Prince: Neues Archivalbum "Timeless" spannt den Bogen über fast vier Jahrzehnte
Mehr als zehn Jahre nach dem Tod von Prince ist sein Nachlass musikalisch weiterhin ergiebig. Seit dem Tod des Ausnahmekünstlers am 21. April 2016 auf seinem Anwesen Paisley Park in Minnesota hat sein Nachlassverwalter immer wieder bislang unveröffentlichte Aufnahmen zugänglich gemacht. Mit "Timeless" erscheint nun das vierte posthum veröffentlichte Album mit Material aus dem Archiv.
Die Platte versammelt zehn Songs, die in zeitlicher Reihenfolge angeordnet sind und zwischen 1977 und 2016 entstanden. Damit reicht die Auswahl von den allerersten Studiojahren bis zu den letzten Aufnahmen kurz vor Princes Tod. Für die klangliche Überarbeitung war Chris James verantwortlich, der in den letzten Jahren von Princes Karriere eng mit ihm im Studio und auf Tour gearbeitet hatte.
Zweifel an Archivmaterial? Der Auftakt räumt sie schnell aus
Wenn lange nach dem Tod eines Künstlers noch unveröffentlichte Stücke erscheinen, stellt sich fast automatisch die Frage, warum sie zu Lebzeiten nie herauskamen. Lag es an der Qualität? Bei "Timeless" zerstreut sich dieser Verdacht jedoch schnell.
Schon der Opener "I Am You", der älteste Titel der Sammlung, macht deutlich, dass Prince bereits sehr früh jenen unverkennbaren Groove entwickelte, der später zu seinem Markenzeichen wurde. Vermutlich nahm er den Song 1977 in seinem Heimstudio an der France Avenue in Minneapolis auf, also noch vor seinem Debütalbum "For You". Nach Angaben der Fanseite PrinceVault spielte er das Stück bei seinen ersten beiden Konzerten live, danach aber nie wieder.

Bekannte Titel, ungewohnte Fassungen
Mit "Tick Tick Bang" enthält das Album eine frühe Version eines Songs, den viele in der späteren Form von "Graffiti Bridge" aus dem Jahr 1990 kennen. Die nun veröffentlichte Ursprungsfassung von 1981 klingt rauer, schneller und deutlich rockiger.
Auch Princes Gespür für Balladen bekommt auf "Timeless" seinen Platz. Spätestens mit "Purple Rain" oder "Nothing Compares 2 U" hatte er sich in diesem Fach ohnehin einen Namen gemacht. Das eindringliche "With This Tear" entstand 1991 und war laut PrinceVault ursprünglich für Jevetta Steele gedacht. Letztlich veröffentlichte Celine Dion den Song 1992. Ihre Version blieb eng an Princes Original, das bereits im April zum zehnten Todestag des Musikers als Single erschien.
Stücke, die nie ihren Platz auf einem Album fanden
Andere Titel verschwanden nach den Aufnahmen komplett im Tresor. Dazu gehört etwa das stark in den 80ern verankerte, atmosphärische "Heaven". Der Song stammt aus Sessions von 1985 in den Sunset Studios und war für "The Dawn" vorgesehen — ein ehrgeiziges Projekt, das zwischen Film und Musical pendelte, letztlich aber nie realisiert wurde.
"I Wonder" wurde zunächst 1989 aufgenommen und später noch einmal überarbeitet. "Stone" war einst für "Emancipation" vorgesehen, schaffte es jedoch nicht auf die finale Trackliste. "Calabama", entstanden 2003 während der Arbeit an "Musicology", richtet sich kritisch gegen die Musikbranche.
Bei "The Guilty Ones" heißt es, Prince habe sich von Erfahrungen während seiner Londoner Konzertreihe im Jahr 2007 inspirieren lassen. Berichten zufolge reagierte er darin auf stark alkoholisierte Besucher bei einigen Auftritten. "Bestest Friend" entstand 2012 und war keinem konkreten Albumprojekt zugeordnet.
Den Schlusspunkt setzt eine Live-Version von "How Come You Don’t Call Me Anymore?". Die Studioaufnahme der Ballade war 1982 als B-Seite der Hitsingle "1999" erschienen. Die nun enthaltene Live-Fassung wurde 2016 auf der "Piano & A Microphone Tour" mitgeschnitten — kurz vor Princes Tod.
Wenig Neues für Kenner, aber starkes Material
Für langjährige Fans dürfte die Songauswahl nur bedingt überraschend sein. Viele der Stücke kursierten bereits seit Jahren als Bootlegs oder im Netz. In offiziell veröffentlichter und klanglich aufbereiteter Form gewinnen sie jedoch deutlich an Gewicht.
Vor allem liefert "Timeless" eine klare Antwort auf die Frage, ob diese Songs zu Recht im Archiv lagen: Fehlende Qualität kann kaum der Grund gewesen sein. Bei einem Künstler mit einem derart enormen Output wie Prince blieben manche Stücke schlicht ohne Platz auf einem Album, wurden von anderem Material verdrängt oder gehörten zu Projekten, die nie vollendet wurden.
Ein verloren gegangenes Meisterwerk im klassischen Sinn ist "Timeless" deshalb nicht. Dafür stammen die zehn Titel aus zu unterschiedlichen Phasen und Kontexten. Als geschlossenes Album funktioniert die Sammlung nur bedingt — als musikalische Reise durch fast vier Jahrzehnte Prince hingegen umso mehr.
Gerade darin liegt die Stärke dieser Veröffentlichung: Vom unbekümmerten jungen Musiker des Jahres 1977 bis zum Weltstar am Klavier im Jahr 2016 zeigt "Timeless", wie konstant, wandlungsfähig und reich Princes musikalische Ideen über Jahrzehnte hinweg geblieben sind — und wie lebendig diese Aufnahmen noch heute wirken.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber