Ancelotti nach Zittersieg: "Leiden gehört dazu"
Carlo Ancelotti nahm den nervenaufreibenden Arbeitssieg seiner brasilianischen Mannschaft mit der Gelassenheit eines langjährigen Erfolgstrainers hin. Nach dem mühsamen 2:1 gegen Japan in der ersten K.-o.-Runde der Fußball-WM erklärte der Nationalcoach in Houston, dass schwierige Phasen in solchen Spielen ganz normal seien. Man müsse auch leiden können, sagte Ancelotti sinngemäß – das gehöre genauso zum Fußball wie die Erleichterung nach dem Abpfiff.
Wie groß der Druck auf der Seleção gewesen war, zeigte sich unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Nachdem Gabriel Martinelli in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielt hatte, fielen sich die Brasilianer erschöpft in die Arme. Auch die zahlreichen Fans im Stadion feierten den Erfolg ausgelassen – emotionaler wohl, als es bei einem klaren und ungefährdeten Sieg der Fall gewesen wäre. Gerade bei einer WM können solche Spiele eine besondere Wirkung entfalten.
Die Zeitung "O Globo" lobte anschließend den Auftritt Brasiliens und schrieb, die Mannschaft habe sich wie ein echtes Topteam gezeigt. Dabei war der Rekordweltmeister keineswegs als überragender Favorit ins Turnier gestartet. Im Unterschied zu Nationen wie Frankreich oder Spanien fehlt Brasilien neben Vinícius Júnior derzeit ein weiterer unumstrittener Star. Neymar, der diese Rolle früher innehatte, kam auch gegen Japan nicht zum Einsatz. Ancelotti deutete allerdings an, dass er in einer möglichen Verlängerung wohl eine Option gewesen wäre.

Ancelotti beweist mit Wechseln ein gutes Händchen
Ancelotti zeigte sich überzeugt von seinem Team. Seine Mannschaft habe gut, ja sogar sehr gut gespielt, sagte der Italiener. Entscheidend war auch ein Wechsel des Trainers: Martinelli, der spätere Matchwinner, war erst in der 66. Minute aufs Feld gekommen. Genau diese Qualität in der Breite kann laut Ancelotti den Unterschied machen, wenn das Niveau nach Einwechslungen hoch bleibt.
Auch Casemiro hob diesen Aspekt hervor. Wenn neue Spieler hereinkommen und das Leistungsniveau nicht sinkt, sei das enorm wichtig auf dem Weg zu Titeln, meinte der Mittelfeldspieler. Er selbst hatte in der 56. Minute den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt.
Japan schockt Brasilien früh
In der ersten Halbzeit tat sich Brasilien schwer und zeigte aus eigener Sicht eine enttäuschende Leistung. Japan ging daher verdient in Führung: Kaishu Sano vom Bundesligisten Mainz traf in der 29. Minute. Für Brasilien drohte damit das früheste WM-Aus in einer K.-o.-Phase seit 1990 in Italien. Auf den Rängen war nach dem Rückstand teils blankes Entsetzen zu erkennen.
Die Spieler selbst betonten jedoch später, dass sie die Ruhe nicht verloren hätten. Casemiro sprach in der Mixed Zone vor zahlreichen Journalistinnen und Journalisten mehrfach von "tranquilidade", also Ruhe und Gelassenheit. Gerade mental verdiene die Mannschaft großes Lob, sagte der 34-Jährige. Man habe daran geglaubt, dass die entscheidende Chance noch kommen würde.
Vinícius steigert sich deutlich
Ein wichtiger Grund für die Wende war die Leistungssteigerung nach der Pause – und dabei vor allem Vinícius Júnior. Über die linke Seite setzte der Offensivspieler Japan nun deutlich stärker unter Druck. Immer wieder dribbelte er an mehreren Gegenspielern vorbei in den Strafraum. Ein eigenes Tor gelang ihm zwar nicht, doch mit einem Pfostenschuss war er dicht dran.
Trotz des Erfolgs wollte Ancelotti nicht von Zufriedenheit sprechen. Seine Mannschaft dürfe sich mit dem Erreichten nie begnügen, sagte er. Der Anspruch sei, Fußball auf höchstem Niveau zu spielen.
Nächster Gegner noch zweitrangig
Wer im Achtelfinale wartet – nach der Auslosung kommen Norwegen oder die Elfenbeinküste infrage – spielte direkt nach dem Spiel zunächst keine große Rolle. Innenverteidiger Gabriel Magalhães erklärte, man habe gerade erst ein intensives und wichtiges Spiel hinter sich. Jetzt gehe es zunächst darum, sich zu erholen. Im Laufe der Woche werde man sich dann mit dem kommenden Gegner beschäftigen.
Klar sei für Brasilien aber schon jetzt: Bei einer Weltmeisterschaft gibt es keine leichten Aufgaben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber