Fußball

Von Pech bis Fehlern: Die 4 WM-K.o.-Gründe

Der DFB glaubte zu lange an ein Märchen: Nach dem nächsten WM-Debakel zeigt sich, warum das Scheitern tiefer sitzt als gedacht.

30.06.2026, 07:06 Uhr

Deutschland ringt nach dem nächsten WM-Rückschlag um Antworten

Nach dem dramatischen Aus im Elfmeterschießen gegen Paraguay in Foxborough steht der deutsche Fußball erneut vor einer unangenehmen Bestandsaufnahme. Auf die Enttäuschungen von 2018 und 2022 folgt mit der WM 2026 das dritte bittere Scheitern in Serie. Für das frühe Ausscheiden gibt es mehrere Ursachen.

Bundestrainer Julian Nagelsmann sprach von einem klar ungenügenden Abschneiden: Bei einem Turnier mit 48 Teams sei das Aus in der ersten K.o.-Runde zu wenig für den Anspruch des deutschen Fußballs. Auch Antonio Rüdiger forderte eine schonungslose Analyse und stellte klar, dass nach drei derartigen Misserfolgen alles auf den Prüfstand müsse.

Fehlende Klasse an der Spitze

Lange war im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft von Qualität und Potenzial die Rede. Inzwischen zeigt sich jedoch immer deutlicher: Deutschland zählt derzeit nicht mehr zur absoluten Weltelite. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, aber kaum noch wegzudiskutieren.

Nagelsmann räumte selbst ein, dass es nach dem dritten enttäuschenden Großturnier vermessen wäre, Deutschland weiterhin zur Weltspitze zu zählen. Einzelne Nationalspieler bewegen sich zwar auf hohem Niveau, profitieren in ihren Vereinen aber oft vom Zusammenspiel mit international noch stärkeren Akteuren. Gerade Topclubs wie Bayern zeigen, wie sehr Spitzenqualität heute von außergewöhnlicher individueller Klasse geprägt ist.

In den vergangenen Jahren wurde häufig argumentiert, das vorhandene Talent müsse nur endlich konsequent abgerufen werden. Doch dieser Verweis auf das bloße Potenzial trägt nicht mehr. Die Hoffnung auf einen automatischen Entwicklungsschritt hat sich nicht erfüllt.

WM 2026 - Deutschland - Paraguay
Joshua Kimmich muss die nächste schwere Turnier-Enttäuschung verkraften. Quelle: Federico Gambarini/dpa

Zu viel Harmonie, zu wenig Härte

Ein weiterer Punkt betrifft die innere Haltung der Mannschaft. Nagelsmann hatte vor dem Turnier stark auf Zusammenhalt und das Bild einer "Familie" gesetzt, in der jeder für den anderen einsteht. Das sollte Stabilität geben, wirkte aber stellenweise eher bremsend.

Statt eines spürbaren Konkurrenzkampfs dominierte Harmonie. Rollen waren klar verteilt, Diskussionen oder offener Druck auf die Stammkräfte blieben weitgehend aus. Selbst Spieler mit eher kämpferischem Temperament ordneten sich diesem Kurs unter. Der Eindruck entstand, dass Reibung möglichst vermieden werden sollte.

Doch gerade im Spitzenfußball kann Wettbewerb innerhalb des Teams entscheidend sein. Reibung erzeugt Energie, steigert die Leistungsbereitschaft und hilft dabei, gegen physisch starke und aggressive Gegner zu bestehen. Joshua Kimmich brachte es treffend auf den Punkt: Am Ende zähle der Erfolg und nicht bloß gute Stimmung.

Fragwürdige Entscheidungen des Trainers

Auch Nagelsmanns personelle und taktische Weichenstellungen gerieten in den Fokus. Der Bundestrainer gehört trotz seiner Erfahrung noch zu den jüngeren Coaches im Weltfußball, und bei diesem Turnier boten einige seiner Entscheidungen viel Angriffsfläche.

Besonders kritisch wurde gesehen, dass Kimmich nicht im Zentrum eingesetzt wurde. Gerade auf den Schlüsselpositionen fehlte es Deutschland an Stabilität. Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović konnten im Mittelfeld die erhoffte Kontrolle nicht dauerhaft liefern.

Hinzu kam die Rückkehr von Manuel Neuer, die zwar nicht unmittelbar für das Aus verantwortlich war, aber unnötige Unruhe auf der Torwartposition mit sich brachte. Der Ertrag dieser Debatte blieb überschaubar. Auch im Fall Deniz Undav wirkte das Vorgehen widersprüchlich: Als Joker überzeugte er, in der Startelf verlor er jedoch deutlich an Wirkung.

Pech spielte mit hinein

Trotz aller Kritik verzichteten die Verantwortlichen darauf, sich hinter Ausreden zu verstecken. Ansatzpunkte dafür hätte es durchaus gegeben. Dazu gehörte die umstrittene VAR-Entscheidung gegen Jonathan Tahs vermeintlichen 2:1-Siegtreffer in der Verlängerung, die Nagelsmann scharf kritisierte.

Auch Verletzungen belasteten das Team erheblich. Serge Gnabry fiel schon vor der Nominierung aus, Lennart Karl kurz nach der Ankunft in den USA. Besonders schwer wog jedoch das Fehlen von Nico Schlotterbeck, dem einzigen linken Innenverteidiger im Aufgebot. Alle drei hätten der Mannschaft mit ihren speziellen Qualitäten wichtige Impulse geben können.

Allerdings verweist auch dieser Aspekt wieder auf ein grundlegendes Problem: Andere Topnationen, vor allem Frankreich, verfügen über einen deutlich breiteren Kader mit nahezu gleichwertigem Ersatz. Dass Deutschland solche Ausfälle nicht auffangen konnte, ist nicht nur Pech, sondern auch ein Hinweis auf strukturelle Defizite im deutschen Fußball.

Fazit

Das erneute WM-Aus ist keine Folge eines einzelnen Fehlers, sondern das Ergebnis mehrerer Schwächen. Es fehlt an internationaler Spitzenqualität in der Breite, an der richtigen Balance zwischen Teamgeist und Leistungsdruck sowie an optimalen Entscheidungen in den entscheidenden Momenten. Verletzungen und unglückliche Spielverläufe kamen hinzu. Insgesamt zeigt das Turnier aber vor allem eines: Der deutsche Fußball steht vor einer tiefgreifenden Aufgabe.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen