Alexander Zverev hat kurz vor dem Start der French Open noch einmal die Nähe zu Novak Djokovic gesucht. Nach einer intensiven Trainingseinheit in Paris stand der Deutsche mit weißem Handtuch über den Schultern am Netz und hörte dem Serben aufmerksam zu. Viel bessere Hinweise darauf, wie man einen Grand-Slam-Titel gewinnt – und wie man Jannik Sinner schlägt – dürfte es derzeit kaum geben.
„Ich versuche immer noch, von Novak Djokovic zu lernen“, schrieb Zverev zu einem Social-Media-Video der French Open, das die gemeinsame Einheit vor dem Turnierstart zeigte.
Nächster Angriff auf den ersten Grand-Slam-Titel
Nach knapp zwei Wochen Pause geht Zverev erholt und mit neuer Motivation in seinen 41. Anlauf auf den ersehnten ersten Grand-Slam-Sieg. Gerade in Roland Garros war er diesem Ziel bereits mehrfach sehr nahe. 2022 wurde er durch seine schwere Fußverletzung gestoppt, 2024 verlor er ein dramatisches Fünf-Satz-Finale gegen Carlos Alcaraz.
Diesmal dürfte der Weg zum Titel vor allem über Jannik Sinner führen. Der Italiener reist mit einer Serie von 29 Siegen an und hat Zverev zuletzt neunmal in Folge geschlagen – teils deutlich und für den Deutschen schmerzhaft klar.
„Ich muss einfach daran glauben“
Trotz dieser Bilanz gibt sich Zverev kämpferisch. Er müsse daran glauben, Sinner schlagen zu können, sagte der Olympiasieger von 2021. Sonst könne man dem Weltranglistenersten die Trophäe auch direkt überreichen, ohne das Turnier auszuspielen.
Tatsächlich zählt Zverev zu den aussichtsreichsten Herausforderern des Italieners. Weil Titelverteidiger Carlos Alcaraz verletzt fehlt, ist der Deutsche an Position zwei gesetzt und würde Sinner erst in einem möglichen Finale begegnen. Zum Auftakt trifft Zverev auf den Franzosen Benjamin Bonzi, im Halbfinale könnte es zum Duell mit Djokovic kommen.
Boris Becker sieht darin eine echte Gelegenheit. In einer Eurosport-Medienrunde sprach das deutsche Tennis-Idol von einer großen Chance für Zverev, Paris in diesem Jahr zu gewinnen.
Zwangspause als möglicher Vorteil
Zverev spielt bislang eine konstant ordentliche Saison, doch der Abstand zu Sinner ist trotz der Umstellung auf ein offensiveres und aktiveres Spiel eher noch größer geworden. Rund 9.000 Punkte trennen beide in der Weltrangliste – im Tennis ist das eine gewaltige Lücke. Zverev selbst sagte zuletzt, Sinner stehe derzeit „zwei Stufen über allen anderen“.
Realistisch betrachtet könnte den Italiener am ehesten ein körperlicher Einbruch stoppen. Gerade in langen Matches hatte Sinner immer wieder mit Krämpfen zu kämpfen.
Allerdings hatte auch Zverev zuletzt gesundheitliche Probleme. In Rom war er angeschlagen, auf einen Start beim Heimturnier in Hamburg verzichtete er wegen Rückenbeschwerden, die ihn nach eigener Aussage schon die gesamte Sandplatzsaison begleiten. Die von Ärzten verordnete Pause könnte deshalb genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen sein. Zverev hofft selbst, dass sie in dieser schwierigen Phase für ihn ein „kleiner Segen“ sein kann.
Becker glaubt weiter an „Zverev 2.0“
Djokovic, fast zehn Jahre älter als Zverev, richtet seine Saison inzwischen fast nur noch auf die größten Turniere aus und gehört trotzdem weiter konstant zur Weltspitze. Bei den Australian Open zeigte der 24-malige Grand-Slam-Sieger mit seinem Halbfinal-Erfolg gegen Sinner, dass der Italiener sehr wohl zu bezwingen ist. Es war eine von nur zwei Niederlagen Sinners in diesem Jahr.
Zverev blieb dagegen in seinen vier Duellen mit Sinner in dieser Saison ohne Satzgewinn. Nach dem klar verlorenen Finale in Madrid mit 1:6, 2:6 entschuldigte er sich sogar beim Publikum. Gerade gegen Sinner war vom offensiveren, mutigeren „Zverev 2.0“ bislang oft wenig zu sehen.
Becker hält den eingeschlagenen Weg dennoch für richtig. Wenn Zverev diesen Stil konsequent weitergehe, könne er bald auch ein Grand-Slam-Turnier gewinnen. Becker sagte, er sei davon überzeugt – Zverev müsse es nur weiter durchziehen.
„Hot Shot“ nur als Randnotiz
Auf einen Turniersieg wartet Zverev inzwischen seit mehr als einem Jahr. Immerhin wurde sein Tweener-Volley in München gegen Miomir Kecmanovic von der ATP zum „Hot Shot“ des Monats April gewählt.
Mehr als ein schwacher Trost ist das für ihn aber nicht. Zverev spielt nicht für spektakuläre Einzelpunkte, sondern für den großen Traum. In Paris will er ihn sich endlich erfüllen – auch wenn mit Jannik Sinner ein Gegner in absoluter Topform auf ihn wartet.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion