Johnny Depp meldet sich ausgerechnet als Ebenezer Scrooge in Hollywood zurück – eine Rolle, die kaum passender sein könnte. In Charles Dickens’ "A Christmas Carol" ist Scrooge zunächst ein kaltherziger Geizhals, der selbst an Weihnachten nichts für Mitgefühl übrig hat. Erst die Begegnung mit Geistern verändert ihn grundlegend und gibt ihm so etwas wie einen Neubeginn.
Auch Depp erhält nun gewissermaßen eine zweite Chance. In der düsteren Dickens-Verfilmung "Ebenezer – Eine Weihnachtsgeschichte" übernimmt er seine erste große Hollywoodrolle seit dem öffentlich ausgetragenen Rechtsstreit mit seiner Ex-Frau Amber Heard. Beide hatten sich gegenseitig Misshandlungen vorgeworfen. Nach dem sechswöchigen Verleumdungsprozess im Jahr 2022 ging Depp weitgehend als Sieger hervor.
Trotz dieses juristischen Erfolgs blieb der Schauspieler danach zunächst vor allem in kleineren, weniger massentauglichen Produktionen präsent. Nun steht der "Fluch der Karibik"-Star wieder im Fokus großer Studios. Zusätzlich ist für 2027 bereits der Thriller "Day Drinker" angekündigt, in dem er gemeinsam mit Penélope Cruz zu sehen sein soll. Außerdem sprach Depp zuletzt darüber, unter welchen Umständen er möglicherweise zur "Fluch der Karibik"-Reihe zurückkehren würde.
Seine Rückkehr wirft die Frage auf, warum manche Stars Skandale überstehen, während andere dauerhaft ins Abseits geraten.
Zu bekannt, um fallen gelassen zu werden?
Die US-Zeitung "The New York Sun" vertritt die Ansicht, Depp sei für einen dauerhaften Boykott schlicht zu groß. In Hollywood liebe man Erzählungen über Rehabilitation und Rückkehr – zumindest dann, wenn es um etablierte Publikumsmagneten gehe. Weniger prominente Schauspieler hätten es deutlich schwerer. Wer Studios und Marken über Jahre hohe Einnahmen verschafft habe, gelte oft als fast unersetzbar.

Tatsächlich zählte Depp lange zu den bestbezahlten Stars der Branche. Doch im Zuge der Scheidung von Heard und der juristischen Auseinandersetzungen erlitt seine Karriere einen deutlichen Dämpfer. 2020 wurde er etwa in "Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse" ersetzt. Nach dem Prozess blieb er zunächst von den ganz großen Blockbuster-Produktionen fern. 2023 war er im französischen Historienfilm "Jeanne du Barry" zu sehen, der die Filmfestspiele von Cannes eröffnete. 2024 präsentierte er zudem sein zweites Regieprojekt "Modi".
Dass Depp nun wieder in großen Studioproduktionen auftaucht, hängt laut Filmwissenschaftlerin Miranda Banks auch mit einem generellen Problem der Branche zusammen. Der Unterhaltungsindustrie fehle es derzeit an überzeugenden A-List-Stars, die weltweit zuverlässig Publikum ins Kino locken könnten, sagte sie der "New York Times".
Das Comeback wird offensiv vermarktet
Wie gezielt Depps Rückkehr inszeniert wird, zeigt die Werbekampagne von Paramount Pictures für "Ebenezer – Eine Weihnachtsgeschichte" unter der Regie von Ti West. Neben Depp gehören auch Rupert Grint, Daisy Ridley und Ian McKellen zum Ensemble. Die "New York Times" sprach bereits von einer der größten Comeback-Kampagnen Hollywoods seit Jahren.
Der Trailer stellt Depp ganz bewusst als Rückkehrer in den Mittelpunkt. Zu sehen ist er als Scrooge in verschneiten Straßen, begleitet von Verweisen auf seine berühmtesten Figuren. Erwähnt werden unter anderem Jack Sparrow, Edward mit den Scherenhänden und der verrückte Hutmacher. Depp wird dabei als "Meister der Außenseiter" präsentiert, der nun zurückkehrt.
An einer Stelle blickt er direkt in die Kamera und sagt: "Es ist gut, zurück zu sein." Während viele Reaktionen auf das Video positiv ausfielen, gab es auch kritische Stimmen. Der britische "Guardian" etwa wertete den Trailer als besonders geschickten PR-Zug, durch den die Kontroversen um den Schauspieler in den Hintergrund rückten.
Depp bleibt seiner bekannten Spielweise treu
Der Trailer macht deutlich, wie stark das Studio auf Depps Star-Power setzt. Das zeigte sich auch bei einem überraschenden Auftritt auf der Comic-Con in San Diego. Dort erschien Depp komplett als Scrooge verkleidet – mit Zylinder, starkem Make-up, grauem Bart und Gehstock. In der Rolle fragte er das Publikum mit finsterem Blick, ob es nichts zu arbeiten habe. Videos dieses Auftritts verbreiteten sich anschließend schnell in den sozialen Netzwerken.
Trotz des großen Werbeaufwands bleibt offen, ob das Publikum dem Film und Depp tatsächlich eine neue Chance geben wird. Der "Guardian" meint, dass der Film genau das liefere, was man von Depp in einer Mainstream-Rolle erwarte. Sein Scrooge wirke wie eine bewusst überzeichnete Karikatur. Auch die "Süddeutsche Zeitung" hält ein erfolgreiches Comeback für gut möglich – vor allem dann, wenn Depp sich zunächst weiter auf düstere, schillernde und stark stilisierte Figuren konzentriert. Scrooge passe damit durchaus in sein Profil.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber