Politik

Kapitalrente neu: Chance fürs Alter oder fataler Irrtum?

Rente aus der Börse? Schweden macht es vor – doch wird das Modell hier zum genialen Coup oder zum teuren Risiko?

25.06.2026, 09:50 Uhr

Kapitalrente: Chancen, Risiken und offene Fragen

Bundeskanzler Friedrich Merz lobt das Konzept als „geniale Idee“, Kritiker warnen dagegen vor neuen Risiken für Versicherte. Nach jahrelanger Diskussion will die Bundesregierung nun eine Kapitalrente einführen, nachdem frühere Pläne einer Aktienrente nicht umgesetzt wurden. Die zentrale Frage lautet: Kann die gesetzliche Rente durch Investitionen am Kapitalmarkt stabilisiert werden – oder drohen zusätzliche Belastungen?

Was vorgesehen ist

Die Rentenkommission schlägt vor, die gesetzliche Rente um einen kapitalgedeckten Bestandteil zu ergänzen. Nach einer Übergangsphase, die 2028 beginnen soll, sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gemeinsam mit ihren Arbeitgebern zusätzlich zwei Prozent des Bruttoeinkommens einzahlen. Mit diesem Geld soll schrittweise ein Kapitalstock aufgebaut werden, aus dem später ein Teil der Renten finanziert wird.

Wie das Geld investiert werden soll

Geplant ist ein öffentlicher Fonds, der international konkurrenzfähig aufgestellt sein soll. Wer nicht in diesen staatlich organisierten Fonds einzahlen möchte, soll stattdessen aus einer begrenzten Zahl zertifizierter Fonds anderer Anbieter wählen können. Für alle Produkte sollen dabei strenge Vorgaben gelten.

Blick nach Schweden

Als wichtiges Vorbild gilt Schweden. Dort fließt ein Teil der Rentenbeiträge in die sogenannte Prämienrente, die am Kapitalmarkt angelegt wird. Versicherte können dabei selbst Fonds auswählen. Wer sich nicht darum kümmern will, landet automatisch in einem staatlichen Standardfonds.

Kritik am Kapitalmarkt
Viele Menschen sorgen sich davor, an der Börse Geld zu verlieren. (Archivbild) Quelle: Sebastian Willnow/dpa

Die Erfahrungen dort werden überwiegend positiv bewertet. Zwar gab es auch in Schweden in Krisenzeiten deutliche Rückschläge an den Börsen, langfristig hat sich das Modell aber ausgezahlt. Besonders der staatliche Fonds AP7 Såfa gilt als erfolgreich. Er investiert weltweit und arbeitet mit vergleichsweise niedrigen Kosten. In jungen Jahren wird das Geld stärker in Aktien investiert, später steigt zur Risikobegrenzung der Anteil sicherer verzinster Anlagen.

Wie groß ist das Verlustrisiko?

Gerade in Deutschland stehen viele Menschen Börseninvestments skeptisch gegenüber. Ein großer Teil des privaten Vermögens liegt weiterhin auf Giro- oder Tagesgeldkonten, die oft nur geringe oder gar keine Zinsen bringen.

Befürworter verweisen darauf, dass langfristige Anlagen an den Aktienmärkten historisch meist gute Erträge gebracht haben. Nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts erzielte ein Sparplan auf den Dax in den vergangenen 20 Jahren im Schnitt fast neun Prozent Rendite pro Jahr – trotz Finanzkrise und anderer Turbulenzen. Wer monatlich 50 Euro investiert hätte, wäre demnach aus 12.000 Euro Einzahlung auf mehr als 32.000 Euro gekommen.

Auch breit gestreute Weltindizes wie der MSCI World entwickelten sich über längere Zeiträume ähnlich stark. Kurzfristige Einbrüche, etwa nach dem Platzen der Dotcom-Blase, während der Finanzkrise oder in der Euro-Schuldenkrise, änderten langfristig nichts am Aufwärtstrend. Anders kann es bei einzelnen Aktien aussehen, bei denen das Verlustrisiko deutlich höher ist.

Mögliche Vorteile für die Wirtschaft

Merz sieht in der Kapitalrente nicht nur eine Reform der Altersvorsorge, sondern auch einen Impuls für den Wirtschaftsstandort. Nach seiner Einschätzung könnten dadurch jedes Jahr mindestens 30 Milliarden Euro zusätzlich in die Wirtschaft fließen.

Die Idee dahinter: Wenn mehr Geld über den Kapitalmarkt investiert wird, verbessert das die Finanzierungsmöglichkeiten von Unternehmen. Börsengänge könnten attraktiver werden, Investitionen erleichtert und im besten Fall neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Auch Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner bewertet den Vorschlag positiv. Eine stärkere Einbindung des Kapitalmarkts nach schwedischem Vorbild sei aus seiner Sicht ein nötiger großer Schritt hin zu einer zukunftsfesten Altersvorsorge. Zudem könne dies die Finanzierung deutscher Unternehmen stärken.

Profitieren vor allem Banken und Fondsanbieter?

Nach den Vorstellungen der Rentenkommission soll das Geld entweder über einen Staatsfonds oder durch die Bundesbank verwaltet werden – und zwar zu sehr niedrigen Kosten von etwa 0,1 Prozent im Jahr. Damit würde die Finanzbranche wohl weniger profitieren, als manche Anbieter gehofft hatten.

Teile der Branche hätten es lieber gesehen, wenn der Staat stärker auf private oder betriebliche Vorsorgelösungen setzt, bei denen Banken, Versicherer und Fondsanbieter eigene Produkte verkaufen können.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft kritisiert deshalb ein zentral vom Staat organisiertes System nach schwedischem Muster. Ein solcher Ansatz schaffe zusätzlichen Verwaltungsaufwand, baue Doppelstrukturen auf und könne politische Einflussnahme auf die Kapitalanlage begünstigen. Grundsätzlich befürwortet auch der Verband mehr Kapitaldeckung, hält aber eine Stärkung bestehender privater und betrieblicher Vorsorgemodelle für sinnvoller.

Was die Kritiker einwenden

Zu den bekanntesten Kritikern zählt der Ökonom Achim Truger. Er bemängelt, dass die Unsicherheiten der Finanzmärkte in der Debatte zu wenig berücksichtigt würden. Erwartungen von realen Renditen von fünf Prozent pro Jahr nach Kosten hält er für zu optimistisch.

Außerdem warnt Truger vor einer doppelten Belastung in der Übergangsphase. Beitragszahler müssten weiterhin die laufenden Renten im Umlagesystem finanzieren und gleichzeitig zusätzlich Geld für den neuen Kapitalstock aufbringen. Das könne den privaten Konsum spürbar schwächen.

Auch Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger äußert Vorbehalte. Mehr Kapitaldeckung sei zwar grundsätzlich sinnvoll, sollte aus seiner Sicht aber freiwillig über private und betriebliche Vorsorge organisiert werden – nicht über ein staatliches Pflichtmodell. Er warnt vor Zusatzkosten von mehr als 40 Milliarden Euro jährlich für Unternehmen und Beschäftigte. Das würde die Nettoverdienste senken und Arbeit weniger attraktiv machen.

Fazit

Die geplante Kapitalrente soll die gesetzliche Altersvorsorge auf ein breiteres Fundament stellen und zugleich dem Kapitalmarkt sowie der Wirtschaft Impulse geben. Die Erfahrungen aus Schweden sprechen für die Chancen eines solchen Modells. Gleichzeitig bleiben erhebliche Fragen offen: Wie hoch sind die tatsächlichen Risiken? Wie stark werden Beschäftigte und Betriebe zusätzlich belastet? Und wie gut lässt sich ein solches System in Deutschland umsetzen?

Damit dürfte die Debatte über die Kapitalrente noch lange nicht beendet sein.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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