Fußball

Nagelsmann behalten? Das steckt wirklich dahinter

Nagelsmann will trotz Debakel bleiben – und ist bis 2028 gebunden. Muss der DFB jetzt handeln? Der Blick zurück gibt Antworten.

30.06.2026, 08:01 Uhr

Nach dem erneut viel zu frühen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft richtet sich der Blick zwangsläufig auf Julian Nagelsmann. Persönliche Konsequenzen zog der Bundestrainer nach dem K.o. gegen Paraguay im Elfmeterschießen aber nicht. An Rücktritt denkt der 38-Jährige nicht – im Gegenteil: Er würde das Amt gern weiter ausüben.

„Ich möchte es weiter machen. Ich stehe bereit, wenn man das möchte“, sagte Nagelsmann nach dem Ausscheiden.

Rudi Völler stärkte ihm vor der Abreise aus Foxborough demonstrativ den Rücken. Der DFB-Sportdirektor betonte: „Ich bin immer noch überzeugt davon, dass er der Richtige ist.“ Trotzdem stellt sich nach dem nächsten WM-Debakel nicht nur die Frage nach Nagelsmann, sondern auch nach Völler selbst. Beide haben beim DFB Verträge bis 2028.

Was für Nagelsmann spricht

Im Fußball wird bei Misserfolgen zuerst auf den Trainer geschaut. Doch die Probleme der Nationalmannschaft wirken grundlegender. Schon Joachim Löw, immerhin Weltmeistertrainer von 2014, schied 2018 in Russland mit zahlreichen bewährten Kräften und den Confed-Cup-Siegern von 2017 überraschend in der Vorrunde aus.

Auch Hansi Flick, der mit Bayern München alles gewann, erlebte 2022 in Katar dasselbe. Inzwischen feiert er auf Vereinsebene wieder Erfolge mit dem FC Barcelona. Das spricht dafür, dass die Krise des DFB-Teams nicht allein am Coach festzumachen ist.

Nagelsmann selbst verwies auf dieses Muster. Auch seine Vorgänger hätten vieles ausprobiert, an einem Stamm festgehalten und doch ein ähnliches Ergebnis erhalten. Damit rückt zwangsläufig auch die Qualität des Kaders in den Fokus. Echte Weltklasse ist im aktuellen Aufgebot nur punktuell zu erkennen. Dazu kamen Ausfälle wichtiger Spieler wie Serge Gnabry, Karl und Nico Schlotterbeck.

Hinzu kommt die Frage nach realistischen Alternativen. Viele Fans denken sofort an Jürgen Klopp. Ob er überhaupt verfügbar wäre, ist aber offen – und billig wäre eine solche Lösung kaum. Ein Festhalten an Nagelsmann würde dem DFB zumindest eine teure Abfindung ersparen.

Besonders schwer wiegt die Rückendeckung aus der Mannschaft. Kapitän Joshua Kimmich sagte, er hoffe, dass Nagelsmann nicht hinschmeiße, sondern weiter an sich und seine Fähigkeiten glaube. Im Team sitze niemand in der Kabine und zeige mit dem Finger auf den Trainer. Gerade in Krisenphasen sei das oft anders.

Auch Antonio Rüdiger stellte sich klar hinter den Bundestrainer. Nagelsmann sei ein Toptrainer, sagte der Abwehrchef. Wenn Deutschland bei drei Weltmeisterschaften in Folge so deutlich scheitere, müsse man grundsätzlich „alles“ hinterfragen – nicht nur den Trainer.

Was gegen Nagelsmann spricht

Ein einfaches „Weiter so“ birgt allerdings große Risiken. Genau diesen Fehler hat der DFB nach Ansicht vieler Kritiker bereits nach 2018 und 2022 gemacht. Damals hielt man erst an Löw, dann an Flick fest – ohne nachhaltige Wirkung. Der Ballast war jeweils zu groß, wertvolle Zeit ging verloren.

Bei Löw war die Ära nach dem WM-Aus 2018 faktisch vorbei, auch wenn der Abschied erst nach der EM 2021 kam. Flick blieb nach Katar nur noch wenige Monate im Amt und wurde nach dem 1:4 gegen Japan entlassen – damals von Völler.

Zwar gilt grundsätzlich, dass ein Trainer eine zweite Turnierchance verdient. Doch ob das auch für eine dritte Enttäuschung in Serie gilt, ist fraglich. Das EM-Aus 2024 gegen Spanien nach Verlängerung wurde noch akzeptiert, weil Leistung und Stimmung stimmten. Der letzte Platz beim Final Four der Nations League im Jahr darauf ließ die Zweifel jedoch wachsen.

Hinzu kommt Nagelsmanns eigener Anspruch. Er wollte mit Deutschland Weltmeister werden. Dieses Ziel wurde nicht knapp verfehlt, sondern klar. Schon das kann als Trennungsgrund gewertet werden.

Kritik gibt es außerdem an mehreren sportlichen Entscheidungen. So hätte Kimmich gegen Paraguay aus Sicht vieler Beobachter deutlich früher ins Mittelfeld rücken müssen. Stattdessen setzte Nagelsmann im Zentrum lange auf zwei Turnier-Neulinge.

Auch die Rückkehr von Manuel Neuer erwies sich weder kommunikativ noch sportlich als voller Erfolg – selbst wenn der Torwart im vierten WM-Spiel überzeugte. Fragwürdig wirkte zudem die Rollenverteilung im Kader, etwa bei Deniz Undav. Das Prinzip Hoffnung ging bei Spielern wie Jamal Musiala nicht auf. Und als das Spiel gegen Paraguay kippte, sollten plötzlich zuvor kaum berücksichtigte Akteure wie Leon Goretzka und Nick Woltemade die Wende bringen. Dieser Plan funktionierte nicht.

Braucht es einen kompletten Neustart?

Für den Weg Richtung EM 2028 und WM 2030 könnte ein echter Neuanfang nötig sein – mit unverbrauchten Köpfen und einer klar neuen Idee. Nagelsmann hat in den vergangenen Monaten viel Kredit verspielt, gerade auch bei den Fans. Das weiß er selbst. Er räumte ein, dass nicht jeder unterschreiben würde, dass er Bundestrainer bleiben sollte.

Doch nicht nur Nagelsmann steht zur Debatte. Auch Völler muss sich fragen lassen, ob er mit 66 Jahren noch der richtige Mann für einen grundlegenden Aufbruch ist. Zwar besitzt der Weltmeister von 1990 enorme Verdienste um den deutschen Fußball. Für einen radikalen Umbruch steht er aber nur bedingt.

Gerade die Vergangenheit zeigt, wie ein echter Einschnitt aussehen kann. Nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2004 in Portugal zog Völler als Teamchef noch in derselben Nacht die Konsequenzen und trat zurück. Mit Jürgen Klinsmann begann danach ein frischer, unkonventioneller Abschnitt beim DFB, an dessen Ende das Sommermärchen 2006 stand.

Deshalb richtet sich der Blick nun erneut auf Jürgen Klopp. Der 59-Jährige gilt für viele als Idealbesetzung für einen Neuaufbruch. Er selbst reagierte bei MagentaTV allerdings zurückhaltend: Er verstehe, warum sein Name genannt werde, aber das sei nicht der Moment, dazu etwas zu sagen.

Dort analysierte Klopp das deutsche WM-Aus sehr klar. Schon vor dem ersten deutschen WM-Spiel hatte er mit einer spitzen Bemerkung für Aufmerksamkeit gesorgt. Sein Satz über Nagelsmann endete mit dem viel beachteten Wort: „noch“.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen