Angst vor dem Winter: Hunger in Afghanistan droht sich zu verschärfen
In Kabul steht Imran Ullah am Nachmittag hinter einem großen Kessel mit Hühnersuppe, die er in Pappbechern verkauft. Nach außen gibt er sich stark – für seine Kunden und seine Kinder. Doch innerlich sei er von Sorgen überwältigt, sagt er. In zwei Stunden habe er nur einen einzigen Käufer gehabt. Das Geld reiche kaum für Brot. Noch vor wenigen Monaten sei seine Lage besser gewesen, bevor er aus Pakistan nach Afghanistan zurückkehren musste.
Mehrere Ursachen treiben die Not an
Die Vereinten Nationen warnen vor einer sich verschlimmernden Versorgungskrise in Afghanistan, besonders mit Blick auf den bevorstehenden Winter. Dafür kommen mehrere Faktoren zusammen. Die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan haben sich zuletzt deutlich verschlechtert. Millionen Menschen afghanischer Herkunft wurden zur Rückkehr in ihr Ursprungsland gedrängt. Zugleich sind seit mehr als einem Jahr wichtige Grenzübergänge wegen bewaffneter Konflikte geschlossen, wodurch eine zentrale Handelsroute für Afghanistan wegfällt.
Auch die Lage im Nachbarland Iran belastet die Region und treibt die Lebensmittelpreise nach oben. Hinzu kommt, dass internationale Hilfsgelder seit Jahren stark zurückgehen. Viele westliche Staaten meiden eine Zusammenarbeit mit den Taliban – auch wegen deren Umgang mit Frauenrechten. Mit sinkenden Spenden müssen Hilfsorganisationen ihre Unterstützung immer weiter einschränken.
UN rechnen mit mehr Hunger im Winter
Lebensmittel sind in Afghanistan zwar grundsätzlich vorhanden, doch für viele Menschen unbezahlbar, erklärte Olga Cherevko von der UN-Koordinierungsstelle für Afghanistan bereits Mitte Oktober. Schon jetzt lebt etwa ein Drittel der rund 49 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in akuter Ernährungsunsicherheit. Im Winter könnte diese Zahl laut UN auf 19,2 Millionen steigen – fast zwei Millionen mehr als im Vorjahr.

Vor allem Reis und Mehl haben sich im vergangenen Jahr verteuert, berichtet das Welternährungsprogramm. Kartoffeln kosten demnach sogar 37 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an Arbeit. Nach Angaben des WFP findet ein ungelernter Tagelöhner derzeit im Schnitt nur an zwei Tagen pro Woche Beschäftigung. Der Tageslohn liegt bei etwa 300 Afghani, umgerechnet rund vier Euro. In Kabul reicht das nicht einmal für drei Kilogramm einfachen Reis.
Familien sparen schon beim Essen
Auch Hadschi Safiullah Khan blickt mit Sorge auf die kalte Jahreszeit. Nur seine beiden Söhne haben Arbeit. In einem kleinen Laden in Kabul kauft er Bohnen, Linsen und Nudeln in kleinen Mengen ein. Vor allem Reis sei viel teurer geworden, sagt er. Deshalb kaufe die Familie weniger, weiche auf billigere Waren aus und lasse manches anschreiben.
Mit den sinkenden Temperaturen wachse auch die Angst, sagt Khan. Schon jetzt verschlingen Lebensmittel und Miete fast jeden Afghani, den seine Söhne nach Hause bringen. Dazu kämen bald noch Ausgaben für Kohle, Treibstoff und Heizung. Manchmal verzichte er selbst auf eine Mahlzeit, damit seine Kinder genug hätten. Statt im Alter Ruhe und Respekt zu erleben, verbringe er seine Tage in Scham und Hilflosigkeit und zähle jede Münze.
Rückkehrer erhöhen den Druck auf dem Arbeitsmarkt
Gleichzeitig suchen immer mehr Menschen in Afghanistan nach Jobs. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks sind allein in diesem Jahr 1,2 Millionen Menschen aus Pakistan und Iran nach Afghanistan zurückgekehrt – sei es nach Abschiebung, unter Druck oder freiwillig.
Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 sind insgesamt mehr als vier Millionen Menschen zurückgekehrt, also etwa ein Zehntel der Bevölkerung. Sowohl Pakistan als auch Iran kämpfen selbst mit wirtschaftlichen Problemen und wollen weniger Afghanen im Land behalten.
Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan, dessen Wurzeln bis in die britische Kolonialzeit reichen, ist im vergangenen Jahr erneut stark eskaliert. Beide Seiten werfen einander Gewalt und Angriffe vor. Islamabad beschuldigt die Taliban-Regierung, Terrorgruppen zu unterstützen, was diese zurückweist. In Pakistan hat sich das Klima gegenüber Afghanen deutlich verschlechtert, und in den Grenzregionen wird mit weiteren Zwangsabschiebungen gerechnet.
Zwischen Verzweiflung und Hoffnung
Imran Ullah gehört zu den Rückkehrern. In Haripur nahe Islamabad arbeitete er früher als Assistent in einem Goldgeschäft und verdiente genug, um seine Familie zu ernähren und gelegentlich sogar anderen etwas zu schenken. Die erzwungene Ausreise habe ihm Selbstvertrauen, innere Ruhe und jede Perspektive genommen, sagt er. Es habe sich angefühlt, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden sei.
Heute schöpft er in Kabul Hühnersuppe aus seinem Kessel, auf Wunsch mit hartgekochtem Ei oder Chilisoße. Trotz allem träumt er davon, eines Tages ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Diese Hoffnung sei das Licht, an dem er in dunklen Zeiten festhalte. Wenn er sich seine Kinder in einem guten Klassenzimmer vorstelle, mit Büchern in der Hand, sauberen Uniformen und hoffnungsvollen Gesichtern, dann lindere das seinen Schmerz zumindest für einen Moment.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber