Die Ukraine hat zum 35. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit weitere westliche Militärhilfe für den Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg erhalten. Die Europäische Union genehmigte neue Rüstungshilfen im Wert von 6,1 Milliarden Euro. Nach Angaben der EU-Kommission sollen die Mittel in Flugabwehrsysteme, Raketen, Munition und Radaranlagen fließen.
Die Entscheidung fiel vor dem Hintergrund verschärfter russischer Angriffe mit ballistischen Raketen und Drohnen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, Europa weite seine Unterstützung aus, damit die Ukraine ihre Bevölkerung schützen und ihren Luftraum verteidigen könne. Die neuen Mittel sind Teil eines größeren Unterstützungsdarlehens von bis zu 90 Milliarden Euro, das in mehreren Tranchen ausgezahlt werden soll.
Hilfe aus Brüssel und London
Zusätzliche Unterstützung kam aus Großbritannien. Der neue britische Premierminister Andy Burnham reiste zu seinem ersten Auslandsbesuch nach Kiew und sagte der Ukraine weitere Militärhilfe zu. Zudem will London dem Land ermöglichen, mit britischer Technologie weitreichende Marschflugkörper herzustellen.
Burnham kündigte bei seinem Besuch an, einen Antrag von Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Bau solcher Flugkörper mit britischer Storm-Shadow-Technologie genehmigt zu haben. Am Nachmittag schaltete sich der Premier von Kiew aus gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu einer Videositzung der sogenannten Koalition der Willigen.
Durch die Weitergabe von als geheim eingestuften Informationen soll es möglich werden, bislang von Großbritannien und Frankreich gelieferte Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 250 Kilometern künftig auch in der Ukraine zu bauen. In Frankreich heißt das System Scalp, in Großbritannien Storm Shadow. Die Waffe ermöglicht der Ukraine präzise Schläge auch gegen Ziele tief im russischen Hinterland.
Aus Moskau kam scharfe Kritik. Kremlsprecher Dmitri Peskow warf London vor, weiter „Öl ins Feuer“ des Kriegs zu gießen. Großbritannien sei Kriegspartei und verhindere mit solchen Schritten selbst kleinste Fortschritte in Richtung eines Friedensprozesses, behauptete er. Russland drohte zudem mit der „Zerstörung der entsprechenden Objekte“.
Selenskyj: „Die Ukraine wird das schaffen“
Selenskyj nutzte den Nationalfeiertag für eine entschlossene Botschaft an den Kreml. In einer Videobotschaft sagte er, Russland müsse durch die Geschlossenheit der internationalen Gemeinschaft in die Knie gezwungen werden. Zugleich kündigte er an, den Widerstand fortzusetzen: „Die Ukraine wird das schaffen. Die Ukraine hat bereits Aufgaben bewältigt, die anfangs unüberwindbar schienen.“
Selenskyj erklärte, Wladimir Putin habe sich mit seinen Kriegszielen verrechnet und die Entschlossenheit der Ukrainer unterschätzt. Putin habe Russland groß machen wollen, sagte er, stattdessen gebe es heute lange Schlangen an Tankstellen. Russische Soldaten würden von der ukrainischen Armee auf dem Schlachtfeld „zu Dünger“ gemacht. Zugleich schwor er das Land auf weitere Kämpfe ein und betonte: „Wir müssen unser Militär stärken.“ Für den Verteidigungshaushalt hatte er am Wochenende von der EU 30 Milliarden Euro gefordert.
Internationale Gäste in Kiew
Zum Unabhängigkeitstag empfing Selenskyj auf dem Sophienplatz in Kiew bei Sonnenschein internationale Gäste, darunter die Staats- und Regierungschefs aus Luxemburg, Lettland, Moldau, Litauen, Finnland und Estland sowie EU-Ratspräsident António Costa. Bei einer Schweigeminute wurde der Opfer des seit viereinhalb Jahren andauernden russischen Angriffskriegs gedacht.
Die Ukraine erinnert am 24. August an ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991. Auch in diesem Jahr stand der Feiertag ganz im Zeichen des russischen Angriffskriegs.
Lage bleibt schwierig
Trotz neuer Hilfen bleibt die Lage für die Ukraine angespannt. Das Land fordert neben Militärhilfe vor allem eine stärkere Flugabwehr gegen russische Angriffe mit ballistischen Raketen sowie mehr Sanktionsdruck auf Moskau. Zugleich belasten Personalprobleme an der Front, innenpolitische Machtkämpfe und immer neue Korruptionsskandale das Land.
In der EU wird die Entwicklung mit Anerkennung, aber auch mit Sorge verfolgt. Die Ukraine konnte an der Front einen größeren Durchbruch der russischen Sommeroffensive verhindern und in einem Frontabschnitt seit Jahresbeginn sogar erhebliche Gebiete zurückerobern. Zudem greift Kiew mit Langstreckendrohnen erfolgreich russische Ölanlagen, Logistikzentren, Flugplätze und andere militärisch-industrielle Ziele an.
Gleichzeitig verstärkt Russland seine Angriffe auf Städte und Infrastruktur, was zuletzt zu den höchsten zivilen Opferzahlen seit den ersten Kriegsmonaten führte. EU-Ratspräsident António Costa bekräftigte in Kiew die anhaltende Unterstützung Europas. Seit Kriegsbeginn seien insgesamt mehr als 220 Milliarden Euro mobilisiert worden, weitere Hilfen seien bereits in Vorbereitung. Europa werde die Ukraine „so lange und so umfassend wie nötig“ unterstützen, sagte Costa.
Sowohl Costa als auch Frankreichs Präsident Macron stellten Russland zudem weitere Sanktionen in Aussicht. Diese könnten nach ihren Worten auch die durch ukrainische Gegenangriffe ausgelöste Treibstoffkrise in Russland weiter verschärfen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber