Viele Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind nach Einschätzung von Pflegevertretern und Medizinern auf extreme Hitze noch immer nicht ausreichend vorbereitet. Gerade für ältere und pflegebedürftige Menschen können hohe Temperaturen rasch zur ernsten Gefahr werden. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts starben während der Hitzewelle im Juni rund 5.100 Menschen an den Folgen der Wärme – überwiegend Ältere. Damit lag die Zahl deutlich über den jeweiligen Jahreswerten der vergangenen drei Jahre.
Wer besonders gefährdet ist
Nach Angaben des BIVA-Pflegeschutzbundes gehören Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen statistisch zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Der Grund: Dort leben vor allem ältere Personen, die sich bei großer Hitze oft nicht selbst ausreichend schützen können.
Gefährdet sind aber auch Seniorinnen und Senioren, die zu Hause leben – besonders dann, wenn sie allein sind, in schlecht isolierten Wohnungen wohnen, wenig Unterstützung haben oder in dicht bebauten Stadtgebieten leben, in denen sich Wohnungen nachts kaum noch abkühlen.
Christian Schulz vom Gesundheitsnetzwerk KLUG betonte, dass Einsamkeit in solchen Situationen zu einem direkten Gesundheitsrisiko werde. Vor allem sozial benachteiligte Viertel litten wegen vieler versiegelter Flächen besonders unter Hitze.
Zustand in Kliniken und Pflegeheimen
Wie gut Menschen in medizinischen Einrichtungen vor Hitze geschützt sind, hängt laut Experten oft vom Zufall ab – etwa davon, auf welcher Seite des Gebäudes sich das Zimmer befindet. Der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagte, nicht gekühlte Patientenzimmer seien in Deutschland weiterhin eher die Regel als die Ausnahme.

Bei einer Befragung aus dem Jahr 2022 gaben rund 38 Prozent der Krankenhäuser an, über Klimaanlagen in Patientenzimmern zu verfügen. Das bedeute jedoch nicht, dass sämtliche Zimmer dieser Häuser tatsächlich klimatisiert seien. Der tatsächliche Anteil liege wohl deutlich niedriger. Ein wesentlicher Grund für fehlende Nachrüstungen seien mangelnde Investitionsmittel.
Auch in Pflegeheimen ist Kühlung bislang keineswegs Standard. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr nur 14,5 Prozent der Neubauten im Sozialwesen mit entsprechenden Anlagen ausgestattet. Zu diesem Bereich zählen unter anderem Pflegeheime und Kindertagesstätten.
Was sich ändern muss
Der BIVA-Pflegeschutzbund fordert ein Umdenken bei Planung und Bau. Hitzewellen dürften bei Neubauten nicht länger wie seltene Ausnahmesituationen behandelt werden. Auch bestehende Gebäude würden bislang nicht schnell genug und nicht flächendeckend genug nachgerüstet.
Aus Sicht des Verbands sollten Mindeststandards für Hitzeschutz verbindlich in die Bauvorgaben der Landesheimgesetze aufgenommen werden. Anders als in Arbeitsräumen gibt es für Bewohnerzimmer bisher keine festen Vorgaben zu Temperatur oder Luftfeuchtigkeit. Damit haben Bewohnerinnen und Bewohner nicht automatisch Anspruch auf Kühlung oder bestimmte Raumtemperaturen – obwohl Einrichtungen verpflichtet sind, gesundheitliche Gefahren abzuwenden.
Auch Schulz sieht großen Nachholbedarf. In vielen Krankenhäusern spiele Klimaanpassung bislang kaum eine Rolle. Er geht jedoch davon aus, dass die aktuelle Hitzewelle den Druck erhöhen wird, Schutzmaßnahmen künftig stärker zu priorisieren.
Maßnahmen ohne große Technik
Bei den Pflegeeinrichtungen zeigt sich laut BIVA ein sehr unterschiedliches Bild. Manche Häuser nehmen den Hitzeschutz ernst, arbeiten mit Trink- und Beobachtungsplänen, prüfen Räume regelmäßig und richten kühle Aufenthaltsbereiche ein.
Andere Einrichtungen hätten dagegen weiterhin überhitzte Zimmer, zu wenig Verschattung, unzureichende Lüftungsmöglichkeiten und unklare Abläufe. Hinzu kommt der chronische Personalmangel. Schutzkonzepte helfen nur, wenn genügend Personal da ist, um Bewohner etwa häufiger mit Getränken zu versorgen.
Der Verband warnt deshalb: Ein Hitzeschutzplan bringt wenig, wenn er nur auf dem Papier existiert. Der Schutz vor Hitze dürfe nicht davon abhängen, ob einzelne Einrichtungen, Kommunen oder Angehörige zufällig genug Geld, Personal oder Problembewusstsein mitbringen. Es gehe um eine rechtliche und ethische Pflicht zum Schutz von Leben und Gesundheit.
Hilfe für alleinlebende ältere Menschen
Für ältere Menschen, die allein wohnen, hält der BIVA-Pflegeschutzbund leicht zugängliche Rückzugsorte für wichtig – zum Beispiel kühle Kirchen, Gemeinderäume, Stadtteilzentren, Bibliotheken oder öffentliche Abkühlungsorte. Solche Angebote müssten wohnortnah, barrierefrei und gut bekannt gemacht sein.
Ebenso wichtig sei eine aktive Ansprache durch Nachbarschaftshilfen, Wohnungsunternehmen oder Ehrenamtliche. Hitzeschutz sei nicht allein Sache von Pflegeeinrichtungen, sondern auch eine Aufgabe der Kommunen.
Auch Schulz fordert deutlich mehr kostenlose, barrierefreie und leicht erreichbare Angebote. Erfahrungen aus Frankreich zeigten, dass gezielte soziale Maßnahmen Leben retten können. Vieles lasse sich auch ohne große finanzielle Mittel umsetzen – etwa indem gezielt nach alleinlebenden Menschen geschaut wird.
Klare Warnung vor der Zukunft
Der BIVA-Pflegeschutzbund betont, Hitzetote seien kein unausweichliches Naturereignis. Mit dem Klimawandel würden Hitzewellen häufiger und intensiver auftreten. Darauf müssten sich Gesundheitswesen und Pflege dauerhaft einstellen.
Auch Schulz mahnt, dass ein einfaches "Weiter so" keine Option mehr sei.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber