Nagelsmann nach WM-Blamage gegen Paraguay nur noch Bundestrainer auf Abruf – DFB vertagt Entscheidung bis nach dem Heimflug
Deutschlands Weltmeisterschaft ist schon im Sechzehntelfinale krachend zu Ende gegangen. Nach einem über weite Strecken ideenlosen Auftritt und einem dramatischen Elfmeterschießen verlor die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann gegen Paraguay mit 3:4 vom Punkt. Die Fehlschüsse von Jonathan Tah, Nick Woltemade und Kai Havertz besiegelten das Aus.
Mit dem bitteren K.o. ist die sportliche Krise der Nationalmannschaft erneut schonungslos offengelegt. Wie schon 2018 und 2022 verpasst Deutschland die entscheidende WM-Phase viel zu früh. Das erste WM-K.-o.-Spiel seit dem Titelgewinn 2014 bleibt damit vorerst auch das letzte.
Kai Havertz hatte in der 54. Minute mit seinem dritten Turniertor den Rückstand durch Julio Enciso (42.) ausgeglichen. In regulärer Spielzeit und Verlängerung fiel danach kein weiterer deutscher Treffer. Besonders umstritten blieb ein aberkanntes Kopfballtor von Tah in der 102. Minute nach VAR-Eingriff. Nagelsmann sprach hinterher von einem „Voll-Skandal“. Am Ende stand zudem die erste Niederlage Deutschlands in einem WM-Elfmeterschießen.
Manuel Neuer hielt im Shootout zwar einen paraguayischen Versuch, Antonio Sanabria setzte einen weiteren daneben. Doch das reichte nicht, weil Woltemade und Havertz an Torwart Orlando Gill scheiterten und Tah über das Tor schoss.
DFB räumt das Scheitern offen ein
Unmittelbar nach dem Spiel vermied die DFB-Spitze noch jede Festlegung. Zehn Stunden nach dem Turnier-Aus wurde der Ton jedoch deutlich schärfer. Vor dem noch immer mit Deutschland-Fahnen geschmückten Teamhotel The Graylyn kündigte DFB-Präsident Bernd Neuendorf in einer Videobotschaft an, dass der Verband die Folgen des Debakels gründlich aufarbeiten werde.
Neuendorf machte klar, dass man nach einem solchen Tiefschlag nicht einfach zur Tagesordnung übergehen könne. Ebenso deutlich stellte er fest, dass das Abschneiden bei der WM den Ansprüchen des Verbandes nicht genügt habe. Damit ist offiziell, was nach der Niederlage ohnehin offensichtlich war: Der DFB wertet das Turnier als klares Versagen.
Nach einem nächtlichen Krisentreffen mit Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig gab es trotzdem keinen Schnellschuss. Man habe länger zusammengesessen, die eigentliche Entscheidung über die Zukunft des Bundestrainers soll aber erst nach dem Heimflug fallen. In den kommenden Tagen wollen die Verantwortlichen in Ruhe die Gründe aufarbeiten, warum die Mannschaft ihr Potenzial nicht abrufen konnte und weder den eigenen noch den Erwartungen des deutschen Fußballs gerecht wurde.
Letzte Ansprache in den USA – Schluss nach 37 Länderspielen?
Nach einer sehr kurzen Nacht versammelte Nagelsmann seine von Paraguay gedemütigten Nationalspieler noch einmal im Teamquartier. Vor dem viel zu frühen Rückflug hielt er Joshua Kimmich und Co. ein letztes Mal in den USA eine Abschlussansprache.
Ob es auch seine letzte Rede als Bundestrainer war, ist formal offen. Die Tendenz ist allerdings klar: Nach 37 Länderspielen und fast drei Jahren im Amt erscheint ein Verbleib Nagelsmanns kaum noch realistisch. Nach dem dritten WM-Desaster in Serie deutet vieles diesmal auf einen schnelleren Schnitt hin als nach den Rückschlägen von 2018 und 2022. Der notwendige Neuaufbau dürfte eher in andere Hände gelegt werden.
Noch in den Katakomben der Arena fiel Neuendorfs erste Antwort auf die Zukunftsfrage auffallend knapp aus: Zunächst gehe es erst einmal um den Heimflug. Genau dort, nach der gescheiterten Amerika-Mission, soll nun das Urteil vorbereitet werden.
Katar-Erfahrung als Warnsignal
Die Erfahrung aus dem Katar-Debakel 2022 dürfte in den DFB-Gremien eine wichtige Rolle spielen. Damals hielt der Verband zunächst an Hansi Flick fest. Diesmal scheint man deutlich sensibler für die sportliche und politische Sprengkraft eines erneuten Festhaltens zu sein.
In nur drei Monaten geht es mit der Nations League weiter – ausgerechnet mit einem Prestigeduell bei den ebenfalls früh gescheiterten Niederländern. Bis dahin muss die wichtigste Personalfrage im deutschen Fußball geklärt sein.
Nagelsmann schließt Rücktritt weiter aus
Nagelsmann wirkte nach dem Aus leer, müde und gezeichnet. Mit einem silbernen Koffer zog er durch den Stadiongang, später ging er auch bei der Rückkehr nach Winston-Salem wie ein geschlagener Trainer über das Rollfeld. Der Eindruck war eindeutig: schwer angeschlagen, aber nicht bereit, freiwillig zu gehen.
Einen Rücktritt schloss der 38-Jährige erneut aus. „Ich bin keiner, der sagt, ich trete zurück, weil wir ausgeschieden sind. Wenn der DFB möchte, dass ich weitermache, mache ich weiter. Und wenn er das nicht möchte, dann muss man mir das sagen“, sagte er.
Nagelsmann betonte außerdem, die Verantwortlichen wüssten, welche Qualitäten er als Trainer habe. Er liefere seine Argumente den Bossen, jeder kenne seine Art von Fußball. Das klang nach dem WM-K.o. eher trotzig als überzeugend.
Hinzu kam eine auffällige Distanz zu eigener Verantwortung. Statt seine Mitschuld in den Mittelpunkt zu rücken, verwies Nagelsmann auf seine Vorgänger Joachim Löw und Hansi Flick, die nach WM-Enttäuschungen ebenfalls im Amt geblieben waren. Der Ausgang sei ähnlich gewesen, argumentierte er sinngemäß.
DFB-Spitze lässt ihn vorerst im Amt – aber nur noch auf Abruf
Tatsächlich bekommt Nagelsmann zunächst eine Schonfrist. Die DFB-Bosse haben ihm direkt nach der Niederlage nicht öffentlich das Vertrauen entzogen. Dennoch ist er nur noch Bundestrainer auf Abruf.
Die wichtigste Personalfrage im deutschen Fußball ist lediglich vertagt, nicht beantwortet. Nach dem Heimflug warten auf Neuendorf, Völler und Rettig intensive Gespräche – und sehr wahrscheinlich eine harte Grundsatzentscheidung.
Brisant ist dabei auch Völlers eigene Rolle. Der Sportdirektor ist eng mit seinem Wunschtrainer verbunden, beide besitzen Verträge bis nach der EM 2028. Deshalb geht es in der nun anstehenden Aufarbeitung nicht nur um Nagelsmanns Zukunft, sondern indirekt auch um Völlers Verantwortung.
Dass Nagelsmann kaum noch Rückhalt spürt, zeigte er selbst. Sinngemäß räumte er ein, dass eine Umfrage über seine Unterstützung derzeit kaum zu seinen Gunsten ausfallen würde. Zugleich bekannte er, ein Aus in der ersten K.-o.-Runde eines Turniers mit 48 Mannschaften sei für den deutschen Fußball deutlich zu wenig.
Kimmich entschuldigt sich – und wirkt wie ein Kapitän
Nach dem Abpfiff bot sich zunächst das vertraute Bild eines tief enttäuschten Teams. Viele deutsche Spieler ließen die Köpfe hängen, kurze Zeit später trotteten sie zu den erneut frustrierten Fans und verschwanden dann rasch in den Katakomben.
Joshua Kimmich gehörte erneut zu den tragischen Figuren dieses Turniers, trat nach dem Aus aber aufrechter auf als viele andere. Der Kapitän analysierte die Niederlage nüchtern, entschuldigte sich bei den Anhängern und kündigte neue Anläufe an.
„Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: Aufgeben“, sagte Kimmich. Anders als nach dem WM-Aus 2022 sprach er diesmal nicht von einem persönlichen Loch. Gerade im Kontrast zu Nagelsmann wirkte das wie ein echtes Kapitäns-Statement.
Havertz ringt um Worte
Kai Havertz fand nach dem Spiel eine drastische, schonungslose Beschreibung für seine eigene WM-Bilanz. „Es gibt nicht viel zu sagen, mir fehlen auch bisschen die Worte. Meine zweite WM, zweimal reingeschissen“, sagte der Angreifer im ZDF. „Die letzten Turniere waren nix. Das Einzige, was ich sagen kann: Entschuldigung.“
Damit brachte er die Stimmung rund um die Mannschaft auf den Punkt: viel Frust, wenig Ausreden und das Eingeständnis, die Erwartungen erneut klar verfehlt zu haben.
Klopp hält sich bedeckt – sagt aber nicht ab
Jürgen Klopp verfolgte die Partie als TV-Experte und gilt für viele Fans als ideale Nachfolgeoption. Über ein mögliches Engagement wollte der frühere Liverpool-Coach nicht spekulieren, ein Dementi gab es aber ebenfalls nicht.
„Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen“, erklärte Klopp. Gerade weil er ein klares Nein vermied, dürfte sein Name in der anstehenden Debatte weiter eine große Rolle spielen.
Ausgerechnet Klopp musste als Analyst zugleich die sportlichen Mängel der DFB-Elf einordnen. Seine Kritik fiel deutlich aus – und passte zu der Erkenntnis, dass eine umfassende Generalabrechnung kaum noch zu vermeiden ist.
Keine Weltspitze mehr
Die bittere Bilanz dieses Turniers lautet: Deutschland ist von der Weltspitze weit entfernt. Gegen echte Topnationen wie Frankreich, Argentinien oder Spanien wäre diese Mannschaft in der gezeigten Form kaum konkurrenzfähig gewesen.
Nagelsmann räumte selbst ein, dass es vermessen wäre, Deutschland nach dem dritten enttäuschenden großen Turnier noch zur Weltelite zu zählen. Genau diese Erkenntnis verschärft die Debatte über Qualität, Führungsstärke und strategische Ausrichtung der Mannschaft zusätzlich.
Zu den Vorwürfen gegen den Bundestrainer zählen nicht nur die Ergebnisse, sondern auch zentrale sportliche Entscheidungen: ein insgesamt zu harmonischer Kurs, zu wenig echter Konkurrenzkampf um Stammplätze, Kimmich dauerhaft abseits des Zentrums und die Rückkehr von Manuel Neuer, die mehr Diskussionen als Stabilität brachte.
Von der geforderten Härte war wenig zu sehen
Nagelsmann hatte vor dem Spiel eine „Drecksack-Mentalität“ gefordert. Auf dem Platz war davon zunächst kaum etwas erkennbar. Deutschland begann zu brav, zu passiv und ohne die notwendige Schärfe. Auch Deniz Undav, erstmals in der Startelf, konnte der Offensive keine neuen Impulse geben.
Nathaniel Brown kehrte nach Adduktorenproblemen links in die Abwehr zurück, Kimmich spielte erneut rechts hinten. Jamal Musiala saß zunächst nur auf der Bank, weil Nagelsmann mit Undav mehr Präsenz im Strafraum wollte.
Paraguay verteidigt tief – Deutschland findet kaum Lösungen
Florian Wirtz hatte vor der Partie vor Paraguays Einsatz gewarnt, und genau so kam es. Schon nach gut einer Minute musste Neuer nach einer Ecke gegen Júnior Alonso retten. Bei Temperaturen von etwas über 30 Grad tat sich die DFB-Elf gegen die kompakte paraguayische Defensive vor allem in der ersten Hälfte enorm schwer.
Die Südamerikaner verteidigten diszipliniert, verdichteten die Räume geschickt und kamen auch ohne den angeschlagenen Omar Alderete stabil durch die erste Hälfte. Deutschlands Doppelspitze mit Undav und Havertz blieb bis zur Pause nahezu wirkungslos. Auch über die Flügel lief wenig, weil Leroy Sané und Wirtz häufig hängen blieben oder Bälle verloren.
Trotz klarer Ballbesitzvorteile fehlten Tempo, Kreativität und Tiefgang. Nach 35 Minuten stand es bei den Pässen 244:31 für Deutschland, gefährlich wurde die Mannschaft trotzdem kaum. Die beste Chance vor der Pause war noch ein abgefälschter Schuss von Felix Nmecha.
Dann folgte kurz vor dem Seitenwechsel der Schock: Nach einer scharfen Hereingabe von Matías Galarza köpfte Enciso wuchtig zur paraguayischen Führung ein. Die deutsche Defensive verlor ihn dabei völlig aus den Augen.
Havertz gleicht aus, Deutschland bleibt aber zu harmlos
Jürgen Klopp kritisierte anschließend vor allem das zu einfache Verteidigen beim Gegentor und die fehlende Bewegung im deutschen Offensivspiel. Nagelsmann reagierte zur Pause und brachte Leon Goretzka für Nmecha.
Zunächst wirkten jedoch weiter die Paraguayer gefährlicher. Ein zu kurzer Rückpass von Kimmich hätte beinahe das 0:2 bedeutet, doch Neuer rettete stark gegen Enciso. Kurz darauf kam Deutschland zurück: Wirtz flankte scharf in den Strafraum, Havertz verlängerte per Kopf zum 1:1.
Danach erhöhte die DFB-Elf zwar den Druck, blieb aber zu ungefährlich. Abschlüsse von Goretzka und Pavlovic wurden geblockt, später kam auch Musiala ins Spiel. Die größte Gelegenheit in der Schlussphase hatte erneut Havertz, dessen Kopfball in der 78. Minute von Gill pariert wurde.
Aberkanntes Tah-Tor sorgt für Ärger – Entscheidung vom Punkt
In der Verlängerung traf Tah per Kopf zur vermeintlichen Führung, doch Schiedsrichter Jalal Jayed nahm den Treffer nach VAR-Hinweis zurück. Waldemar Anton soll Torwart Gill im Fünfmeterraum zu stark bedrängt haben. Die Entscheidung sorgte für massiven Unmut. Auch TV-Schiedsrichterexperte Thorsten Kinhöfer hielt sie für nicht nachvollziehbar.
Kurz vor Schluss vergab Anton selbst noch eine große Chance zum 2:1, als Gill seinen Kopfball aus kurzer Distanz festhielt. So musste das Elfmeterschießen entscheiden – und dort behielt Paraguay die besseren Nerven.
Heimflug statt Aufbruch
Vom Turnier bleibt für Deutschland vor allem das 7:1 zum Auftakt gegen Curaçao positiv in Erinnerung. Einen anderen Gegner konnte die Mannschaft nicht wirklich beherrschen.
Für den DFB beginnt nun eine Phase grundlegender Entscheidungen. Die Analyse nach dem Heimflug wird zwangsläufig auch zur Trainerfrage führen. Im Moment spricht wenig dafür, dass der dringend notwendige Neuaufbau noch unter Julian Nagelsmann stattfinden wird.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber