Spanien steht 16 Jahre nach dem ersten WM-Triumph erneut kurz vor dem ganz großen Coup. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Art und Weise, wie sich der Europameister ins Finale gespielt hat: nicht über die überragende Strahlkraft einzelner Superstars, sondern über Geschlossenheit, Stabilität und einen Trainer, der seiner Mannschaft eine klare Identität gegeben hat.
Die Mannschaft ist der eigentliche Star
Zwar zieht vor allem Lamine Yamal die Blicke auf sich. Der 19-Jährige, der unmittelbar vor dem 2:0 gegen Frankreich Geburtstag feierte, gilt als das bekannteste Gesicht im spanischen Kader. Doch anders als bei anderen Topnationen hängt Spaniens Erfolg nicht an einem einzelnen Ausnahmespieler. Während bei Argentinien lange vieles über Lionel Messi lief, bei England über Harry Kane und Jude Bellingham oder bei Norwegen über Erling Haaland, verteilt sich Spaniens Qualität auf viele Schultern.
Trainer Luis de la Fuente brachte es nach dem Sieg gegen Frankreich auf den Punkt: Spanien habe gegen eine der stärksten Nationalmannschaften gespielt, Frankreich aber gegen die beste Mannschaft antreten müssen. Für ihn ist entscheidend, dass sein Team als Einheit funktioniert.
Dass Spanien im WM-Finale steht, obwohl Yamal bislang lediglich auf ein Tor und eine Vorlage kommt, unterstreicht diese These. Wichtige Beiträge lieferten vielmehr andere: Mikel Oyarzabal etwa, der mit seinem verwandelten Elfmeter gegen Frankreich bereits seinen fünften Turniertreffer erzielte. Oder Mikel Merino, früher in Dortmund aktiv, der als Joker mit späten Toren gegen Portugal und Belgien glänzte.

De la Fuente lobte besonders den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Alle arbeiteten für dasselbe Ziel, nicht für den Erfolg eines Einzelnen. In den gemeinsamen 47 Tagen habe es weder auf noch neben dem Platz irgendwelche Probleme gegeben.
Starke Offensive, überragende Defensive
Das Endspiel ist bereits Spaniens achte Partie bei dieser XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko. Die Zahl der Gegentore: eins. Das torlose Auftaktspiel gegen Kap Verde hatte zunächst noch Spott ausgelöst, inzwischen ist jedoch klar: Spaniens große Stärke liegt in seiner Defensive.
Nur Belgien brachte die spanische Abwehr im Viertelfinale phasenweise ernsthaft in Bedrängnis und schaffte es als bislang einziges Team, gegen Spanien zu treffen. Die alte Fußballweisheit scheint sich damit wieder einmal zu bestätigen: Offensiven gewinnen Spiele, Defensiven holen Titel.
Torhüter Unai Simon stellte mit 649 Minuten ohne Gegentor einen neuen WM-Rekord auf und übertraf damit die 36 Jahre alte Bestmarke von Walter Zenga deutlich. Der in Spanien nicht immer unumstrittene Keeper von Athletic Bilbao wurde auch gegen Frankreich erst spät wirklich gefordert. Davor räumten seine Vorderleute um Rodri und den erst 19 Jahre alten Pau Cubarsi nahezu alles ab und ließen kaum Chancen zu.
Ein Trainer, der kaum zu schlagen ist
Seit Luis de la Fuente im Januar 2023 das Amt übernommen hat, betreute er Spanien in 48 Länderspielen. Nur drei davon gingen verloren. Bei Europa- und Weltmeisterschaften ist er mit der Selección sogar noch ungeschlagen.
Seit dem 0:2 gegen Schottland in der EM-Qualifikation im März 2023 verlor Spanien in Pflichtspielen lediglich das Nations-League-Finale im vergangenen Sommer gegen Portugal – und das erst im Elfmeterschießen. In der regulären Spielzeit beziehungsweise aus dem laufenden Spiel heraus ist Spanien unter de la Fuente seit mehr als drei Jahren unbesiegt.
Der Nationaltrainer zeigt sich immer wieder beeindruckt von der Entwicklung seines Teams. Aus seiner Sicht wird die Mannschaft von Spiel zu Spiel und von Turnier zu Turnier besser. Dahinter steckten nicht Zufall oder Glück, sondern Einsatz, Talent, Verzicht und der Wille, sich ständig weiterzuentwickeln.
De la Fuente prägt diese Generation seit Jahren
Dass diese Mannschaft so gefestigt auftritt, ist eng mit dem Werdegang des Trainers verbunden. De la Fuente arbeitet seit 13 Jahren für den spanischen Verband und kennt viele seiner heutigen Nationalspieler schon aus dem Nachwuchsbereich. Bereits in jungen Jahren vermittelte er ihnen seine Vorstellungen und Werte.
Mit Rodri und Mikel Merino gewann er 2015 als Trainer der U19 den EM-Titel. Vier Jahre später gehörten auch Mikel Oyarzabal und Dani Olmo zur Startelf, als Spanien im U21-EM-Finale Deutschland mit 2:1 besiegte.
Rechtsverteidiger Pedro Porro, der mit dem 2:0 gegen Frankreich den Finaleinzug absicherte, hob genau diesen Vertrauensvorschuss hervor. Ein solches Turnier hätte er sich selbst in seinen kühnsten Träumen kaum vorstellen können, sagte er. Möglich geworden sei das auch durch seine Mitspieler und durch einen Trainer, der ihm seit dem ersten Moment vertraut habe – nicht erst bei dieser Weltmeisterschaft, sondern schon seit seiner Zeit in der U21.
Spanien hat sich damit nicht nur wegen individueller Klasse, sondern vor allem durch Kollektivgeist, defensive Stabilität und die Handschrift seines Trainers ins Finale gespielt. Genau das macht die Mannschaft derzeit so gefährlich.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber