Kimmich nach dem nächsten WM-K.o.: Kein Rückzug, keine Ausreden
Joshua Kimmich musste nach dem erneuten Scheitern bei einer Weltmeisterschaft wieder Rede und Antwort stehen. In den Gängen des Stadions von Foxborough, der Heimstätte der New England Patriots, wirkte die Situation vertraut – und doch anders als nach dem Vorrunden-Aus 2022 in Katar.
Damals hatte Kimmich vom wohl schwersten Moment seiner Laufbahn gesprochen und eingeräumt, mental in ein Loch fallen zu können. Dieses Mal zeigte sich der DFB-Kapitän gefasster, aufrechter und sehr klar in seiner Bewertung. Nach seinem 114. Länderspiel machte er deutlich, dass für ihn noch nicht Schluss ist: Einen neuen Anlauf werde er immer wagen, Aufgeben komme für ihn nicht infrage.
Der Profi des FC Bayern, der auf Vereinsebene an Erfolge gewöhnt ist, sprach ungewöhnlich offen über seine Erwartungen an die Nationalmannschaft. Schon als Kind habe er bei großen Turnieren fast nur deutsche Halbfinals, Endspiele und Titel erlebt. Diese Prägung wirke bis heute nach. Umso mehr schmerze es, dass die Mannschaft erneut weder Begeisterung ausgelöst noch den Menschen zu Hause ein Team geboten habe, mit dem sie sich identifizieren können.
Für Kimmich wiegt das Ausscheiden auch deshalb besonders schwer, weil seine Verantwortung über die Jahre gewachsen ist. Nach Russland 2018, Katar 2022 und nun dem Turnier in den USA ist es ihm mit unterschiedlichen Mannschaften kein einziges Mal gelungen, das Achtelfinale zu erreichen. Als Kapitän spüre er diese Verantwortung noch stärker.

Klare Selbstkritik statt Schuldzuweisungen
Kimmich vermied jede Ausrede. Weder das aberkannte 2:1 von Jonathan Tah noch das im Elfmeterschießen mit 3:4 verlorene Duell wollte er als Erklärung gelten lassen. Seine Botschaft war deutlich: Deutschland müsse den Anspruch und die Qualität haben, einen Gegner wie Paraguay zu schlagen. Wer es in 120 Minuten nicht schafft, dürfe sich weder auf Glück noch auf den Schiedsrichter berufen.
Auch die Turnierbilanz fiel schonungslos aus. Deutschland habe in vier Spielen gegen keinen echten Topgegner bestanden, stattdessen mehrfach Probleme gegen Teams gehabt, die nicht zur Weltspitze zählen. Kimmich bezog sich dabei ausdrücklich mit ein und räumte ein, selbst kein gutes Turnier gespielt zu haben.
Trotzdem stellte er sich erneut in den Dienst der Mannschaft und akzeptierte die ihm vom Bundestrainer zugedachte Rolle als Rechtsverteidiger. Gerade im letzten WM-Spiel wurde nach einer Umstellung in der Schlussphase allerdings sichtbar, dass seine größte Wirkung wohl im zentralen Mittelfeld entstanden wäre.
Auch Neuer zieht ein bitteres Fazit
Für Manuel Neuer endete ebenfalls die dritte Weltmeisterschaft in Serie ohne Happy End. Anders als Kimmich kann der Torhüter allerdings auf große WM-Erfolge zurückblicken – allen voran den Titelgewinn 2014. Nach seinem viel diskutierten DFB-Comeback nach zwei Jahren schien er gerade wieder zu einem wichtigen Faktor werden zu können, ehe das Turnier abrupt endete.
Sein Fazit fiel knapp und eindeutig aus: Er habe alles gegeben. Beim zehnten paraguayischen Strafstoß gelang ihm gegen Fabian Balbuena zwar noch eine Parade, für einen kurzen Moment blitzte jene besondere Ausstrahlung auf, die ihn über Jahre ausgezeichnet hatte. Wenig später war das Aus dennoch besiegelt.
Nach 128 Länderspielen dürfte damit wohl auch Neuers WM-Kapitel endgültig beendet sein. Seine Stimmung beschrieb er als enttäuscht. Jeder in der Mannschaft sei traurig und müsse mit der Situation nun umgehen.
Auch in der sportlichen Analyse war Neuer unmissverständlich. Deutschland habe nicht den nötigen Punch gehabt. Wenn man sich mit Mannschaften wie Frankreich messen wolle, müsse man ein Team wie Paraguay schlagen. Gerade deshalb sei dieses Aus im Achtelfinale so bitter – für den früheren Kapitän Neuer ebenso wie für den heutigen Spielführer Kimmich.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber