Fußball

Darum reden Fußballer plötzlich von «Aura» und «eklig»

WM läuft – und plötzlich ist alles «gezogen», «eklig» oder pure «Aura»: Was der neue Fußball-Sprech wirklich verrät.

25.06.2026, 07:00 Uhr

Moderator Micky Beisenherz hat sich zuletzt kräftig über eine Formulierung aus dem Fußballjargon aufgeregt. Nachdem er die Partie Wolfsburg gegen Paderborn gesehen hatte, störte ihn besonders, dass Experte Lars Stindl mehrfach sagte: „Die haben das Spiel gezogen.“ Im Podcast „Fußball MML“ machte Beisenherz seinem Ärger Luft: Das könne er einfach nicht mehr hören, sagte er sinngemäß, und regte sich hörbar darüber auf.

Wer nur gelegentlich in die Sprachwelt des Profifußballs eintaucht – etwa rund um eine WM – dürfte sich tatsächlich wundern, welche Begriffe dort inzwischen selbstverständlich geworden sind. Einige Wörter haben in den vergangenen Jahren steil Karriere gemacht. Ein Überblick über typische Formeln des modernen Fußballsprechens.

„Ein Spiel ziehen“

Früher sprach man im Fußball schlicht davon, ein Spiel zu gewinnen. Heute wird eine Partie häufig „gezogen“. Vor allem nach vergebenen Chancen fällt dann oft der Satz, man müsse eben eine davon machen, wenn man „so ein Spiel ziehen“ wolle.

Das Bild erinnert an ein Tauziehen: Wer stark genug anpackt, zieht Erfolg, Sieg oder Momentum auf die eigene Seite. Der Ausdruck vermittelt, dass man den Ausgang eines Spiels fast nur mit Willen und Zugriff erzwingen müsse. Das lässt die Zufälligkeit des Sports kleiner wirken – etwas, das im modernen Fußball offenbar nicht besonders geschätzt wird.

„Die Gruppe“

Der DFB hatte vor einigen Jahren versucht, den Beinamen „Die Mannschaft“ fest mit dem Nationalteam zu verbinden. Heute wirkt das fast wie ein Relikt. Stattdessen ist im Fußball immer häufiger von „der Gruppe“ die Rede.

Der neue deutsche Fußballsprech
Wie kommt der Ball ins Tor? Dafür braucht es heute «Lösungen». (Illustration) Quelle: Tobias Hase/dpa

Bundestrainer Julian Nagelsmann äußerte sich etwa einmal über Niclas Füllkrug, er sei für die „Gruppe“ wichtig und sorge für gute Stimmung. Mitgenommen zur WM wurde er trotzdem nicht.

„Gruppe“ klingt offener und weicher als „Mannschaft“. Der Begriff erinnert eher an Teamdynamik, Moderation und soziale Prozesse als an klare Hierarchien. Nicht Gehorsam steht im Vordergrund, sondern der Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten – ähnlich wie in Büros, Seminaren oder Elternrunden.

„Eklig“

Nicht jede Mannschaft überzeugt durch feine Technik oder spielerische Eleganz. Manche Teams leben davon, Gegnern den Spaß am Spiel zu nehmen, robust zu verteidigen und ständig zu stören.

Früher nannte man solche Gegner unangenehm, kampfstark oder kompakt. Heute heißt es oft: Sie seien „eklig“ zu bespielen. Ein Satz wie „Heidenheim ist immer eklig zu bespielen“ gehört längst zum üblichen Ton.

Bemerkenswert ist dabei, dass ein Wort, das eigentlich eher an verdorbene Lebensmittel oder verstopfte Abflüsse denken lässt, im Fußball fast als Auszeichnung gilt. „Eklig“ beschreibt inzwischen Teams, die clever, widerstandsfähig und maximal unangenehm auftreten – also genau jene Qualitäten, die heute vielerorts als Stärke gelten.

„Lösungen“

Trainer wie Thomas Tuchel oder Pep Guardiola stehen für einen stark taktisch geprägten Blick auf das Spiel. Die bekannte Geschichte, wonach beide in einem Restaurant Salz- und Pfefferstreuer verschoben haben sollen, um Spielzüge zu erklären, passt perfekt dazu.

Im heutigen Sprachgebrauch würde man wohl sagen: Sie suchten nach „Lösungen“. Der Begriff hat viele ältere Redewendungen verdrängt. Spieler suchen „spielerische Lösungen“, Trainer geben ihnen „Lösungen mit“ oder „an die Hand“.

Das Wort klingt sachlich, modern und fast technisch. Es erinnert an Managementsprache, an Logik, Analysen und reproduzierbare Abläufe. Dahinter steckt die Vorstellung, dass sich für jede Spielsituation mit genügend Wissen und Struktur eine passende Antwort finden lässt.

„Überragend“

Wer Interviews nach Abpfiff hört, stößt schnell auf eine weitere Lieblingsvokabel: „überragend“. Nicht selten werden mehrere Spieler, einzelne taktische Maßnahmen und sogar die Fans im selben Atemzug als überragend bezeichnet.

Damit verliert das Wort jedoch an Schärfe. Was einst für wirklich außergewöhnliche Leistungen reserviert war, wird heute schon für solide Auftritte im Ligaalltag verwendet. Das frühere „gut“ reicht offenbar oft nicht mehr aus.

Der Hang zu solchen Superlativen passt in eine Zeit, in der Bewertungen schnell ins Extreme rutschen. Alles soll größer, eindrucksvoller und spektakulärer klingen – auch dann, wenn es eigentlich nur um ein ordentliches Unentschieden geht.

„Aura“

Kaum ein Thema beschäftigte Fußball-Deutschland vor der WM so sehr wie die Frage, ob Manuel Neuer noch einmal nominiert werden sollte. Trotz seines Alters verweisen seine Unterstützer immer wieder auf eine besondere „Aura“.

Gemeint ist damit: Ein Stürmer wie Kylian Mbappé denkt vor dem Abschluss womöglich einen Moment länger nach, wenn ihm Neuer gegenübersteht. Bei einem Torwart ohne diese Ausstrahlung, so die Idee, würde er möglicherweise deutlich entschlossener abschließen. Belegen lässt sich das kaum.

Dass „Aura“ 2024 zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde, überrascht deshalb nicht. Gerade im Sport ist der Begriff weit verbreitet. Er steht für etwas schwer Messbares, für Präsenz, Wirkung und eine Art Restgeheimnis – also genau für das, was sich nicht in Taktiktafeln, Datenmodellen oder „Lösungen“ pressen lässt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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