Vinícius Júnior dürfte einen solchen Abend noch kaum erlebt haben: Mit zwei Treffern war Brasiliens auffälliger Offensivstar der entscheidende Mann beim 3:0 (2:0) gegen Schottland und damit maßgeblich am Gruppensieg bei dieser WM beteiligt. Als er nach dem Abpfiff seine Runde durchs Miami Stadium drehte, war er dennoch fast auf sich allein gestellt.
Nur zwei Mitspieler begleiteten den Angreifer von Real Madrid. Der Großteil der Mannschaft scharte sich stattdessen um einen anderen: Neymar. Dabei hatte der Routinier in seinem rund 15-minütigen Einsatz sportlich kaum Akzente gesetzt.
Doch Neymar bleibt Neymar: Brasiliens Rekordtorschütze, einst teuerster Fußballer der Welt und historisch betrachtet weiterhin ein Name mit gewaltiger Strahlkraft. Der 34-Jährige stand nach dem Spiel im Mittelpunkt eines euphorischen brasilianischen Fanblocks, umarmte Angehörige, nahm ein Kind auf den Arm und wirkte sichtlich bewegt.
"Genau das wollten wir erreichen", sagte Trainer Carlo Ancelotti. "Es war ein wirklich sehr gutes Spiel. Wir sind sehr zufrieden."
Neymar: "Ich hatte Herzklopfen"
Dass Neymar an diesem Abend so viel Aufmerksamkeit erhielt, obwohl Vinícius Júnior eigentlich der Spieler des Spiels war, hätte in anderen Situationen Unruhe auslösen können. Vor 64.478 Zuschauern in Miami störte sich daran jedoch offenbar niemand.
Neymar hatte wegen anhaltender Verletzungsprobleme und zuletzt einer Wadenverletzung die ersten beiden WM-Partien verpasst. Auch nach seiner Einwechslung beim Stand von 3:0 — nach Treffern von Vinícius Júnior (7./45.+3) und Matheus Cunha (60.) — wirkte er körperlich noch nicht bei voller Stärke.

Dennoch wurde deutlich, weshalb Ancelotti den Altstar für seine vierte Weltmeisterschaft berücksichtigt hat: Neymar besitzt Wirkungskraft — auf dem Platz, in der Kabine und auf den Rängen. Die Fans verlangten lautstark seine Einwechslung und feierten ihn begeistert.
"Ich hatte Herzklopfen. Ich war sehr nervös. Aber jetzt bin ich glücklich", sagte Neymar. "Alles ist gut gegangen."
Ancelotti und Vinícius Júnior harmonieren perfekt
Brasilien zeigte gegen Schottland zwar bislang seine beste Turnierleistung, doch zugleich wurde sichtbar, dass der Kader nicht die gleiche Tiefe und Klasse besitzt wie etwa Argentinien, Frankreich, Spanien oder England. Wenn der fünfmalige Weltmeister bei diesem Turnier mehr erreichen will als das erste K.-o.-Spiel am kommenden Montag, muss vieles zusammenpassen: die Atmosphäre im Team, der Umgang mit dem Druck und die Form der Schlüsselspieler.
Bei den ersten beiden Punkten kann Neymar trotz seiner körperlichen Probleme wichtig bleiben. Beim dritten führt derzeit kein Weg an Vinícius Júnior vorbei.
"Für mich gehört Vini zur absoluten Elite. Er ist ohne Zweifel einer der besten Spieler der Welt", sagte Ancelotti über den Angreifer, mit dem er bereits bei Real Madrid erfolgreich gearbeitet hat.
Warten auf das versprochene Geschenk
Bislang wird diese WM stark von prominenten Angreifern geprägt: Lionel Messi steht nach zwei Spielen schon bei fünf Toren, Kylian Mbappé und Erling Haaland jeweils bei vier. Mit seinem Doppelpack zog Vinícius Júnior nun zumindest mit Mbappé und Haaland gleich.
Das motiviert ihn zusätzlich — und Brasilien braucht diese Torgefahr auch dringend, nachdem mit Barcelonas Raphinha ein weiterer Ausnahmeoffensivspieler verletzt ausgefallen ist.
Wie wohl sich Vinícius unter Ancelotti fühlt, machte er nach dem Spiel selbst deutlich.
"Ich freue mich sehr über die Tore. Heute war sogar ein Kopfball dabei", sagte der 25-Jährige. "Ich hatte dem Trainer versprochen, dass ich so einen machen würde. Er meinte, das sei fast unmöglich, und hat mir dafür ein Geschenk versprochen. Darauf warte ich jetzt."
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber