkungen zunehmen. Das würde auch die angestrebte Verkehrswende erschweren.

VDV-Präsident Ingo Wortmann
VDV-Präsident Ingo Wortmann sieht beim Personalmangel aktuell eine Atempause. (Archivbild) Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

BVG fährt weiterhin mit reduziertem Angebot

Ein bekanntes Beispiel für die Folgen des Personalmangels sind die Berliner Verkehrsbetriebe. Die BVG hatte vor einigen Jahren mehrere Buslinien ausgedünnt, weil Fahrerinnen und Fahrer fehlten. Inzwischen kann das Unternehmen seinen Personalbedarf zwar wieder decken, das Angebot wurde bislang aber nicht wieder ausgeweitet.

Wortmann zufolge handelt es sich nicht um ein isoliertes Problem, sondern um eine Herausforderung der gesamten Branche in ganz Deutschland. Solche Situationen seien zwar nicht der Regelfall, träten aber immer wieder auf.

Nach Angaben des VDV gehen allein bis 2030 jedes Jahr rund 6.000 Fahrerinnen und Fahrer in den Ruhestand. Um diese Lücke zu schließen und zugleich die politischen Ausbauziele im Nahverkehr zu erreichen, werde bis dahin etwa ein Fünftel mehr Personal im Fahrdienst benötigt. Gesucht würden bundesweit Zehntausende Kräfte für Busse, Straßenbahnen, Stadtbahnen und den regionalen Bahnverkehr.

Jüngere Beschäftigte erwarten andere Arbeitsbedingungen

Nach Ansicht des VDV müssen sich die Unternehmen kulturell und organisatorisch stärker an neue Erwartungen anpassen, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Während ältere Generationen häufig von starkem Teamgeist und gegenseitigem Einspringen geprägt gewesen seien, lege die jüngere Generation größeren Wert auf flexible Arbeitszeiten und andere Formen der Arbeitsorganisation.

Große Hoffnungen setzt die Branche außerdem auf autonom fahrende Busse. Wortmann sieht hier erhebliches Potenzial, kritisiert jedoch, dass der öffentliche Nahverkehr in der politischen Debatte dazu bislang zu wenig Beachtung finde.

Zwar habe die Branche den Einsatz autonomer Fahrzeuge bereits in Projekten getestet. Für einen wirtschaftlich tragfähigen Regelbetrieb brauche es jedoch größere Busflotten, damit sich die Technik im Maßstab lohne. Dafür müssten Bund, Länder, Kommunen und Unternehmen gemeinsam geeignete Finanzierungswege schaffen.

Auch andere Branchen stehen vor Personalengpässen

Nicht nur der Nahverkehr dürfte in den kommenden Jahren unter Fachkräftemangel leiden. Laut Tiedemann werden in den nächsten zehn bis 15 Jahren auch rund 200.000 Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer in Rente gehen.

Zusätzliche Engpässe drohen demnach in wichtigen Berufen der Bauwirtschaft. So sind nach Kofa-Angaben bereits gut 41 Prozent der Fachkräfte, die Aufsicht im Hochbau führen, 55 Jahre oder älter. Schon heute könnten rechnerisch mehr als 1.200 offene Stellen in diesem Bereich nicht besetzt werden. Verschärft sich die Lage weiter, könnte das Lieferketten und Bauvorhaben zusätzlich unter Druck setzen.

Experten raten zu früher Vorsorge

Um dem Problem entgegenzuwirken, empfehlen Fachleute, ältere Beschäftigte möglichst länger im Erwerbsleben zu halten. Als sinnvoll gelten altersgerechte Arbeitsbedingungen, flexible Arbeitszeiten, betriebliches Gesundheitsmanagement sowie ein systematischer Wissenstransfer in gemischten Teams.

Tiedemann warnt davor, erst kurz vor dem Ruhestand zu reagieren. Unternehmen sollten frühzeitig über Arbeitszeitmodelle, Weiterbeschäftigung und die Übergabe von Wissen sprechen. So lasse sich mehr Zeit für eine geordnete Nachfolge gewinnen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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